Schlicht, hell, heilig

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Völlig verändert: Die evangelische Kapelle in der Heidelberger Plöck

Unwillkürlich kneift man die Augen zusammen. Wie hell es hier ist. Dann staunt man. Handelt es sich bei dieser hohen, eleganten Kirche wirklich um die evangelische Kapelle in der Heidelberger Plöck?

Noch vor einem Jahr stand im Innenhof des Wilhelm-Frommel-Hauses ein dunkles, stets ein wenig muffiges Gotteshaus. Wie eine Zentnerlast hing die Empore über dem Altar; der Teppichboden verbreitete Siebziger-Jahre-Flair. Jetzt ist alles weiß, die Empore verschwunden und am Boden glänzt heller Stein.

„Man zieht sich gern zurück in die Geborgenheit bei Gott“

Die „neue“ Kapelle ist komplett auf den Altar hin zentriert

Florian Barth ist glücklich. „Die Schlichtheit der Materialien, die hellen Wände und das Lichtkonzept geben der Kapelle Sakralität“, schwärmt der evangelische Kapellenpfarrer. „Hier zieht man sich gern zurück in die Geborgenheit bei Gott.“

800 000 Euro hat die Renovierung gekostet. Architekt Frank Stichs hat den Kirchenraum auf den Altar hin zentriert. Er steht auf einem breiten, flachen Podest und hat auf allen vier Seiten weiten Raum um sich herum. „Als Diakoniekirche feiern wir oft Mitmachgottesdienste, bei denen sich die Gemeinde um den Altar versammelt“, erklärt Pfarrer Barth.

Die Kanzel verschmilzt optisch mit der Wand

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Zwei neue hohe Fenster versorgen den Chor zusätzlich mit Licht

Die Kanzel, einst das Herzstück der Kapelle, wird heute kaum mehr genutzt. Komplett geweißt verschmilzt sie optisch mit der Wand. Zwei neue hohe Fenster versorgen den Chorraum mit zusätzlichem Licht. Noch sind sie durchsichtig, aber die farbigen Scheiben wurden bereits beim Glaskünstler Johannes Schreiter in Auftrag gegeben.

Auch technisch ist die Kapelle endlich im 21. Jahrhundert angekommen. Die elektrischen Leitungen aus der Vorkriegszeit wurden erneuert; eine moderne Fußboden- und Wandheizung eingebaut. Sämtliche Fenster und das Dach sind jetzt isoliert, so dass die riesigen Energierechnungen endlich der Vergangenheit angehören. Besonders gelungen ist das Beleuchtungskonzept in der neuen Kapelle. Schlichte weiße Strahler heben gezielt den Stuck und die eleganten Bögen hervor. Florian Barth: „Wenn es dunkel ist, verschwinden die Lampen und man sieht nur noch Licht.“

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Das „Logo“ der Kapelle: Das Lamm mit sieben Siegeln

Die historistischen Fenster aus dem Jahr 1876 sind durch die Renovierung zu echten Highlights avanciert. Im Kontrast zu den weißen Wänden leuchten sie in nie gesehener Brillanz und erschaffen eine „bunte, fröhliche Atmosphäre“ (Barth). An ihren ursprünglichen Platz zurückgekehrt ist eine kleine runde Glasrosette, die das Logo der Kapelle zeigt: Das Lamm mit den sieben Siegeln aus der Apokalypse des Johannes. Von hinten beleuchtet strahlt das Lammfenster als einziger Schmuck an der Rückwand des Altars.

Die Kapelle ist die Hauskirche der Evangelischen Stadtmission

Die Kapelle ist die Hauskirche der Evangelischen Stadtmission; Nächstenliebe wird hier groß geschrieben. „Täglich kommen zahlreiche Menschen, die in Armut leben, um eine Tasse Kaffee zu trinken“, berichtet Pfarrer Barth. „Manna in der Kapelle“ nennt sich die Aktion, die jetzt in edlem Ambiente stattfindet.

