Eine Geschichte über Sankt Martin mitten in der heißen Jahreszeit – geht das denn? Wo doch jedes Kind weiß, dass der Heilige Schnee und Eis braucht, damit das Teilen seines Mantels Sinn macht. Doch wer sich das Leben des späteren Bischofs von Tours genauer ansieht, merkt schnell, dass die Mantelszene gar nicht der Schlüsselmoment in Martins Leben war.
Viel mutiger war seine Entscheidung, den Kriegsdienst im Römischen Heer zu verweigern. Obwohl darauf die Todesstrafe stand.
Martin hat es trotzdem gewagt. 356 in Worms, wo seine Legion stationiert war. Das Urteil folgte prompt: Allein und unbewaffnet sollte er am nächsten Morgen dem wilden Heer der Alamannen ausgeliefert werden. Doch dann geschah ein Wunder. Zeit für einen Ausflug nach Worms am Rhein.
In Worms entscheiden sich oft die Schicksale: Das gilt für die Nibelungen, wie für Martin Luther und Sankt Martin.
Worms ist eine geschundene Stadt: Mehr als 100000 Bomben haben Britische Flieger Ende Februar 1945 auf die Innenstadt abgeworfen. Danach war kaum noch etwas übrig von dem einst so prächtigen Bischofsitz, in dem Martin Luther 1517 vor Kaiser und Reichstag die Reformation ausgerufen hatte. „Hier stehe ich und kann nicht anders.“
Noch viel früher lebte in Worms das Fürstengeschlecht der Nibelungen. In einer Pracht, wie man sie heute nicht einmal mehr denken kann. Doch auch Siegfrieds Geschichte nahm kein glückliches Ende. Schicksalsgetränkte Erde also, die jetzt vorwiegend Gebäude im funktionalen „modernen“ Stil der 1980er Jahre trägt.
Doch es gibt auch Ausnahmen. Im Norden der Altstadt beispielsweise liegt der Ludwigsplatz. Ihn ziert seit 1895 ein gewaltiger Obelisk, der an Großherzog Ludwig IV. von Hessen-Darmstadt erinnert. Im Mittelalter hieß der Platz Martinsplatz und diente als Exerzierfeld für die nahegelegene Kaserne. Sie war wohl die Nach-Nach-Nachfolgerin von Martins römischer Kaserne in unmittelbarer Nähe des nördlichen Stadttors, das heute „Martinspforte“ heißt. Wer weiß, vielleicht steht das Tor sogar genau an der Stelle, an der Sankt Martin einst den Dienst an der Waffe verweigert hat.
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Der Kerker, in dem der 20-Jährige die schrecklichste Nacht seines Lebens verbrachte, muss sich direkt daneben befunden haben. Etwa dort, wo sich heute die aparte Basilika St. Martin erhebt. Vier solch großer Stiftskirchen hat es einst in Worms gegeben. Sie bildeten die Form eines Kreuzes. Keine ist mehr im mittelalterliches Original erhalten. Auch St. Martin ist eine Nachschöpfung, in die romanische Reste und ein sensationelles gotisches Portal integriert wurden.
Es kündet davon, welche Schönheit die Stadt Worms einst gewesen sein muss. Man betritt die Martinskirche heute jedoch nicht mehr durch die vordere Prachttüre, sondern kommt von hinten über einen verwunschenen Innenhof. In seiner Mitte plätschert ein schmiedeeiserner Brunnen, beschattet von einer dichten Krone aus Platanen. Hauchzarte Stühle inmitten von wilden Grünpflanzen laden zum Ausruhen ein. Der Garten von St. Martin ist ein Ort wie aus einer anderen Welt. Und er ist eine Pforte in die Vergangenheit.
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Nirgendwo kann man sich die Not und die Todesangst des heiligen Martin in seinem klammen, feuchten Kerker besser vorstellen als im dämmrigen Halbdunkel dieser archaischen Basilika. Zumal dem Mantelteiler hier noch heute auf Schritt und Tritt begegnet: Im Fenster, auf dem Tabernakel, an der Wand. Nur den Kerker, in dem Martin auf seinen Tod gewartet hat, den gibt es nicht mehr. Ganz Worms sucht seit Jahren, Jahrzehnten, ja vielleicht schon seit Jahrhunderten nach irgendeinem Zeichen des Verlieses. Gefunden hat man bislang nichts.
