Die Pfarrerin stand am Ufer des Baggersees und zögerte. Aber nur kurz. Dann raffte sie entschlossen ihren Talar zusammen und watete hinein ins kühle Nass. Ihr hinterher: Ein Elternpaar mit winzigem Baby, Verwandte und Freunde sowie zwei Paten mit Kerze. Alle elegant gekleidet, alle barfuß, alle nass bis zum Oberschenkel.
So abenteuerlich geht Taufe in der Evangelischen Landeskirche von Baden, wenn die Eltern das möchten. Aber die Protestanten taufen nicht nur an ungewöhnliche Stellen, sie trauen die Menschen jetzt auch im Wald, am Bach oder im Technikmuseum unter den Flügeln der Concorde. Je nach Gusto des Paares. Der Titel der Aktion: „Einfach heiraten!“ Ein Blick in die Zukunft.
Wer’s richtig atemberaubend mag, traut sich in 76 Meter Höhe.
Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Und das ist gut so, denn die Welt wäre fad, wenn allen das Gleiche gefiele. Deshalb können sich Verliebte, die gern Motorrad fahren, im Sinsheimer Technik-Museum das Ja-Wort geben. Paare, die Romantik suchen, sind in dem weitläufigen Park der evangelischen Kirche von Ladenburg bestens aufgehoben. Denn dieses Gotteshaus ist das einzige in der Region, in dem auch auf den Innenwänden rote Rosen blühen. Und wer’s richtig atemberaubend mag, traut sich in Mannheim auf dem Turm der Konkordienkirche in 76 Metern Höhe.
„Unsere große Hochzeits-Aktion zielt nicht darauf ab, Kirchenmitglieder zu akquirieren“, betont Ute Jäger-Fleming, die Dekanin des Kirchenbezirks Neckar-Bergstraße. „Sondern wir wollen die Menschen wieder spüren lassen, wie gut es tut, wenn man den gemeinsamen Weg mit dem Segen Gottes beginnt oder weitergeht.“
Ein weißes Kleid und ein dunkler Anzug sind dafür nicht notwendig. „Einfach heiraten“ darf jeder nach seiner Façon. Sogar in Badeschlappen im See von St. Leon-Rot. „Der Traditionsabbruch in unserer Gesellschaft hat durchaus auch seine Vorteile“, findet Dekan Folkhard Krall aus Mosbach. „Ich beobachte, dass die Menschen von Jahr zu Jahr mehr Mut zeigen, ihre Lebensgeschichten selbst zu schreiben.“
Mindestens ein Teil des Hochzeitspaares muss Mitglied der Evangelischen Kirche sein.
Doch Vorsicht: Ganz ohne Bedingungen funktioniert eine evangelische Hochzeit auch draußen in Feld, Wald und Flur nicht. Mindestens ein Teil des Hochzeitspaares muss Mitglied in der evangelischen Kirche sein. Außerdem benötigt jedes Paar eine Trau-Urkunde vom Standesamt. Ähnliche Bedingung gelten übrigens auch für die beliebten evangelischen Tauffeste, die schon seit 15 Jahren boomen. Auch für die Taufe eines Kindes muss mindestens ein Elternteil oder ein Pate evangelisches Kirchenmitglied sein. „Wer sein Glück nur segnen lassen will, braucht nichts mitzubringen, sondern kann einfach vorbeischauen“, lächelt Katharina Treptow-Garben, die junge Dekanin des Kirchenbezirks Südliche Kurpfalz mit Sitz in Wiesloch.
Doch dann wird Pfarrerin Treptow-Garben ernst. Natürlich, sagt sie, verläuft auch eine von Gott gesegnete Ehe oder Partnerschaft nicht ohne Brüche und Schmerzen. Und natürlich kann auch ein getaufter Mensch scheitern. „Aber der Segen Gottes ist meiner Erfahrung nach eine große Hilfe, wenn es darum geht, wieder aufzustehen und einen neuen Anfang zu wagen.“
Mehr als 250000 Mitglieder hat die Landeskirche in den letzten zehn Jahren verloren.
Rund 945000 Mitglieder zählte die Badische Landeskirche Ende Dezember 2025. Zwei Jahre zuvor waren es noch über eine Million. Und 2015 deutlich über 1,2 Millionen. Wie lange dieser kontinuierliche Rückgang noch anhält, vermag niemand zu sagen. Für Folkhard Krall, den Dekan von Mosbach, bergen diese Zahlen allerdings eine klare Handlungsanweisung: „Wir dürfen uns nicht länger festklammern am Gewohnten, sondern müssen uns öffnen für die neuen Geschichten, die Gott mit uns schreiben will.“ Soll heißen: Raus aus dem Schutzraum Kirche und rein ins moderne Leben. Krall selbst, seit 2013 im Amt, hat diesen Sprung schon gewagt und festgestellt, dass er überraschend weich gelandet ist: „Überall, wo ich hinkomme, spüre ich eine große Offenheit für den Schatz, den wir zu verschenken haben.“
Anders als in der Katholische Kirche, wo die Ehe zu den sieben Sakramenten zählt, sieht die Evangelische Kirche, eine Hochzeit als „weltlich Ding“. So formulierte Martin Luther. Was aber nichts über die Kraft des Segens aussagt, den die Pfarrpersonen und Diakone von Gott für die Paare erbitten. Und noch weniger über die feierliche Intensität dieses Moments.
