„Orgelspielen ist für mich lebensnotwendig“

Der katholische Bezirkskantor Markus Uhl wechselt von Heidelberg nach Köln.

Es war Liebe auf den ersten Blick. Anders kann man nicht beschreiben, was Markus Uhl empfunden hat, als er im Sommer 2004 die Heidelberger Jesuitenkirche betrat. Das barocke Gotteshaus war gerade nach jahrelanger Renovierung fertiggestellt worden. Und strahlte jetzt im Licht der Sonne heller als der jüngste Tag. Eine Symphonie in Weiß und Gold. Der Organist Markus Uhl – eigentlich für ein Konzert in der Heiliggeistkirche an den Neckar gekommen – hatte den Ort seiner Träume gefunden.

Dumm nur, dass die Jesuitenkirche bereits fest in den Händen eines noch recht jungen Kantors war. Doch wo ein Herzenswunsch ist, da ist auch ein Weg: Nur drei Jahre später hörte Uhl, dass Kantor Thomas Berning als Domkapellmeister nach Paderborn berufen worden war. 57 Musiker bewarben sich um die Nachfolge als Bezirkskantor für Heidelberg. Markus Uhl, damals erst 28, erhielt die Stelle. 

Die beiden neuen Orgeln der Jesuitenkirche hat Uhl maßgeblich mitgestaltet.

In die Heidelberger Jesuitenkirche hat sich Uhl auf den ersten Blick verliebt. 19 Jahre lang waren sie ein Paar.

Neunzehn Jahre sind seitdem vergangen. Neunzehn Jahre, in denen der Bezirkskantor die katholische Kirchenmusik in Heidelberg auf ein völlig neues Niveau gehoben hat. Markus Uhl hat der Stadt und dem Rhein-Neckar-Kreis unzählige große Konzertabende beschert. Er hat aber auch aus der „Cappella Palatina“ einen Chor der Extraklasse geformt, der überregionales Ansehen genießt. Und Uhl hat die beiden neuen Orgeln in der Jesuitenkirche maßgeblich mitgestaltet.

Doch nun geht die „Ära Uhl“ am Neckar zu Ende. Zum Wintersemester wechselte der promovierte Organist an die „Hochschule für Musik und Tanz“ in Köln am Rhein, wo er eine Professur für Orgel und Liturgisches Orgelspiel übernimmt. Am Ostersonntag, 5. April 2026 verabschiedet sich der Kirchenmusikdirektor in einem feierlichen Hochamt von Heidelberg und „seiner“ Jesuitenkirche.

Mühlenbach im Schwarzwald: Hier ist Kantor Uhl aufgewachsen.

Eine Jugend mitten im Schwarzwald. Zwischen Kühen, Wiesen und Wäldern.

Wer den exquisiten Geschmack des scheidenden Bezirkskantors kennt, sein Faible für hochwertige Kleidung und erlesene Einrichtungsgegenstände, würde nie auf die Idee kommen, dass Markus Uhl in einem Dorf mitten im Schwarzwald aufgewachsen ist. Dort, wo es nur noch Wiesen, Kühe und Wälder gibt. Die Gemarkung von Mühlenbach erstreckt sich bis hinauf in 800 Meter Höhe; Offenburg ist genauso so weit weg wie Freiburg.

Die Großeltern Uhl betrieben einen Lebensmittelladen, der jedoch nicht der einzige im Dorf war. Ein zweiter befand sich ein paar Meter weiter die Straße hinauf. Dieses Detail ist wichtig, denn die Besitzerin des anderen Ladens war auch die Organistin in der schönen großen katholischen Kirche von Mühlenbach und damit eine gestrenge Wächterin über Markus Uhls Instrument der Begierde. Der Junge schaffte es trotzdem, jeden Tag zu „seiner“ Orgel zu gelangen. „Man kann das Schwarzwälder Sturheit nennen oder Durchhaltevermögen, je nachdem, wie wohl gesonnen man mir ist“, sagt der Bezirkskantor mit einem Augenzwinkern.

Gleich zwei neue Orgeln – eine auf der Empore und eine im Chor – hinterlässt Uhl in der Jesuitenkirche.

Doch dann wird Uhl ernst: „Orgelspielen ist für mich lebensnotwendig. Sobald ich an der Orgel sitze, verschwinden wie von Zauberhand all die Dinge und Menschen, die mir Sorgen bereiten oder über die ich mich geärgert habe.“ Das funktioniere heute noch ebenso zuverlässig wie früher. Und wenn es ihm als Junge an einem Tag partout nicht gelungen war, zur Dorforgel zu gelangen, dann war er eben gezwungen, sich für den nächsten Tag eine bessere Strategie einfallen lassen. „Auch das habe ich von der Orgel fürs Leben gelernt“, lächelt Uhl. „Wenn der eine Weg nicht zum Ziel führt, muss man eben einen anderen finden.“

Über 600 Jahre lang haben die Menschen von Köln an ihrem Dom gebaut.