Was macht ein Mensch, wenn er weiß, dass er nur noch wenige Stunden zu leben hat? Martin hat wahrscheinlich gebetet. Bis zum Morgengrauen. „Sobald die Sonne aufgeht“, so sein Urteil, „wird der Gefangene allein, nackt und nur mit einer christlichen Monstranz in den gefesselten Händen dem Feind entgegen geschickt.“ Dann werde man ja sehen, über welche Macht der Christengott verfügt, hatte der Kommandant gehöhnt. Doch zu diesem grausigen „Gottesbeweis“ ist glücklicherweise nie gekommen. Denn just in der Nacht, die Martin im Kerker verbrachte, ergab sich das Heer der Alamannen den Römern. Völlig überraschend. Martin war frei. Er konnte gehen, wohin er wollte.
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In Szombathely, im heutigen Ungarn, ist der heilige Martin zur Welt gekommen. Im Jahr 336. Vermutlich. Als Sohn eines römischen Legionärs. Daher auch sein Name: „Martinus“ leitet sich ab vom römischen Kriegsgott Mars. Seit 2011 gibt es – in Anlehnung an den Jakobsweg – auch eine „Via Sancti Martini“, die die Pilger von Martins Geburtsort bis zu seinem Grab in der Krypta der Basilika Saint-Martin im französischen Tours geleitet. 1200 Kilometer lang.
Eine recht ordentliche Wegstrecke lang verläuft der Martinuswegs auch durch Baden-Württemberg. Denn Martin ist der Schutzpatron des Bistums Rottenburg-Stuttgart. Wie übrigens auch des Bistums Mainz. Der Pilgerweg verbindet Kirchen und Einrichtungen, die unter dem Patronat des Heiligen Martin stehen, wie auch Orte, an denen der Heilige zu Lebzeiten gewirkt hat. Rote Wegschilder mit dem gelben Schriftzug „Via Sancti Martini“ weisen den Pilger den Weg.
Unvergessen ist „Lückenschluss“ des Martinswegs zwischen den Gemarkungen der beiden Bistümer Rottenburg-Stuttgart und Freiburg im Jahr 2016. Die beiden Bischöfe Burkhardt Fürst und Stephan Burger trafen sich damals an einem Herbsttag auf einem Acker irgendwo zwischen Gemmingen und Stetten am Heuchelberg. Dann stapften Burger und Fürst beherzt hinein ins matschige Feld, um die letzte Markierung des Pilgerwegs vorzunehmen. Der Apostolische Nuntius, eigens aus Berlin angereist, folgte ihnen nach kurzem Zögern. So wichtig ist Sankt Martin noch heute.
Seine Kindheit und Jugend verbrachte der Heilige wahrscheinlich in der Lombardei. Im Städtchen Pavia am Fluss Ticino. Heute ist das eine schöne, alte Universitätsstadt vor den Toren Mailands mit einem wunderbaren Dom. In Pavia ist der heilige Martin vermutlich auch dem christlichen Gott begegnet. Der Junge war sofort entflammt für die neue Religion, die damals noch ein sehr tätiger Glauben war: Christen standen Kranken bei, speisten Notleidende, bekleideten Frierende … Die Teilung seines Mantels – einige Jahre später – muss für Martin eine völlig normale Reaktion gewesen sein. „Konkrete Solidarität“ formulierte der verstorbene Mainzer Kardinal Karl Lehmann immer. Auch der Dom zu Mainz steht unter dem Schutz des Heiligen Martin.
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Dann der 15. Geburtstag. Er veränderte das Leben des jungen Martin komplett. Denn ab diesem Alter war jeder Sohn eines römischen Legionärs automatisch Eigentum des Kaisers. „Der Fahneneid war obligatorisch“, schreibt Manfred Becker-Huberti, der vielleicht intimste Sankt-Martin-Kenner Deutschlands. Martin gehorchte ohne zu Zögern. Und er war wohl auch ein sehr tüchtiger Soldat. Denn schon nach kurzer Dienstzeit beförderte man ihn zum Offizier. Mit 18 Jahren befehligte er bereits eine Reitertruppe im französischen Amiens. Hier ereignete sich die berühmte Bettler-Geschichte.
