„Wir brauchen neue Formate“

Ute Jäger-Fleming führt als Dekanin des neuen Groß-Kirchenbezirk „Neckar-Bergstraße“.

Ihr persönliches Osterwunder hat Ute Jäger-Fleming, die Dekanin des neuen evangelischen Kirchenbezirks Neckar-Bergstraße, bereits erlebt: „Ich hatte die Befürchtung, dass sich nach den harten finanziellen Einschnitten der letzten Jahre kaum noch jemand als Kirchenältester zur Verfügung stellt.“ Doch genau das Gegenteil war der Fall: Selten haben so viele Menschen Interesse bekundet, sich aktiv im Kirchenbezirk einzubringen, wie jetzt bei der konstituierenden Synode in der Weinheimer Weststadt.

Die Begründung für den Sturm aufs Ehrenamt leuchtet ein: Alle großen Einsparungen wurden in den letzten Jahren gemacht. Jetzt hat die evangelische Kirche viel Luft und Freiraum, den es zu nutzen gilt. Digital, kooperativ, experimentell. Mit Taufen am Baggersee, Gottesdiensten im Wald oder Pilgerwanderungen. Näher zusammenrücken und enger zusammenarbeiten –  das sind die beiden Leitworte an denen sich der neue Kirchenbezirk künftig ausrichten will.

Der große Zusammenschluss reicht von Heiligkreuzsteinach bis Edingen und von Hemsbach bis Dossenheim.

Was einfacher gesagt ist als getan. Denn immerhin reicht der Zusammenschluss von Heiligkreuzsteinach über Wilhelmsfeld bis Oberflockenbach; von Hemsbach über Weinheim und Dossenheim bis Edingen. Insgesamt 16 Gemeinden, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Das muss man erst einmal überblicken. Weshalb die Pfarrer künftig auch nicht mehr mit Verwaltungsaufgaben belastet werden sollen, sagt Ute Jäger-Fleming. Das übernehmen jetzt ausgebildete Kaufleute.

„Auch in unsere Gebäude haben wir in der Vergangenheit zu viel Arbeit investiert“, findet die Dekanin. Künftig soll es wieder hauptsächlich um Gott und die Menschen gehen. „Wir haben mit unserem Glauben doch einen Schatz weiterzugeben, nach dem die Leute suchen“, formuliert Jäger-Fleming.

Die Ältesten sehen das offensichtlich ebenso, denn in der Synode herrschte geradezu Aufbruchsstimmung. „Jeder Redebeitrag“, staunt die Dekanin, „hat danach gefragt, welche Rolle wir als Evangelische Kirche künftig in unserer Gesellschaft spielen wollen, die sich derzeit so rapide verändert. An Themen, zu denen die Kirche etwas zu sagen hat, mangelt es ja wahrlich nicht: Einsamkeit, pflegende Angehörige, verunsicherte Jugendliche, Wiederbewaffnung, Krieg, Gewalt und die bedrohte Freiheit.

Die „Inselpfarrerin“ Anna Bier aus Ilvesheim ist fast nur noch digital unterwegs.

Seelsorgerischer Beistand via Internet wird immer mehr nachgefragt.

Immer mehr jüngeren Menschen suchten seelsorgerischen Beistand im digitalen Raum, beobachtete die Synode. Wahrscheinlich weil hier Schwelle hier niedriger ist. Auch das wurde als Fingerzeig für die Kirche gedeutet. „In Ilvesheim gibt es schon eine Inselpfarrerin, die praktisch nur digital unterwegs ist. Diese Fähigkeit müssen wir unbedingt für den ganzen Bezirk nutzbar machen“, findet Jäger-Fleming.

Der Start des neuen Kirchenbezirks steht unter einem gewissen Zeitdruck. Denn schon für den Februar nächsten Jahres ist die große Visitation durch die Landesbischöfin geplant. Bis dahin muss alles präsentabel sein.

Die Weinheimer Peterskirche ist das größte – und schönste – Gotteshaus im Kirchenbezirk.

„Wir starten im April mit einem Tag für die Hauptamtlichen“, berichtet die Dekanin. Am 25. Juli folgt der Ehrenamtstag. Und für den Oktober ist ein große Treffen aller Engagierten geplant. Zu ihrem Vorsitzenden haben die Synodalen des neuen Kirchenbezirks Till Einig aus Hohensachsen gewählt, Pfarrer Steffen Banhardt fungiert als sein Stellvertreter. Der Dekanin zur Seite steht künftig Pfarrer David Reichert aus Ladenburg als Stellvertreter. 

Das Ideal der Zukunft ist eine kleine fahrbare Kirche. Oder ein Gottesdienstzelt.

„Wir wollen ab sofort sehr viel vernetzter arbeiten, Kooperationen bilden und deutlich mehr nach außen gehen“, berichtet Ute Jäger-Fleming. Das sei schon fast lebenswichtig für die Evangelische Kirche, denn selbst in den Feldern ihrer Kernkompetenz – Taufe, Konfirmation, Hochzeit, Beerdigung – seien die Zahlen stark rückläufig. „Wir brauchen dringend neue Formate, um die Menschen wieder anzusprechen.“

Ute Jäger-Fleming: Deutlich mehr nach außen gehen!

Dass durchaus Interesse da ist, beweisen die Erfolgsprojekte im Kirchenbezirk, die es auch gibt. Entlang der Bergstraße beispielsweise hat ein Projektchor formiert, der sehr viele Menschen anzieht, während die klassischen Kirchenchöre schwächeln. In Hemsbach gibt es ein innovatives „Trauercafé“ im ehemaligen Gemeindehaus gegenüber des Friedhofs, in dem die Familien nach einer Beerdigung in Ruhe finden und sich austauschen können.

Ideal wäre eine kleine, fahrbare Kirchen, die man von einem Ort zu anderen bringen kann, findet Jäger-Fleming. Oder ein „Gottesdienstzelt“, das man überall dort aufbauen kann, wo gerade etwas lost ist. Im Wald, auf dem Feld, am See. „Für mich fühlt sich alles sehr biblisch an, spannend, lebendig, stärkend und rundum evangelisch.“

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert