Ikonen zwischen Tankstellen

Die erste neu gebaute rumänisch-orthodoxe Kirche Deutschlands

Vier Jahre hat Mannheim gerätselt, was da draußen in Käfertal zwischen Tankstelle und Friedhof wohl entsteht. Es könnte eine Kirche sein. Aber wer baut heutzutage noch Kirchen? Und dann diese Kuppel. Sieht sie nicht irgendwie orientalisch aus?

Constantin Prihoanca, orthodoxer Theologe aus Heidelberg, muss lachen, wenn er an all diese Fragen zurückdenkt. „Bis wir die Kreuze auf das Dach montiert haben, waren die Leute fest davon überzeugt, dass es eine Moschee wird.“ Woher sollten sie auch wissen, wie eine rumänisch-orthodoxe Kirche aussieht? Die Mannheimer ist die erste, die in Deutschland je gebaut wurde.

Im orthodoxen Gottesdienst verschmelzen Zeit und Ewigkeit

Mit abendländischen Augen betrachtet ist das kreuzförmige Kirchenschiff perfekt: Hoch, hell und heilig. Alles strahlt in reinem Weiß. Genau so werden katholische und evangelische Kirchen heutzutage saniert. Eine rumänisch-orthodoxe Gemeinde jedoch kann mit einem weißen Raum nichts anfangen. Ihr fehlen die Ikonen und die Wandmalereien.

Ein unfertiger Gottesdienst-Raum. Es fehlen Ikonen und Wandmalereien.

„Die Beziehung zu Gott ist in der Orthodoxie sehr direkt“, erklärt Constantin Prihoanca. „Wir treten mit Gott in Verbindung über Jesus Christus und die Heiligen, die in den Ikonen sichtbar sind.“

Ikonen sind mehr als nur prachtvolle Bilder. Für orthodoxe Christen sind Pforten zum Himmel, die eine direkte Begegnung mit Christus oder den Heiligen möglich machen. So wie im orthodoxen Gottesdienst die Grenzen der Zeit aufgehoben sind. „Die Heilige Liturgie führt die Menschen aus seiner Gegenwart hinaus und in eine Begegnung mit der Ewigkeit hinein“, formuliert Prihoanca.

Die Malereien, die dereinst die Kuppel bedecken werden, gewähren einen Blick in den Himmel

Als Skizze auf dem Papier ist die Ikonostase, die prachtvolle Ikonenwand zwischen Gemeinde- und Altarraum, für die Mannheimer Kirche längst fertig. Man sieht vier große Ikonen in der Mitte und acht kleinere an den Seiten. Die großen Ikonen können wie Türen geöffnet werden, so dass die Gemeinde während der Heiligen Liturgie den Altar erahnen kann.

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Fastet 182 Tage im Jahr: Der Theologe Constantin Prihoanca

Die Malereien, die dereinst Wände und Kuppel komplett bedecken werden, gewähren einen Blick in den Himmel. Hoch oben thront Christus. Ihm zu Füßen sitzen die zwölf Apostel, dann folgen die Heiligen. „Jede gerettete Seele hat ihren festen Platz im Himmel“, sagt Ioan Popescu, der rumänisch-orthodoxe Priester der Rhein-Neckar-Region, und zeigt einen Bildband von der phantastisch ausgemalten Kathedrale von Hermannstadt (Sibiu). Für solch eine Pracht fehlt den Rumänen in Mannheim das Geld. Momentan behelfen sie sich mit zwei großen freistehenden Ikonen. Auf der einen sieht man Christus mit den zwölf Aposteln, auf der anderen die Gottesmutter.

20 Millionen rumänisch-orthodoxe Christen gibt es weltweit

Spenden im Wert von mindestens 100000 Euro müssen die Rumänen der Rhein-Neckar-Region sammeln, um die Ikonen und die Wandmalerei in Auftrag geben zu können. Es wird nicht einfach sein, diesen Betrag zu beschaffen, denn die Gemeindemitglieder haben schon für den Bau ihrer Kirche rund 500000 Euro zusammengetragen. Viel ist das nicht für so ein großes Gotteshaus. „Wir haben viel Eigenleistung erbracht“, nickt Pfarrer Popescu.

