Weltpremiere: Schreiter-Entwürfe auf Stoff

Hans Gercke (l.) und Florian Barth präsentieren die ersten Schreiter-Paramente

Es ist eine kleine Sensation, zumindest aus kunsthistorischer Sicht. Florian Barth, der Pfarrer der Heidelberger Kapellengemeinde in der Plöck, hat den großen Glaskünstler Johannes Schreiter überredet, zum ersten Mal in seinem Leben mit Stoff zu arbeiten. Der 83-Jährige entwarf für die evangelische Kapelle vier leuchtend-farbige Paramente, also künstlerisch gestalteten Textilien für den Kirchenraum.

Kapelle / Paramente von Schreiter / Prof. Hans Gercke / Pfarrer Thomas Barth„Professor Schreiter hat die Zeichnungen auf Papier ausgeführt und wir haben sie digital auf dünnen, festen Stoff drucken lassen“, erzählt Florian Barth. Die schmalen Schreiter-Kunstwerke schmücken die Vorderseite Kanzel über dem Altar. „Bisher war das der dunkelste Platz in der Kapelle“, sagt Barth. „Jetzt strahlt die ganze Kirche.“

Pfingsten leuchtet bei Johannes Schreiter orange

Weiß und rot, grün und violett – die vier liturgischen Farben. Weiß sind die Farbe des Lichts und der Auferstehung, also von Ostern und Weihnachten. Rot steht für den Heiligen Geist. Grün ist der Alltag, violett die Buße. Jedenfalls war das bisher so. Johannes Schreiter variiert das liturgische Farbspektrum ein wenig. Aus strengem Violett macht er zartes Flieder, die Tage im Jahreskreis taucht er in lichtes Hellgrün, und Pfingsten leuchtet orange. „Das ist eine sehr moderne Interpretation der liturgischen Farben“, meint der Kunsthistoriker Hans Gercke. Er ist Heidelbergs profundester Kenner von zeitgenössischer sakraler Kunst.

Kapelle / Paramente von Schreiter / Prof. Hans Gercke / Pfarrer Thomas BarthIm Zentrum aller vier Paramente steht das goldene Gelb. Damit hat Johannes Schreiter der Kapellengemeinde einen Herzenswunsch erfüllt. Direkt über der Kanzel nämlich befindet sich seit 150 Jahren ein hübsches rundes Fenster, in dem umhüllt von einer Aura aus Gold das Lamm Gottes ruht. „Dank der neuen Paramente fließt das Gold der Lamm-Lunette jetzt herunter auf die Kanzel, ergießt sich über den Altar und wird von den beiden Fenstern links und rechts wieder aufgenommen“, schwärmt Florian Barth.

Erstmals taucht wieder ein Kreuz in Schreiters Arbeiten auf

Der Theologe kann in diesem Farbenverlauf sogar eine Kreuzform erkennen. Die beiden Kirchenfenster für die evangelische Kapelle hat Johannes Schreiter im Sommer 2012 gestaltet. Sie interpretieren die Losungen der Diakoniekirche: „Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen“ und „Jesus Christus gestern und heute und derselbe in Ewigkeit“

Kapelle / Paramente von Schreiter / Prof. Hans Gercke / Pfarrer Thomas BarthSo schmal die vier neuen Paramente auch sind, ein jedes verkündet en miniature eine Botschaft. In den mittlerweile vertrauten Chiffren des Johannes Schreiter. Die Buße: Sieben Wochen lang bereitet das zartviolette Parament die Kirchenbesucher auf den Karfreitag vor. Schreiter stellt ein filigranes schwebendes Kreuz in den Mittelpunkt des Paraments. Wer genau hinsieht erkennt am Stamm die Stacheln der Dornenkrone. „Es ist
seit vielen Jahren das erste Mal, dass wieder ein Kreuz in einer Schreiter-Arbeit auftaucht“, freut sich Pfarrer Florian Barth. Das Gelb der göttlichen Erlösung wirkt in dem violetten Parament verwaschen und blass. „Vor Ostern ist das Kommen Gottes ist nur eine Verheißung“, interpretiert Hans Gercke.

In die Osterfreude schleicht sich ein kleiner roter Blutstropfen ein 

Kapelle / Paramente von Schreiter / Prof. Hans Gercke / Pfarrer Thomas BarthDas orange Pfingstparament schlägt eine Brücke zum Heiliggeist-Fenster in der Peterskirche. Hier wie da strömt der göttliche Geist als massiver goldener Pfeil zur Erde herab. „Blutrot und Orange – das ist ein starker Kontrast“, staunt Hans Gercke. Er verweist auf die gegensätzliche Symbolik der Farbe Rot in der sakralen Kunst. Rot steht sowohl für das Blut Christi als auch für die Kraft des Heiligen Geistes. „Das ist genau die Spannung zwischen Wunde und Wunder, die die Kirche aushalten muss“, überlegt Pfarrer
Florian Barth.

„Fettes Goldgelb auf weißem Grund“, so fasst Hans Gercke das Osterparament zusammen. Die Auferstehung ist Wirklichkeit geworden. Und doch schleicht sich bei genauem Hinsehen in die Osterfreude ein kleiner roter Blutstropfen ein. Im grünen Alltagsparament vereinigen sich alle Motive zu einem Zusammenklang. Der weiße Block von Ostern taucht wieder auf, das blasse Gelb der Passion, das rote Blut, das Kreuz. Die Auferstehung Christi, übersetzt Florian Barth, sei ja nicht nur an den Feiertagen wichtig, sondern sie wirke tief hinein in den Alltag. „Ostern“, sagt Barth, „hat auch am Mittwoch Bestand.“

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