Gott im Glashaus

Die Pfingstbergkirche steht unter Denkmalschutz. Und ist trotzdem gefährdet.

Es fühlt sich an, als säße man mitten im Wald. Auf einer durchsonnten Lichtung, umgeben von Farn und alten Kiefern. Gerade springt ein Eichhörnchen am Stamm hinauf, da intoniert die Orgel das nächste Lied. So geht Gottesdienst in der Mannheimer Pfingstbergkirche. Sie ist das einzige Gotteshaus der Welt, in dem alle Wände aus Glas sind.

Gehalten von einem filigranen Korsett aus Beton. Moderne pur. Stararchitekt Carlfried Mutschler hat die evangelische Kirche entworfen. 1963. Heute steht sie unter Denkmalschutz. Doch das hilft ihr nichts. Die Pfingstbergkirche gehört trotzdem zu den zwanzig evangelischen Kirchen in Mannheim, deren Unterhalt langfristig nicht gesichert ist. Eine Kirchenskulptur auf der Suche nach Zukunft.   

Die Pfingstbergkirche war das erste völlig entgrenzte Gotteshaus der Welt

Wo endet Kirche? Wo beginnt Welt?

Nie zuvor und nie wieder danach sind in Deutschland so viele Kirchen gebaut worden wie zwischen 1960 und 1980. Allein Baden-Württemberg waren es etwa 1600. Der Krieg hatte die Menschen fromm gemacht, das Wirtschaftswunder ließ die Geburtenrate in die Höhe schnellen. Und dann war da noch dieser neue Werkstoff, der die Architektur revolutionierte. Beton kann alles. Rund, schief, elliptisch. Frei stehen, frei tragen, frei schweben. Er ist zugleich hauchzart und felsenfest. Die Architekten wähnten sich im Paradies. Auch Carlfried Mutschler. 

Der Mannheimer war 1963 schon eine bekannte Größe in der Avantgarde. Die Pfingstbergkirche sollte ihn in den Architekturolymp katapultieren. Weil sie das erste völlig entgrenzte Gotteshaus war. Wo endet die Kirche? Wo beginnt die Welt? Auf dem Pfingstberg fließen die Grenzen.  

Niemand blickte mehr auf die Kanzel. Alle schauten in den Wald.

Die evangelische Gemeinde war anfangs nicht begeistert von dem sakralen Glashaus, das der Architekt plante. Sie befürchtete, darin wie auf einem Präsentierteller zu sitzen. Die Sorge war unnötig. Schon nach kurzer Zeit standen die Bäume so dicht, dass sie den Altarraum umhüllten wie ein schützender Mantel.

Pfarrer Hansjörg Jörger wirkt seit 25 Jahren auf dem Pfingstberg

Doch die Transparenz schuf andere Probleme. „Die Gemeinde blickte plötzlich nicht mehr auf Altar und Kanzel, sondern nur noch in den Wald“, berichtet Hansjörg Jörger. Er ist seit 25 Jahren Pfarrer an der Pfingstbergkirche. Mittlerweile hat man die Aufmerksamkeit der Gläubigen wieder eingefangen. Moderne Skulpturen und experimentelle Lampen erschweren jetzt den Waldblick. Zumindest solange die Gemeinde sitzt. 

Keines der vielen Fenster kann man öffnen. Im Sommer misst man im Kirchenraum schnell 30 Grad.

Bleibt das gravierendste Problem der Pfingstbergkirche, das niemand beheben kann: Carlfried Mutschler hat die Kirche so geplant, dass man keines ihrer vielen Fenster öffnen kann. Energetisch ist das eine Katastrophe. „In den Sommermonaten messen wir hier drin schnell 30 Grad“, sagt Pfarrer Jörger. Im Winter kühlt die Kirche durch die ungedämmten Fensterfronten radikal aus. „Selbst wenn wir sie nur sonntags auf 14 Grad erwärmen, ist das sehr teuer.“

Unlösbar ist auch das Problem mit den vielen toten Vögeln. Sie können die gläserne Kirche nicht sehen und fliegen ungebremst gegen die Scheiben. „Mir tut das jedes Mal in der Seele weh“, sagt Hansjörg Jörger. „Aber wir dürfen doch das Glas nicht bekleben. Wegen dem Denkmalschutz.“

Starfotograf Robert Häusser hat die Kirche in ihrer Jugend porträtiert

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Barrierefreiheit wird es in der Pfingstbergkirche  ebenfalls nie geben. Man erreicht das Gotteshaus nur über zahllose Stufen, die den Hang hinaufführen. „Und zur Toilette muss man eine steile Treppe in den Keller hinab steigen“, berichtet der Pfarrer. Würde man daran etwas ändern, zerstörte man den Skulpturcharakter der Kirche. Er steht aber unter Denkmalschutz. „Bei aller Offenheit durch die gläsernen Wände, ist die Pfingstbergkirche doch sehr festgelegt“, seufzt Jörger.

Genau deshalb hat die Mannheimer Stadtsynode die Pfingstbergkirche in die „Gruppe B“ eingestuft. „B“ bedeutet: Die Kirche bleibt „in Nutzung, solange das durch den baulichen Zustand möglich ist.“ Kleinere Reparaturen werden noch bezahlt. Große nicht mehr.  „Eine alternative Finanzierung aus privaten und öffentlichen Mitteln durch Nutzungserweiterungen oder Umnutzungen ist wünschenswert.“

Die Akustik in der Kirche ist sehr gut. Die Konzertveranstalter sind angetan. Ergibt sich daraus eine Zweitnutzung?

Der Campanile steht frei im Kiefernwald

Pfarrer Hansjörg Jörger macht sich keine Illusionen darüber, was das für seine Kirche bedeutet. Ihre einzige Überlebenschance, sagt er, sei eine Zweitnutzung als Konzertkirche. „Die Akustik ist sehr gut. Alle Veranstalter und Musiker, die einmal hier waren, sind angetan.“ Der Richard-Wagner-Verband veranstaltet in der Pfingstbergkirche schon regelmäßig Konzerte. Sie sind immer gut besucht. „Mit dem Kulturverein Rhein-Neckar stehen wir in Verhandlungen“, berichtet der Pfarrer. Er ist für alle Musikrichtungen offen. „Blues könnte ich mir auch gut vorstellen.“

Und dann gibt es noch die vielen Taufen und Trauungen, die in der Pfingstbergkirche stattfinden.  Die Menschen kommen gern hierher, weil sie sich in dieser Kirche sowohl Gott als auch der Natur besonders nahe fühlen, berichtet Hansjörg Jörger. „Wir erleben die Natur ja heute als etwas sehr Bedrohtes.“ Da tut es gut, auf einer durchsonnte Lichtung zu sitzen mitten im Wald , umgeben von Farn und alten Kiefern. Und zu beten.

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