Eine Heimat für beschädigte Seelen

Beschädigt
16 Jahre, ohne Ausbildung, ohne Familie, aber mit Kind – wohin jetzt?

Vanessa war 16, als sie merkte, dass sie schwanger war. Von Paul, ihrer großen Liebe. Paul war 17. Als er von dem Kind hörte, trennte er sich. Vanessas Verhältnis zu den Eltern war schwierig. Seit Paul weg war, wohnte sie mal hier, mal da. Schlief auf irgendeiner Couch.

Die Schule hatte Vanessa noch nie regelmäßig besucht. Mit Bauch traute sie sich gar nicht mehr hin. Während ihre Klasse den Hauptschulabschluss machte, ließ sie sich in einem Tattoo-Studio einen Rettungsanker stechen. Für das Kind. Es wegzugeben, kam für Vanessa nicht in Frage. War doch ihr Kind. Und Pauls.

Vanessa, die es nur in dieser Geschichte gibt, hat ihren Sohn bekommen. Und sie hat ein Zuhause gefunden. Vanessa lebt jetzt im Paulusheim in Heidelberg-Rohrbach, das dem „Sozialdienst katholischer Frauen“ (SkF) gehört. Seit 110 Jahren kümmert sich das Paulusheim um jugendliche Mütter mit Kind. Und um Kinder, deren Eltern das Jugendamt das Sorgerecht entzogen hat. Eine Heimat für beschädigte Seelen.

3,1 Millionen Euro – (fast) nur für junge Mütter und ihre Kinder

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Das Heidelberger Paulusheim II: Ein Haus (fast) nur für junge Mütter und ihre Kinder

Zehn Jahre ist es jetzt her, da verkauften die katholischen Frauen vom Heidelberger SkF ihre wunderschöne, aber sanierungsbedürftige Gründerzeitvilla in Ziegelhausen für einen guten Preis an die Software-Firma SAS. Der Erlös reichte für zwei moderne Gebäude im Heidelberger „Quartier am Turm“ und in Eberbach.

2009 wurden die beiden Häuser eröffnet. Jetzt hat der Sozialdienst katholischer Frauen noch ein drittes Paulusheim gebaut: Auf dem Nachbargrundstück in Rohrbach entstand ein Wohnheim für jugendliche Mütter und ihre Kinder. 3,1 Millionen Euro hat der Neubau gekostet, der stolze 1600 Quadratmeter umfängt. Am 14. Oktober 2016 wird das Haus eingeweiht.

Meist entscheiden sich die jungen Frauen für ihr Kind.

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Stolze Bauherren: Dr. Brigitte Spannagel-van Kaick, SkF-Vorsitzende und Thomas Burger, Heimleiter

Vanessa ist ein Ausnahme im Paulusheim. Weil sie ihren Sohn von Anfang an behalten wollte. Die meisten anderen jungen Mütter tun sich schwerer mit ihren neugeborenen Kindern. Die Psychologen sprechen von einer „Bindungsstörung“. Sie verschwindet in vielen Fällen, wenn die Mutter ihr Kind näher kennenlernt. Diesen Schutzraum bietet das Paulusheim. Hier haben die Frauen Zeit, sich für oder gegen ein Leben mit Kind zu entscheiden. „Niemand redet den Frauen hier etwas ein“, sagt Heimleiter Thomas Burger. „Wenn eine Mutter ihr Kind nicht behalten möchte, wird eine andere Familie gesucht.“

Oft kommt das aber nicht vor. Meist entscheiden sich die Frauen für das Neugeborene. „Ein Kind setzt ungeheuer viel Kraft und Motivation frei“, lächelt Heimleiter Burger. Entsprechend hoch ist die Nachfrage nach Plätzen im Paulusheim. Das Einzugsgebiet reicht bis nach Heilbronn, Pforzheim und Frankfurt.

Alles begann mit dem „St. Paulusheim für gefallene Mädchen“

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Heidelberg 1907, Plankengasse: Das erste Paulusheim

„Gefallene Mädchen“ nannte man ledige Mütter vor hundert Jahren. Sie standen damals schutz- und mittellos. Meist blieb nur der Abstieg in die Prostitution. Agnes Neuhaus, eine fromme Dortmunder Witwe, konnte das Elend der jungen Frauen nicht länger ansehen. 1899 gründete sie einen Verein, der später „Sozialdienst katholischer Frauen“ genannt wurde. Unermüdlich sammelte Agnes Neuhaus Spenden, um ledigen Müttern ein anständiges Leben zu ermöglichen.