Pfarrer Ioan Popescu: Ikonen sind kein Bilder, sondern Pforten in den Himmel

Zwanzig Millionen rumänisch-orthodoxe Christen gibt es weltweit. Etwa halb so viele Mitglieder zählt die griechisch-orthodoxe Kirche; der russisch-orthodoxen Kirche gehören hundert Millionen Menschen an. Ostern feiert die gesamte Orthodoxie am gleichen Tag. Sie orientiert sich dabei am alten julianischen Kalender.

Weihnachten dagegen ist für die rumänisch-orthodoxen Christen nach dem gregorianischen Kalender am 25. Dezember. In der Heiligen Liturgie verwandeln sich nach dem Glauben der rumänisch-orthodoxen Kirche Brot und Wein in Christi Leib und Blut. Das orthodoxe Credo sagt, dass der Heilige Geist nur von Gottvater ausgeht und nicht von Vater und Sohn zugleich.

„Die Freiheit ist in der Orthodoxie unendlich“

Etwa drei Stunden dauert die „Heilige Liturgie“. Kirchenbänke gibt es keine. Man steht. Weil das ziemlich anstrengend ist, kommen etliche Gottesdienstbesucher später. „Die Freiheit ist in der Orthodoxie unendlich“, erklärt Constantin Prihoanca. „Die Grenzen, innerhalb derer man sich bewegen darf, sind weit.“

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Der Traum: Die vollständig ausgemalte Kathedrale von Sibiu

Das gilt auch für die Fastenzeiten. Eigentlich fasten rumänisch-orthodoxe Christen jeden Mittwoch und jeden Freitag, vor etlichen Feiertagen sowie je vierzig Tage Ostern und vor Weihnachten. Insgesamt zählt die rumänische Kirche 182 Tage Fastentage im Jahr, hat Theologe Prihoanca ausgerechnet. „Die Fastenzeiten dienen der innere Abrechnung und Erneuerung. Man betrachtet sein Leben und fragt sich: Ist das, was ich mache, richtig?“

Wie viele Rumänen in der Rhein-Neckar-Region leben, weiß niemand genau. Nach offiziellen Angaben sind es etwa 10000, doch die Dunkelziffer ist hoch. Manche sprechen von 60000. Und jeden Monat kommen 150 bis 200 Neuankömmlinge hinzu, die vor der Armut in ihrer Heimat nach Mannheim flüchten. Eine schwierige Situation. „Die soziale Stufung in unserer Gemeinde ist groß“, bestätigt Constantin Prihoanca. Den Armutsflüchtlingen stehen hochqualifizierte rumänische Akademiker gegenüber, die gut verdienen.

Der Kommunismus hat es nicht geschafft, die Religion zu vernichten

Beim Sonntagsgottesdienst in Käfertal oder einmal im Monat in Heidelbergs katholischen St. Anna-Kirche trifft man nur einen Bruchteil der Gemeinde an. „Etwa drei Prozent kommen regelmäßig“, schätzt Pfarrer Popescu. Aber in der Osternacht drängeln sich mehr als 1500 Gläubige auf dem Rasen vor der Kirche.

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Hoher Besuch: Metropolit Serafim Joanta feiert die Heilige Liturgie

Anders als in den anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks ist es dem Kommunismus in Rumänien nicht gelungen, die Religion zu vernichten. „Als 1992 die Bevölkerung gezählt wurde, gaben nur ganz Wenige an, dass sie keiner Religion angehören“, erzählt Priohanca.

Dabei konnte das kirchliche Leben vierzig Jahre lang nur imUntergrund stattfinden. „In jedem Sonntagsgottesdienst saßen Geheimpolizisten“, erinnert sich Priohanca. Wer zur Kirche ging, musste damit rechnen, seinen Arbeitsplatz zu verlieren oder im Gefängnis zu laden. „Trotzdem haben fast alle Rumänen im Verborgenen kirchlich geheiratet und ihre Kinder taufen lassen.“ Nach der Revolution 1989 wurden innerhalb weniger Monate über 2000 neue Kirchen in Rumänien gebaut.

Und heute? Die wirtschaftliche Situation sei schwierig und die Korruption hoch, hört man in der rumänisch-orthodoxen Gemeinde. Das Ausland lockt, zumal es Rumänen nicht schwer fällt, die mittel- und südeuropäischen Sprachen zu lernen. „Wir sind ein lateinisches Volk“, sagt Constantin Priohanca.  „Französisch, Italienisch und Spanisch ist für uns kinderleicht.“

 

 

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