Der Kölner Dom ist nicht die größte Kirche der Welt, aber immerhin die drittgrößte und die Nummer Eins in Deutschland. Auch wenn der Turm des Ulmer Münsters mit 161 Metern fünf Zentimeter höher in den Himmel hinauf ragt als der des Doms zu Köln.

Der Kölner Dom ist die drittgrößte Kirche der Welt.

Über 600 Jahre haben die Menschen am Rhein an ihrem gotischen Dom gebaut, der den Aposteln Peter und Paul anvertraut ist. 1880 war er endlich fertig; und nur sechzig Jahre später wäre er beinahe schon wieder gestorben. Denn Köln war ein Hauptziel der Alliierten Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg. 262 Mal heulten hier die Sirenen. Aber einen Feuersturm wie in Dresden und Würzburg hat es zum Glück nicht gegeben. Denn solch einem Inferno hätten auch die soliden Wände des Mittelalters nicht Stand halten können. 

Markus Uhl geht nicht als Domorganist nach Köln, sondern er wird Professor für das Fach Orgel an der Hochschule für Musik und Tanz. Kurz: „HfMT Köln“.  1925 gegründet gehört die HfMT heute zu den größten Musikhochschulen Europas. Rund fünfzig verschiedene Studiengänge werden angeboten. Das reicht vom Blechblasen bis zum Dirigieren, von der elementaren Musikpädagogik bis zum zeitgenössischen Pop. Doktor Uhl übernimmt die Leitung des Studiengangs Katholische Kirchenmusik.

In Köln wird Uhl Professor an der „Hochschule für Musik und Tanz“.

„Da die HfMT eine staatliche Hochschule ist, werde ich künftig nicht mehr im Dienst der Katholischen Kirche stehen, sondern in dem des Landes Nordrhein-Westfalen“, berichtet Uhl. Er sei selbst noch etwas verblüfft über diese Entwicklung, „denn gezielt planen lässt sich solch eine Karriere nicht.“

Gute Stellen für Kirchenmusiker werden immer rarer.

Zumal in Zeiten, in denen die Stellen für Kirchenmusiker immer rarer werden. 2004 hat Uhl in Freiburg sein A-Examen abgelegt. Zusammen mit einer großen Zahl von Kommilitonen. „Zu dieser Zeit gab es in Deutschland noch sehr viel mehr Studenten an den Kirchenmusikhochschulen als heute“, erinnert sich Uhl. Doch die Stellenangebote waren schon damals äußerst dünn gesät. Keiner seiner Kommilitonen, erinnert sich Uhl, habe gewagt, auch nur darüber nachzudenken, wo er gern wirken würde. „Alle waren froh, wenn sie überhaupt irgendwo etwas bekommen haben.“ 

Im 2. Weltkrieg wurde der Dom sehr schwer beschädigt, aber er fiel nicht.

Solch ein Sich-Begnügen passte nicht zum Stil von Markus Uhl. Weshalb er sich entschloss, nach seinem Hochschulexamen auch noch das Konzertexamen zu meistern. Ein äußerst ehrgeiziger Griff nach den Sternen. „Das Konzertexamen richtet sich an junge Musiker, die über herausragende Fähigkeiten in ihrem Fach verfügen und die eine außergewöhnliche künstlerische Weiterentwicklung erwarten lassen“, steht in den Richtlinien der Musikhochschule Freiburg zu lesen. Zugang haben ausschließlich Musiker, die „ihr Diplom mit exzellenten Ergebnissen abgeschlossen haben.“ Nur die Elite also. „Doch wenn ich damals das Konzertexamen nicht gewagt hätte, hätte ich die Stelle in Köln nie bekommen“, freut sich Markus Uhl rückwirkend über seinen eigenen Mut. 

Schon während seines Studiums war Uhl als Chorleiter und Organist gut im Geschäft.

Die Kuhn-Orgel in der Jesuitenkirche besitzt 3829 Pfeifen in 54 Registern.

