Den berühmtesten Apfel der Welt hat es nie gegeben. Denn die Bibel verrät mit keinem einzigen Wort, welches Obst am „Baum der Erkenntnis“ gewachsen ist, der einst mitten im Paradies stand. Wir erfahren lediglich, dass die Frucht, die Eva von dort stibitzte, „köstlich“ geschmeckt hat. Aber das trifft auf Äpfel genauso zu wie auf Pfirsiche, Birnen oder die Feigen, aus deren Blättern sich Adam und Eva ihre ersten Kleider gebastelt haben.
Dass der Apfel trotzdem seit Jahrhunderten für den Sündenfall verantwortlich gemacht wird, liegt eventuell an einem Übersetzungsfehler aus dem lateinischen Urtext. Darin taucht (wenn auch etliche Zeilen später) das Wort „malum“ auf. Mit langem „a“ bedeutet es der Apfel; mit kurzem „a“ das Übel, das Böse. Zeit für einen Abstecher in Paradies.
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Äpfel zählen, auch wenn sie in der Schöpfungsgeschichte nicht erwähnt werden, zu den ältesten Früchten der Welt. Schon vor mehr als 10.000 Jahren haben Menschen in Äpfel gebissen. Zunächst nur in Zentral- und Westasien, dann – etwa 4000 Jahre später – auf der ganzen Welt.
Und mindestens schon ebenso lange gilt die frische Frucht als Symbol der Schönheit. Wahrscheinlich rührt daher die Assoziation, dass Evas Paradiesfrucht ein Apfel gewesen sein muss. Doch dass Schönheit nicht automatisch auch Glück bedeutet, das wusste auch schon die griechische Mythologie.
Eris, die Göttin der Zwietracht, nämlich verfiel eines Tages auf die perfide Idee, bei einer Hochzeit einen goldenen Apfel unter die feiernden Gäste zu werfen. Mit der Aufforderung, die schimmernde Frucht der schönsten Frau unter den Anwesenden zu überreichen. Göttervater Zeus delegierte die Kür an den trojanischen Prinzen Paris, der Aphrodite den Apfel zusprach. Sehr zum Missfallen aller anderen Damen. Womit nicht nur der Begriff „Zankapfel“ geboren war, sondern auch der Trojanischen Krieg begonnen hat. Er wütete zehn Jahre lang.
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„Im Apfel sind immer beide Seiten angelegt: die Sünde und das Heil“, überlegt Joachim Maier. Er ist katholischer Priester und wirkt in der neuen Großpfarrei „Kraichgau“. Zuvor hat Pfarrer Maier 17 Jahre lang die Seelsorgeeinheit Waibstadt geleitet. Dort kennt ihn jeder, und dort möchte er am liebsten auch weiterhin wohnen bleiben. Schon wegen seines Apfelgartens.
Denn ein Leben ohne Äpfel, sagt Maier, könne er sich nicht vorstellen. „Im Herbst miete ich mir immer noch ein paar Bäume zum Abernten hinzu“, verrät der Priester. Er kenne kein besseres Mittel gegen den kleinen Hunger zwischendurch. Denn der Apfel sei die einzige Frucht der Welt, die zugleich auch noch den Durst stillt.
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Im biblischen Paradies ging es natürlich weniger um den Geschmack des Apfels, als vielmehr um das Verhältnis der Menschen zu Gott – und um ihre Hybris. „Gott hat Adam und Eva alle Freiheit der Welt gelassen und nur ein einziges, eigentlich völlig unwichtiges Verbot ausgesprochen“, staunt Joachim Maier.
Doch gerade dieses Tabu war es, das dem Paradiesbaum eine fast magische Anziehungskraft für Adam und Eva verliehen hat. „An dieser Eigenart der menschlichen Natur hat sich bis heute nichts geändert“, konstatiert Maier. Noch immer pflücken wir am liebsten die verbotenen Früchte. Und noch immer tun wir alles, um unseren Willen durchzusetzen. Anstatt einfach mal einen Meter zur Seite zu treten.
Dass wir Menschen all unsere Egoismen so ungestraft ausleben dürfen, überlegt Joachim Maier, sei vielleicht das größte Geschenk, das Gott uns gemacht hat. „Obwohl wir seine Geschöpfe sind, hat er uns die Würde gegeben, frei zu wählen zwischen dem Bösen und dem Guten, der Sünde und dem Heil.“ Vielleicht ist das der eigentliche Sinn der Erzählung vom Baum der Erkenntnis.
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Eva allein mag Joachim Maier die Schuld an der Vertreibung aus dem Paradies nicht in die Schuhe schieben. „Dass Eva so forsch vorgeprescht ist, entschuldigt Adam in keiner Weise“, findet der Priester. Niemand habe ihn gezwungen, bei der Sache mitzumachen. Er konnte sich frei entscheiden, ob er seiner Frau folgen wollte oder nicht.