Anna Maria Gräfin Graimberg, die couragierte Schwiegertochter des Heidelberger Schlossretters, hörte von der Dortmunder Aktion, fand sie wichtig und erwarb 1907 in der Plankengasse 2 unterhalb des Heidelberger Schlosses ein Haus: Das „St. Paulusheim für gefallene Mädchen“. Bei der Eröffnung lebten hier sieben Frauen und sechs Kinder. Drei Jahre später waren es schon 102 Frauen.

Die Bewohnerinnen des Paulusheims wuschen Wäsche für die Haushalte am Schlossberg, bügelten und besserten aus. Vor allem aber entwickelten sie langsam wieder Perspektiven für ihr Leben. „Das Ziel ist es“, notierte Gräfin Graimberg, „dass die Frauen ihre Pflichten als Mutter verstehen, indem sie ihr Kind selbst nähren und pflegen, und in der Liebe zu dem Kind einen Halt finden für das fernere Leben.“

18 Appartements für Mütter und ihre Kinder

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Haus 1 des neuen Paulusheims entstand 2009 in Heidelberg-Rohrbach

18 Appartements für junge Mütter und ihre Kinder gibt es im Rohrbacher Paulusheim anno 2016. „Natürlich kann auch ein Vater mit Kind bei uns einziehen“, überlegt Thomas Burger. „Aber das kommt selten vor.“ Dass Mutter, Vater und Kind ein Appartment gemeinsam bewohnen, sieht der Gesetzgeber nicht vor.

Was der Sozialdienst katholischer Frauen bedauert. „Wir möchten die jungen Väter doch dazu bringen, Verantwortung für ihr Kind zu übernehmen“, sagt Dr. Brigitte Spannagel-van Kaick, die Vorsitzende des Heidelberger SkF. Für den Fall, dass sich die rechtlichen Vorschriften ändern, hat man im Rohrbacher Neubau vorgesorgt. Zwei der Appartements lassen sich in eine „Familienwohnung“ verwandeln.

27 Quadratmeter, verteilt auf eineinhalb Zimmer und Bad, stehen jeder jungen Mutter zur Verfügung. Alle Wohnungen haben große Fenster und sind zweckmäßig möbliert. Ihren neuen Alltag bewältigen die Frauen gemeinsam mit ihrer Wohngruppe. Kochen, putzen, wickeln, spielen. Heute, morgen, übermorgen.

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18 Appartement für junge Mütter stehen zur Verfügung, doch gekocht wird gemeinsam

Den meisten jungen Frauen im Paulusheim ist ein geregelter Tagesablauf fremd

Den meisten junge Frauen im Paulusheim ist solch ein geregelter Tagesablauf fremd. „Oft besitzen sie nicht einmal einen Strampelanzug für ihr Kind“, berichtet Brigitte Spannagel-van Kaick. Sie ist Ärztin im Ruhestand. „Wenn diese Frauen erleben, dass sich andere Mütter in einer ähnlichen Situation befinden, entwickeln sie wieder Zuversicht in die eigene Leistungsfähigkeit.“ Die professionellen Betreuer stehen minderjährigen Müttern rund um die Uhr zur Verfügung. Frauen, die schon länger im Heim leben, bleiben nachts und am Wochenende meist allein.

Der Erste Weltkrieg. Die Väter fielen im Feld. Die Mütter wurden vor Schmerz und Überlastung schier wahnsinnig und jagten ihre Kinder einfach vom Hof. Die Mädchen und Jungen kamen ins Paulusheim. Als 1917 in der Plankengasse kein weiteres Kind mehr untergebracht werden konnte, half die katholische Pfarrgemeinde Heilig Geist. Sie erwarb ein Anwesen in der Hauptstraße 248. Das war die Geburtsstunde des Paulusheims für Kinder.

Türen aus Glas, damit man drinnen sieht, wer draußen steht

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Feierliche Segnung: v.l. Heimleiter Thomas Burger, Weihbischof Bernd Uhl, SkF-Vorsitzende Brigitte Spannagel-van Kaick

Weniger als drei Prozent der Frauen in Deutschland bekommen heutzutage vor ihrem 18. Geburtstag ein Kind. Das steht in einer Studie der „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“. Im Durchschnitt sind deutsche Frauen über dreißig Jahre alt, wenn sie zum ersten Mal schwanger werden. Sie sind gut ausgebildet und konnten eine Partnerschaft aufbauen.

Die jungen Mütter im Paulusheim dagegen haben oft Drogen, Missbrauchs- und Gewalterfahrungen. Im Paulusheim sind alle Eingangstüren aus Glas, sagt Thomas Burger. Damit die, die drinnen sind, sehen, wer draußen steht. „Vor einiger Zeit hatten wir hier vier Mütter, die aus der Obdachlosigkeit kamen. Die Prognosen waren schlecht“, erzählt Burger. Drei der Frauen haben es geschafft, im Leben mit Kind wieder Fuß zu fassen.