Der allerdings auch mit unzähligen Übungsstunden an der Orgel und am Klavier verbunden war. Und mit vielen Zugfahrten. Für das Aufbaustudium beispielsweise musste Uhl immer wieder mit der Bahn nach Weimar in Thüringen fahren, wo sein Professor eine neue Stelle angetreten hatte. Doch Freiburg ebenfalls zu verlassen war für Uhl ausgeschlossen; schließlich musste er all seine musikalischen Höhenflüge ja irgendwie finanzieren. „Ich war damals rund um Freiburg als freiberuflicher Chorleiter und Organist sehr gut im Geschäft“, erinnert sich der Musiker. Mit diesen Tätigkeiten hatte Uhl auch schon sein Kirchenmusikstudium finanziert. 

Wahrscheinlich hat diese selbstbewusste Lockerheit, gepaart mit viel Können, Wissen und einem Konzertexamen auch bei der Bewerbung in Heidelberg den Ausschlag gegeben. „Wenn ich mich richtig erinnere war das einzige Stelle, die 2006 in dieser Gehaltsklasse ausgeschrieben war“, sagt Markus Uhl.

2008 trieb Uhl eine neue Idee um: Wie wäre es mit einem Doktortitel vor seinem Namen?

Zwei neue Orgeln für die Jesuitenkirche, Gottesdienste, Kirchenkonzerte, alle katholischen Chöre, Orgeln und Organisten im großen Rhein-Neckar-Kreis betreuen und schließlich noch die anspruchsvolle „Cappella Palatina“ an der Jesuitenkirche – man sollte denken, dass ein Kantor mit diesen Aufgaben zur Genüge ausgelastet ist. Doch Markus Uhl trieb 2008 schon wieder eine neue Idee um: seine Promotion. „An der Musikhochschule in Freiburg war das nicht möglich“, erinnert er sich. „Dazu brauchte ich einen Professor an einer Universität, der mich als Promovend annahm und betreute.“

Wieder einmal machte sich Uhls Umtriebigkeit bezahlt: Schon seit Jahren beschäftigte sich der Kantor intensiv mit dem Gregorianischen Choral. Sein Lehrer unterrichtete an der Universität der Künste in Essen, wo er dank einer Umstrukturierung im Jahr 2008 auch das Promotionsrecht erhielt. „Und prompt fragte er an, ob ich es nicht probieren wollte.“ 

Wollen hätte Uhl schon gewollt. Nur seine musikwissenschaftliche Ausbildung genügte leider den strengen Promotions-Kriterien in Essen nicht. „Also habe ich hier in Heidelberg Musikwissenschaft und Philosophie nachzustudiert.“ Fast zehn Jahre hat sich die Promotion dadurch hingezogen. Erst seit 2017 kann Uhl einen Titel vor seinen Namen setzen. 

Das „Schwalbennest“ hängt frei über der Domgemeinde von Köln.

Vier Orgel besitzt der Kölner Dom. Die Orgelbaufirma Johannes Klais in Bonn hat sie alle entworfen und hergestellt. Eine exquisiter als die andere. Die gesamte Orgelanlage gehört mit 143 Registern zu den größten Instrumenten in Deutschland. Berühmt ist vor allem das sogenannte „Schwalbennest“. Ein 30 Tonnen schweres Instrument, das an vier Stahlseilen frei über dem nördlichen Langhaus schwebt. In 20 Metern Höhe, knapp unter dem Kreuzrippengewölbe.

Die Schwalbennestorgel im Kölner Dom besitzt 3963 Pfeifen und schwebt 20 Meter hoch.

Da braucht es schon die Coolness eines Bergsteigers, um sich an diesem Spieltisch wohlzufühlen. Immerhin: Man hat von dort oben einen sensationellen Blick auf die Domgemeinde. 

Um über die gesamte Orgelanlage im Dom mit ihren 3963 Pfeifen in 143 Registern zur gebieten, muss der Organist die Musizieranlage vorne links erklimmen. Sie schwebt „nur“ acht Meter über dem Boden. Nicht umsonst zählt die Klais-Orgel im Kölner Dom zu den größten Instrumenten Deutschlands.

„Ich gehe als Professor nach Köln und nicht als Domorganist“, wird Markus Uhl nicht müde zu betonen. Aber natürlich befindet sich seine Hochschule nur ein Steinwurf weit vom Dom entfernt. Und der Hauptbahnhof liegt auch genau an dieser Ecke. Damit kommt Uhl, der grundsätzlich mit dem Zug unterwegs ist und künftig im Städtchen Königswinter direkt am Rhein wohnt, automatisch jeden Tag mindesten zwei Mal am Hohen Dom vorbei. Das macht etwas mit einem Menschen, noch dazu mit einem Kantor. Seine Vorgänger an der HfMT waren auch alle als Domorganisten tätig. „Vielleicht“, lacht Uhl, „klappt das ja auch bei mir.“

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