Ja, Adam hätte es wahrscheinlich sogar geschafft, Eva mit guten Argumenten zurückzuhalten. So er daran Interesse gehabt hätte. „Jeder von uns“, sagt Maier, „wird jeden Tag in Versuchung geführt. Das gehört zum Menschsein dazu.“ Doch wenn man auch nur einmal nachgebe, öffne sich ein Abgrund, der immer tiefer und tiefer und schließlich unüberbrückbar wird. Davon erzähle die Geschichte von Adam und Eva. „Ihr Griff nach der Frucht“, sagt Maier, „war eine gemeinsame Entscheidung. Und sie richtete sich dezidiert gegen den Willen Gottes.“
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Keines der frühen Wildäpfelchen, die damals vor 10.000 Jahren in Asien gewachsen sind, hätte heute noch eine Chance, sich in unseren Obstregalen zu positionieren. Weil sie sehr viel kleiner waren und längst nicht so saftig wie die modernen Sorten. Trotzdem müssen auch die Ur-Äpfelchen eine attraktive Nahrung für Tiere gewesen sein, denn sonst hätte die Frucht nicht überlebt. Ihre Samen nämlich verbreiten Äpfel über den Kot der Vögel, die sie gefressen haben. Ein anziehender Duft ist daher für Äpfel überlebenswichtig, denn Tiere können die Farbe rot sehr schlecht sehen.
Die Händler der Antike exportierten die neuen Früchte nach Europa, wo man sofort mit der Veredlung begann. Schon während der griechischen und der römischen Hochkultur war das süß-fruchtige Obst von der Speisekarte nicht mehr wegzudenken. Nach Deutschland kam der Apfel aber wohl im ersten Jahrhundert vor Christus.
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Der „Sündenfall“ von Adam und Eva im Paradies wirft natürlich Fragen auf. Denn ohne ihn hätte es die Menschheit ja gar nicht gegeben. Hat Gott die Geschichte mit dem Apfel womöglich bewusst inszeniert? „Wahrscheinlich“, nickt Pfarrer Joachim Maier beim Gespräch in Sinsheim. Denn Gott habe den Menschen ja nach seinem Ebenbild erschaffen. „Und da Gott frei und unbegrenzt ist, hat er wohl auch uns frei erdacht.“ Diese Autonomie des Menschen habe für Gott einen so hohen Stellenwert, dass er es sogar zulasse, dass wir uns gegenseitig quälen und vernichten, staunt Maier. Auch das ist eine Konsequenz von Evas Griff nach dem Apfel.
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Die frühesten Hinweise auf den Apfelanbau in Deutschland finden sich in den „Kapitularien“ Karls des Großen. Das waren schriftliche Anweisungen, mit denen der Kaiser sein Riesenreich regierte. Karl begrüßte dezidiert das Pflanzen von Apfelbäumen, insbesondere in Klöstern. Aber auch Brautpaaren empfahl der Kaiser, nach der Hochzeit und nach der Geburt eines Kindes einen Apfelbaum zu pflanzen. Ein Brauch, der sich in ländlichen Gebieten bis heute erhalten hat.
Seinen absoluten Hype erlebte der Apfel in der Malerei des Mittelalters. Lucas Cranach beispielsweise war geradezu besessen vom Sündenfall. Unendlich oft hat er die Szene gemalt. Immer und immer wieder neu. Doch die Äpfel in Cranachs Werk sind längst keine harmlosen Früchte mehr, sondern Symbole der Verführung und des Verderbens. Auch in unseren Märchen gilt der Apfel als geheimnisvoll und gefährlich. Schneewittchen ist das bekannteste Beispiel.
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Auf dem täglichen Speiseplan standen Äpfel im Mittelalter allerdings noch nicht. Das ist eine Errungenschaft der Neuzeit, die deutlich schmackhaftere, größere und saftigere Sorten hervorgebracht hat. In einer schier unübersehbaren Fülle. Ob fruchtig, süß oder lieber säuerlich – für jeden Geschmack ist etwas geboten. Theoretisch könnten wir an jedem Tag des Jahres eine andere Apfelsorte verkosten. Pfarrer Joachim Maier erkennt in der Apfelvielfalt ein Abbild der Vielfalt des Lebens. „Jeder Apfel hat seine Besonderheit, ohne die der Schöpfung etwas fehlen würde.“ Deshalb findet es Maier auch enorm wichtig, die alten Sorten zu pflegen und zu bewahren. „Wir dürfen sie auf keinen Fall achtlos wegsterben lassen.“
Und Eva? Mit ihr ist auch Katholische Kirche inzwischen längst versöhnt. Dank des heiligen Bernward von Hildesheim. Um das Jahr 1000 stieß der Bischof die etwas zweifelhafte Eva vom Thron der Urmutter und ersetzte sie durch die untadelige Maria: „Die Tür zum Paradies wurde von Eva geschlossen und die Heilige Maria hat sie durch die Geburt des Erlösers, der ohne Sünde war, für uns alle wieder geöffnet“, erklärte der Hildesheimer Bischof damals. Das wichtigste Mariengebet der Katholischen Kirche beginnt mit den Worten „Ave Maria“. Wenn man genau hinschaut, ist Eva darin immer aber noch enthalten.