Den Dekanen der Region ist es daher außerordentlich wichtig, ausreichend Zeit für jedes Paar zur Verfügung zu haben. Jeden Anflug von Massenabfertigung am „Hochzeitstag“ lehnen sie strikt ab; die Trauungen sollen „passgenau“ auf jedes Paar zugeschnitten werden. Was einfach gesagt ist als getan, wenn sich Pfarrer und Brautpaar zum ersten Mal begegnen. „Wir führen vor der Zeremonie ein etwa zwanzig-minütiges Gespräch mit dem Paar“, erklärt Katharina Treptow-Garben, die Dekanin der Südlichen Kurpfalz. „Danach nehmen wir uns eine kleine Auszeit, um die Ansprache zu formulieren, bevor die Trauung beginnt.“
Die Ehe ist die älteste Institution der Menschheit. Schon in der Antike wurde rauschend geheiratet.
Die Ehe ist wohl die älteste Institution der Menschheitsgeschichte. Und sie hat sich überraschenderweise rund um den Globus in ähnlicher Form erhalten. In Deutschland allerdings ist die Zahl der Hochzeiten seit einigen Jahren stark rückläufig. Nur mehr Hälfte der Bundesbürger sind noch verheiratet. Und das obwohl der Bundestag am 30. Juni 2017 die „Ehe für alle“ beschlossen hat. Verboten sind lediglich noch Eheschließungen zwischen Verwandten.
Die feierlichen, rauschenden Hochzeiten, wie wir sie heute kennen, gab es wohl schon in der römischen Antike. Allerdings durften in Rom nur freie Bürger heiraten. Ehen zwischen mehr als zwei Personen waren auch hier nicht erlaubt. Jesus Christus hat sich zum Thema Ehe sehr klar geäußert. Im 10. Kapitel des Markus-Evangeliums sagt er den berühmten Satz: „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“
Den evangelischen Dekanen von Nordbaden ist es vor allem wichtig, dass „ihre“ Paare durch den Segen Gottes gestärkt in den neuen Lebensabschnitt starten. „Es macht mich ein wenig stolz, dass unsere Kirche die Offenheit behalten hat, dorthin zu gehen, wo die Menschen heute stehen“, sagt Katharina Treptow-Garben. Und sie glaube, dass die Evangelische Kirche auch ein „gutes Gespür“ dafür habe, was den modernen, selbstbewussten Menschen guttut. Eine „neue Offenheit“ beobachtet Dekanin Ute Jäger-Fleming aus Weinheim im Verhältnis von Pfarrerin und Hochzeitspaar. Sie werde heute nicht mehr als Amtsperson wahrgenommen, sondern als jemand, der an seinem Gegenüber wahrhaft interessiert ist. „Wir stehen sozusagen gleichberechtigt nebeneinander vor Gott.“
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Die meisten Anmeldungen, die bereits für den 20. Juni eingegangen sind, stammen erstaunlicherweise von Menschen, die schon ein wenig älter sind. Offensichtlich sucht man jenseits der 35 nach Möglichkeiten, sich das Ja-Wort ohne Chichi zu geben. Unvergesslich wird die Hochzeit trotzdem, verspricht Ute Jäger-Fleming. „Ich bin sehr sicher, dass es uns gelingt, diese zwanzig Minuten in einen heiligen Moment für die Paare zu verwandeln.“ Und wer weiß, überlegt die Dekanin weiter, vielleicht erlebten die Menschen bei dieser Gelegenheit ja, dass „die Kirche“ ein freundliches Gesicht hat, an das man sich wenden kann, wenn man etwas auf dem Herzen hat.
Und für die Pfarrerinnen und Pfarrer sei es etwas sehr Beglückendes, findet Dekan Folkhard Krall aus Mosbach, Menschen zu erleben, die einfach froh und dankbar sind, dass jemand „ihren großen Tag und ihr Strahlen gestaltet.“ Katharina Treptow-Garden in Wiesloch hat sich fest vorgenommen, mit „ihren“ Paaren via Internet in Verbindung zu bleiben. Die Evangelische Kirche von Baden habe vielleicht nicht mehr so viel Geld wie früher, resümiert Ute Jäger-Fleming aus Weinheim. Und ganz sicher nicht mehr so viele Gebäude. „Aber wir haben noch immer die Gnade Gottes, die wir weitergeben und verschenken können. Das ist eine Kraft, die man nicht sieht, die aber mehr zählt als alles Andere.“ Und wer weiß, vielleicht braucht eines der Hochzeitspaare irgendwann ja wieder geistlichen Beistand und dann gibt es einen Namen und ein Gesicht an das es sich erinnert.