Kapellenpfarrer Florian Barth ist glücklich über seine „neue“ Kirche

Im Foyer wurden zwei große Fenster, die jahrzehntelang zugemauert waren, freigelegt. Das hereinströmende Tageslicht umflort einen großzügigen Eingangsbereich, in dessen Mittelpunkt einen moderner Tresen aus hellem Holz steht. Eine Küchenzeile und diverse Schränke sind integriert. Viel Platz für das Kirchenkaffee nach dem Sonntagsgottesdienst, für Empfänge oder für das internationale Frauenfrühstück.

Vielleicht wird das Foyer ja auch zum Treffpunkt für Mütter, deren Kinder in der neuen Kinderkrippe der Stadtmission betreut werden. Das Kinderhaus soll direkt an die Kapelle angebaut werden; die Sakristei bildet die Schnittstelle zwischen Krippe und Kirche. Der Spielplatz der neuen Kinderkrippe erhält eine Riesenrutsche, die direkt an der Außenwand der Kirche entlangläuft. Pfarrer Barth: „Damit ist die Kapelle die einzige Kirche Deutschlands mit einer eigenen Rutsche.“

Wie Heidelberg zur Kapelle kam

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Idyllisch inmitten einer Gärtnerei gelegen: Die Kapelle im Jahr 1890

Prinzessin Therese von Oldenburg war es gewohnt, dass man ihren Wünschen Folge leistete. Als sie im Jahr 1867 nach Heidelberg übersiedelte, um das Studium ihrer Söhne zu überwachen, wünschte die Prinzessin „einen Pfarrer, der etwas fürs Herz ist“.

Die vier evangelischen Prediger in der Heidelberger-Altstadt waren allesamt zu aufgeklärt für den Geschmack ihrer Hoheit. Eine Gruppe von Professoren machte Prinzessin Therese auf Pfarrer Wilhelm Frommel aufmerksam, der am Gymnasium arbeitete. Frommel gehörte einer Erweckungsbewegung an, die wie Johann Heinrich Wichern Frömmigkeit mit tätiger Nächstenliebe verbinden wollte.

Hätte Wilhelm Frommel eine Pfarrstelle bekommen, wäre die Kapelle nie gebaut worden

Die Prinzessin war so angetan von Wilhelm Frommel, dass sie ihn zu ihrem Hausprediger ernannte. Als Frommel 1868 trotz adliger Unterstützung nicht zum Pfarrer der Providenzkirche gewählt wurde, beschloss die Prinzessin von Oldenburg, ihre eigene Kirche zu bauen. Der „Evangelische Verein zur Fürsorge für sonntägliche Erbauung“ wurde begründet. Ein Jahr später nannte man ihn kurz „Kapellenbauverein“.

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Anfangs saßen in der Sonntagsschule der Kapelle bis zum 600 Kinder.

1875 erwarben die Vereinsmitglieder – Professoren, Kaufleute, Adlige – in der Plöck 47 das Grundstück der Gärtnerei Winkler. „15 000 Gulden, heute ungefähr 90 000 Euro, kostete der Bauplatz“, hat Hans Kratzert herausgefunden. Der Stadtmissions-Pfarrer im Ruhestand ist der profundeste Kenner der Kapellengeschichte. „Die Baukosten betrugen mehr als 60 000 Gulden, also rund 400 000 Euro.“ Am 2. Juli 1876 wurde die evangelische Kapelle unter großer Anteilnahme der Bevölkerung eingeweiht. Auf der Kanzel stand – natürlich – Wilhelm Frommel. Hätte er eine der Heidelberger Pfarrerstellen bekommen, wäre die Kapelle nie gebaut worden.

Predigtgottesdienste und Sonntagsschule – mehr durfte in der neuen Kapelle zunächst nicht stattfinden. Dennoch war das Gotteshaus bei den Heidelbergern sehr beliebt. „In der Sonntagsschule saßen manchmal bis zu 600 Kinder“, berichtet Kratzert. 1881, fünf Jahre nach der Einweihung der Kapelle, kam endlich die Genehmigung zur Feier des Abendmahls. Der Konfirmandenunterricht allerdings blieb bis 1920 verboten. Bis 1956 musste die Kapellengemeinde ihre Pfarrer selbst bezahlen.

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