Ein Wahrzeichen feiert Geburtstag

In seinen Träumen hatte sich Robert Schneider, der erste evangelische Pfarrer von Heidelberg-Neuenheim, sein Dorf wunderschön vorgestellt. Gebildet, leise, elegant und fromm. Doch als der Pfarrer zur Antrittspredigt auf die Kanzel der uralten Johanniskirche am Markt hinaufstieg, blickte er fast nur auf leere Bänke. Während von draußen der Lärm und die Tanzmusik der umliegenden Wirtshäuser herein schallte.

„Als Pfarrer von Neuenheim“, seufzte Schneider am Abend in sein Tagebuch, „fühlt man sich wie ein Missionar in einem heidnischen Land.“

Das war 1867. Nie hätte Schneider geglaubt, dass nur zehn Jahre später seine Vision vom gepflegten, intellektuellen Neuenheim tatsächlich Wirklichkeit  werden würde. Auslöser war die neue Neckarbrücke. Sie machte Neuenheim über Nacht zum bevorzugten Wohnort. Die Preise explodierten, die Bauernhöfe verschwanden, Villen wuchsen empor. Die evangelische Gemeinde vergrößerte sich von 965 auf 2398 Gemeindeglieder.

Das Kirchlein am Markt war rasch viel zu klein, ein neues Gotteshaus musste her. Repräsentativ, elegant, standesgemäß. 1902 wurde die Johanneskirche eingeweiht. In diesem Jahr feiert sie ihren 120. Geburtstag.

Die Johanneskirche ist das Entrée und das Wahrzeichen von Neuenheim.

Die Evangelische Kirche von Heidelberg-Neuenheim ist nicht zu übersehen. Stolz erhebt sich das neugotische Gotteshaus mit seinem prächtigen 55 Meter hohen Turm exakt da, wo die Handschuhsheimer Landstraße zur Brückenstraße wird. „Die Johanneskirche ist das Entrée und das Wahrzeichen von Neuenheim“, sagt Hans-Jürgen Holzmann, der heutige Pfarrer an Johannes. Eine Wegmarke, die jeder Fremde sofort registriert, und an der jeder Einheimische mindestens einmal am Tag vorbeikommt. 

Umso erstaunlicher, dass diese geniale Lage ursprünglich nur ein Notbehelf war. Architekt Hermann Behaghel, gerade frisch zum großherzoglichen Baurat ernannt, hätte die Kirche lieber zwischen Berg- und Brückenstraße inmitten der Villen gebaut. Doch die Gemeinde konnte sich den teuren Bauplatz nicht leisten. Ihr Geld reichte nur für einen kleinen, dreieckigen Zipfel zwischen Lutherstraße und Handschuhsheimer Landstraße.

Wegen des engen Bauplatzes brach der Architekt mit einer ehernen Tradition im Kirchenbau.

Die Johanneskirche war Hermann Behaghels erster Sakralbau in Heidelberg. Die Christuskirche in der Weststadt, die Kreuzkirche in Wieblingen, die Bergkirche in Schlierbach und die Friedenskirche in Handschuhsheim sollten folgen. Doch das wusste der Baurat 1902 noch nicht. Entsprechend aufgeregt war er. „Behaghel hat die Baustelle nie aus den Augen gelassen“, erzählt Pfarrer Holzmann. „Und er hat jede Entscheidung selbst getroffen.“

Was notwendig war, denn der enge Bauplatz entpuppte sich als Herausforderung. Der Architekt brach seinetwegen sogar mit einer ehernen Tradition im Kirchenbau: Der Chor der Johanneskirche blickt nicht nach Osten, wo man von Alters her die Auferstehung verortet, sondern nach Süden. Der markante Nordturm kommt dadurch genial zur Geltung. 

Die Johanneskirche wurde nie umgebaut. Sowohl außen wie innen sieht sie genau so aus wie an ihrem ersten Tag.

Viel Mühe hat sich der Architekt mit der Fassade gegeben. „Sie wirkt, als habe man lauter neugotische Kapellchen aufeinander gestapelt“, findet Pfarrer Holzmann. Vielleicht ist diese raffinierte Kleinteiligkeit dafür verantwortlich, dass die Johanneskirche nie umgebaut wurde. Sowohl außen wie innen sieht die Neuenheimer Kirche noch genau so aus wie an ihrem ersten Tag. Ein Wunder.

