Was ist dein einziger Trost im Leben?

Den „Heidelberger“ gibt es in 40 Sprachen.

Es gab eine Zeit, da war Heidelberg der Nabel der Welt. Die Stadt besaß die renommierteste Universität, die größte Bibliothek und das internationalste Publikum. Was in Heidelberg angesagt war, war überall in. So auch das schmale Büchlein, das Kurfürst Friedrich III. anno 1563 in der gesamten Kurpfalz verteilen ließ. Sein Titel: „Der Heidelberger Katechismus“. 

Sein Inhalt: Ein calvinistisches Glaubensbekenntnis, ordentlich verpackt in 129 Fragen. Bis heute wurde der Katechismus, inzwischen in vierzig Sprachen übersetzt, zig Millionen Mal verkauft und hat den Namen „Heidelberg“ rund um den Erdball berühmt gemacht.

Dabei war die Universitätsstadt am Neckar in Sachen Reformation eher ein Spätzünder. Martin Luther höchstpersönlich hatte sich schon im April 1518 auf den Weg in an den Neckar gemacht, um bei einer wissenschaftlichen Disputation seine neue Theologie zu präsentieren. Es war der erste öffentliche Auftritt des Reformators nach dem Thesenanschlag. Doch der reformatorische Funke wollte in Heidelberg nicht überspringen.

Der reformatorische Funke wollte in Heidelberg einfach nicht überspringen.

Martin Luther kam 1518 persönlich nach Heidelberg. Ohne zu punkten.

Erst 1544 wagte Kurfürst Friedrich II. einen zaghaften Versuch, die Kurpfalz nach lutherischem Bekenntnis zu reformieren. Als ihn der katholische Kaiser daraufhin bannte, was die übliche Reaktion war, machte Friedrich II. sofort einen Rückzieher und Heidelberg glaubte wieder römisch.

Dann kam Ottheinrich. Der fast 200 Kilo schwere Kurfürst fackelte nicht lange. Getreu dem Grundsatz des Deutschen Reiches „cuius regio, eius religio“ – wessen Herrschaft man unterstand, dessen Religion musste man annehmen – erklärte er 1556 die Kurpfalz für lutherisch. Doch auch das sollte nur drei Jahre währen. Die Völlerei brachte den schwergewichtigen Herrscher rasch ins Grab. Auf ihn folgte Friedrich III. und der war fromm, asketisch – und calvinistisch. Heidelberg hatte wieder ein neues Bekenntnis.

Verwirrung im Volk. Angst. Das Jüngste Gericht war für die Menschen im ausgehenden Mittelalter sehr nahe und sehr real. Was, wenn sie jetzt das Falsche glaubten bei diesem dauernden Wechsel? Drohte ihnen dann nicht die ewige Verdammnis?

Ein schmales Büchlein ohne Illustrationen im braunen Einband

Johannes Calvin im Fenster der Peterskirche.

Friedrich III. bemerkte die Unsicherheit seiner Untertan und beschloss, ihr abzuhelfen. Der Kurfürst berief den reformierten Theologen Zacharias Ursinus als Professor für Dogmatik an die Heidelberger Universität und erteilte ihm eine Auftrag von größter Dringlichkeit: Ursinus sollte einen „Katechismus unserer christlichen Religion aus dem Wort Gottes, beides, in deutscher und lateinischer Sprache, verfassen“. Dieses Lehrbuch des rechten Glaubens, so der Kurfürst, wolle man flächendeckend verteilen lassen. An Alt und Jung, Bauern, Lehrer, Pfarrer und Schüler.

Am 19. Januar 1563 lag der „Heidelberger Katechismus“ vor. Eine schmales Büchlein ohne Illustrationen im robusten braunen Einband, ungefähr so groß wie heutigen Taschenbücher. Obwohl der Katechismus von Anfang an in einer Auflage von mehreren hundert Stück unters Volk gebracht wurde, musste er noch im Erscheinungsjahr zwei Mal nachgedruckt werden. So groß war das Bedürfnis nach Glaubenssicherheit.

Kurfürst Friedrich III.: Fromm, asketisch und calvinistisch.

Zacharias Ursinus ist mit dem Katechismus sowohl ein theologisches wie auch publizistisches Meisterwerk gelungen. Ohne Umschweife holte er seine Leser genau an dem Punkt ab, an dem sie sich am meisten Sorgen machten: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ Besser kann man nicht einsteigen. Ursinus formuliert klar, knapp und beschränkt sich auf das Wesentliche. Satz für Satz erklärt der Katechismus das Apostolische Glaubensbekenntnis, er diskutiert jedes der zehn Gebote, erläutert die Funktion der Sakramente Taufe und Abendmahl und analysiert ausführlich das Vaterunser. Das alles auf nicht einmal 80 Seiten. In DIN A 5.

Holländische Glaubensflüchtlinge exportierten den Katechismus in die ganze Welt.

Frage 127: „Was bedeutet die sechste Bitte: Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen?“ Antwort 127: „Damit beten wir: Aus uns selbst sind wir so schwach, dass wir nicht einen Augenblick bestehen können. Auch hören unsere erklärten Feinde, der Teufel, die Welt und unser eigenes Wesen, nicht auf uns anzufechten. Darum erhalte und stärke uns durch die Kraft deines Heiligen Geistes, dass wir ihnen fest widerstehen und in diesem geistlichen Streit nicht unterliegen, bis wir endlich den völligen Sieg davontragen.“

Zwei originale Erstdrucke gibt es noch in Heidelberg.

Calvinistischen Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden, die ab Mitte des 16. Jahrhunderts zu Hauf in Heidelberg Asyl suchten, schickten den Katechismus zu Verwandten nach Holland. Von dort aus exportierten ihn reformierte Missionare per Schiff in die ganze Welt: Nach Amerika, nach Asien und nach Afrika. Die calvinistische Synode von Dordrecht, das ist eine niederländische Stadt etwa zwanzig Kilometer südöstlich von Rotterdam, erklärte 1619 den Heidelberger Katechimus zur „wichtigsten Bekenntnisschrift der reformierten Welt“.

In Heidelberg gibt es noch zwei Original-Exemplare aus dem Jahr 1563. Das eine hütet das Stadtarchiv wie seinen Augapfel, das andere liegt hinter fest verschlossen Türen in der Universitätsbibliothek.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.