Splitternackt kauerte der Arme bei strenger Kälte vor dem Stadttor. Inmitten von Leichen Erfrorener. Der Militärmantel, vermutlich das einzige warme Kleidungsstück, das Martin bei sich hatte, war offensichtlich so üppig geschnitten, dass er für zwei Menschen reichte. Drei Tage Arrest kassierte der junge Offizier für diese „mutwillige Beschädigung von Militäreigentum“. Die Legende erzählt, dass Martin in seiner Zelle träumte, ihm sei Christus begegnet, angetan mit seinem halben Mantel. „Das Teilen des Mantels ist heute zu einer Urgeste der konkreten Solidarität geworden“, definierte einst Kardinal Lehmann. „Eine Geste so groß, dass sie all die Jahrhunderte überdauert hat.“
Wie oft mag sich Martin diese Szene in Gedächtnis zurückgerufen haben. Als er frierend und in bitterer Todesangst im stockdunklen Kerker von Worms saß. „Diese Nacht in der Dunkelheit hat Martin innerlich verwandelt.“ Nie wurde Kardinal Lehmann müde, diesen Satz zu wiederholen. „Er wandte sich radikal ab vom weltlichen Dienst und widmete sich nur mehr dem Glauben.“
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Allerdings nicht mehr in Worms – was man verstehen kann. Sondern Martin ging nach Tours ins Reich der Franken, wo ihn Bischof Hilarius mit offenen Armen aufnahm. Er half Martin auch ein Kloster zu gründen, das rasend schnell Zulauf hatte. Obwohl die Mönche den ganzen Tag in kontemplativen Schweigen verbrachten. Vielleicht hat gerade diese wortlose Frömmigkeit besonders großen Eindruck auf die Menschen gemacht? Von weither pilgerten sie in Scharen zu Martin nach Tours. Womöglich auf demselben Weg, den inzwischen die Martinspilger in großer Zahl gehen.
Martin selbst war von dem Rummel nicht begeistert. Und als man ihn nach dem Tod seines Gönners auch noch zum Bischof von Tours wählte, wollte er nur noch weg. Egal wohin. Tagelang, so erzählt die Legende, hielt er sich in einem Gänsestall versteckt, in der Hoffnung niemand würde ihn hier je finden. Diese Aktion machte genauso viel Sinn, wie wenn sich Kinder die Augen zuhalten, damit sie nicht gesehen werden.
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Die Gänse waren es, die Martin mit ihrem Geschrei schließlich verrieten. Wofür sie noch heute noch mit ihrem Leben bezahlen müssen! Als „Martinsgans“ in der Pfanne. Was natürlich Unsinn ist. Das Schlachten der Gänse Anfang Novmber markierte in Wirklichkeit das Ende des Erntejahres. Das Gesinde wurde entlassen und ausbezahlt. Vor allem in Naturalien. Die gebratenen Gänse gehörten ebenso dazu wie der neue Wein.
Trotz seiner ursprünglichen Abneigung gegen das Bischofsamt muss Martin ein weiser Oberhirte gewesen sein. Am 11. November des Jahres 397 ist er gestorben. In Tours. Behaupten die Tourangeaux. Aber das stimmt nicht. Höchstwahrscheinlich starb St. Martin bereits am 8. November bei einem Besuch im Städtchen Candes an der Loire. Die Bürger von Candes wollten – touristisch weitsichtig – den berühmten Bischof sofort bei sich zu Grabe tragen. Doch die Leute von Tours haben den Leichnam mitten in der Nacht entwendet und zurück nach Hause geschafft. Wo plötzlich überall weiße Blumen blühten. Den Bürgern von Candes blieb nur, ihrem Dorf einen neuen Namen zu geben. Es heißt bis seither: Candes-Saint-Martin.