Was sich allerdings geändert hat, ist der Name des Gotteshauses. Das bemerkt man aber erst, wenn man eintritt. Vom zotteligen Täufer Johannes, nach dem die alte Kirche am Markt benannt war, fehlt hier jede Spur. Stattdessen grüßt vom Fenster her wohlonduliert der Evangelist Johannes. „Er war um 1900 groß in Mode“, weiß Pfarrer Holzmann. „Weil die Symbolik seiner Texte so tiefgründig ist.“ Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort … „Solche schwierigen Gedanken haben den Neuenheimern offenbar besser gefallen als schlichte das Wüstenleben des Täufers“, schmunzelt Holzmann. 

Nur das Altarbild im schwärmerischen Stil der Nazarener will nicht so ganz zur Neugotik passen.

Der Innenraum der Johanneskirche wirkt auf den ersten Blick recht klein. Fast familiär-gemütlich. Doch dieser Eindruck täuscht. „Wenn wir alle Emporen öffnen, haben hier 900 Menschen Platz“, sagt Holzmann. Aber das machen die Neuenheimer selten. Sie mögen eine intime Stimmung in ihrer Kirche lieber. „Selbst wenn nur vierzig Leute da sind, wirkt Johannes gut gefüllt.“

Bei der Innenausstattung folgte Hermann Behaghel brav dem damals angesagten „Wiesbadener Programm“. Altar, Kanzel, Taufstein und Orgel stehen gleichberechtigt zusammen im Chor. Evangelischer geht’s nicht.

Nur das Altarbild im schwärmerischen Stil der „Nazarener“ will nicht so ganz zur Neugotik passen. Dargestellt wird die Bergpredigt, der Künstler ist unbekannt. Wenn es überhaupt ein Künstler war.

Ein Hauch von Jugendstil umweht die Büsten der Engel. Kein Gesicht gleicht dem anderen.

„Die Rechnung für dieses Bild wurde in der Rubrik Malerarbeiten abgelegt“, verrät Pfarrer Holzmann. Vielleicht, weil es tatsächlich abgemalt worden ist. Pinselstrich für Pinselstrich. Aus der Bilderbibel des Julius Schnorr von Carolsfeld, die um 1860 populär war. Große Kunst geht anders. „Aber Kinder gucken sich gern an dem Bild fest, wenn ihnen der Gottesdienst zu langweilig wird“, lächelt Hans-Jürgen Holzmann.

Einfach hinreißend dagegen sind Büsten der Engel an den Pfeilern der Emporen. Ein Hauch von Jugendstil umweht sie. Kein Gesicht gleicht dem anderen. Man kann sich kaum sattsehen. Und dann ist da noch der Blumengarten in der Johanniskirche. Wo immer man auch hinsieht, entdeckt man florale Motive. An den Kapitellen, an den Fenstern, an der Empore, am Ambo, am Altar …. Der Sonntagsgottesdienst als kleiner Vorgeschmack aufs Paradies.

Bei der Einweihung hat der Großherzog vier Kinder getauft. Alle erhielten einen goldenen Becher.

Was uns zu unserem tapferen Pfarrer Robert Schneider zurück bringt. Er war 1902 tatsächlich noch immer im Amt. Und durfte jetzt stolz den badischen Großherzog Friedrich, der zugleich der Landesbischof war, mit Gattin willkommen heißen. Das fürstliche Paar kam mit der Eisenbahn, um sodann inmitten einer langer Prozession über „Friedrichsbrücke“ nach Neuenheim zu schreiten.

Heute ist die Brücke nach Theodor Heuss benannt. Vier Kinder wurden im Einweihungsgottesdienst getauft, ein Paar hat geheiratete. Sie alle erhielten vom Großherzog einen vergoldeten Becher. Und schließlich lud man zum Festmahl. Es ist nicht überliefert, ob Pfarrer Robert Schneider neben den königlichen Hoheiten sitzen durfte. Aber stolz und glücklich war er sicher. 

Buchtipp: Hans-Jürgen Holzmann (Hrsg.): Johanneskirche und Johanneshaus in Heidelberg-Neuenheim, Verlag Regionalkultur, 247 Seiten, 22,80 Euro

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