„Sozial benachteiligte Teenager“, berichtet die Studie des Gesundheitsamts weiter, „werden besonders häufig Mütter.“ Weil nämlich „Frauen ohne Berufsperspektive in dem Kind eine Möglichkeit sehen, ihr Leben mit einer sinnvollen Aufgabe zu füllen, Anerkennung über die Mutterrolle zu gewinnen und für eine kurze Zeit auch eine finanzielle Basissicherung zu erhalten.“ Eine Bankrotterklärung für ein reiches Land wie unseres.

Viele junge Mütter würden gern als Kranken- oder Altenpflegerin arbeiten. Aber Schichtdienst mit Kind geht nicht.

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Junge Mütter ohne familiäre Rückendeckung haben in unserem Land praktisch keine Chance.

Tatsächlich haben junge Mütter ohne familiäre Rückendeckung praktisch keine Chance, sich ein unabhängiges Leben aufzubauen. „Sie bleiben in den überwiegenden Fällen alleinerziehend und auf Hartz IV angewiesen“, weiß Heimleiter Burger. Schuld daran sind unflexible Arbeitszeiten und miserabel bezahlte Halbtagsjobs. Viele der Paulusheim-Mütter würden gerne als Kranken- oder Altenpflegerin arbeiten. Aber Schichtdienst und Kind – das geht nicht.

Bleibt der Verkauf. Hier kann man zwar die Arbeit besser mit den Kita-Zeiten abgleichen, die Entlohnung ist dafür umso bescheidener. „Versuchen Sie mal als alleinerziehende Bäckereiverkäuferin mit halber Stelle über die Runden zu kommen“, sagt Burger. „Das ist nicht zu schaffen.“

„Wir brauchen dringend Ausbildungsberufe in Teilzeit“

Die Lösung wäre eine gute Berufsausbildung. Doch wie soll eine Mutter, die selbst noch ein halbes Kind ist, acht Stunden am Tag in die Lehre gehe und danach noch Kind und Haushalt versorgen? „Wir brauchen dringend mehr Ausbildungsberufe in Teilzeit“, fordert Thomas Burger. „Warum ist es nicht möglich, fünfjährige Ausbildungen anzubieten?“

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Die Folgen des Friedens: Uneheliche Kinder von amerikanischen Soldaten

Zumal die Frauen, „auch noch mit ihren speziellen Handicaps“ (Burger) zu kämpfen haben. Wer einmal ganz unten war, braucht lange, bis er wieder Vertrauen in seine Fähigkeiten entwickelt.

Mit dem Ende des Zweite Weltkrieg kamen die Amerikaner nach Heidelberg. GIs, allein im fremden Land, trafen auf ausgehungerte deutsche Mädchen. Die Zahl der unehelichen Kinder im Paulusheim explodierte. Der Sozialdienst katholischer Frauen musste drei Häuser hinzukaufen. Doch wo sollten all die Kinder spielen? Der Jubel war groß, als es dem SkF 1957 gelang, die Altstadthäuser gegen eine Villa mit Grundstück zu Füßen der Abtei Neuburg einzutauschen. Das Paulusheim hatte für die nächsten fünfzig Jahre sein Zuhause gefunden.

Ganz egal, was ihnen die Eltern auch angetan haben. Kinder wollen immer nach Hause.

32 Kinder und Jugendliche leben derzeit fest in den Paulusheimen. Die Jugendämter haben sie hier untergebracht. „Diese Kinder haben im Elternhaus Verwahrlosung, Gewalt, Missbrauch und Drogenabhängigkeit erlebt“, berichtet Brigitte Spannagel-van Kaick. Zwei bis fünf Jahre bleiben die Kinder, oft sind es Geschwister, im Heidelberger Paulusheim. Sie werden intensiv psychologisch und sozialpädagogisch betreut, gehen aber in eine Regelschule, treiben Sport und haben Hobbys.

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Platz zum Spielen: Die Villa im Stiftsweg 1 war 50 Jahre lang das Zuhause des Paulusheims

Und: Sie besuchen regelmäßig ihre Eltern. Selbst in der Klinik oder im Gefängnis. Brigitte Spannagel-van Kaick: „Es ist unglaublich, wie sehr Kinder an ihren Familien hängen. Ganz egal, was ihnen im Elternhaus angetan wurde, der größte Wunsch bleibt immer, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen.“

Auch Vanessa und Paul sind wieder zusammen. Locker. Jeden Sonntag besucht Paul seinen Sohn. Volltätowiert und mit Tunnels in den Ohrläppchen. Vater und Sohn sitzen dann zusammen auf der Schaukel im Garten des Paulusheims. Sanft wiegen sie vor und zurück. Stundenlang. Paul lächelt.

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