Der Geist weht, wo er will

Der Gekreuzigte zwischen Windrädern: Kirche auf dem Land ist spannend

Je näher Hirschlanden kommt, desto schmaler wird die Staße. Man mäandert durch Dinkelfelder und Apfelwiesen, Wäldchen huschen vorbei, Pferde weiden. Kein Haus, nirgends. Auch kein Netz mehr. Hier draußen ist das Smartphone nutzlos. Das wird auch so bleiben, denn das Bauland hinter Rosenberg ist schön, karg und menschenleer. In den Dörfern gibt es keine Läden. Die Bahnhöfe sind verwaist, die Busse nur für Schüler. 

Vielleicht sehen so die Bedingungen aus, die der Heilige Geist braucht. Hirschlanden hat nämlich nicht umsonst den Landeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ gewonnen. Im Schatten der evangelischen Kirche wächst eine Gemeinschaft heran, die an das Urchristentum erinnert. Alt und Jung, Behinderte und Nichtbehinderte, Bauern, Handwerker und Künstler versuchen, in dem 440-Seelen-Dorf wie „ein Herz und eine Seele“ zusammenzuleben. In anderen Dörfer geschieht ähnliches. Ein Pfingstausflug aufs Land.

Die einzige Käserei, die evangelisch, diakonisch und ökologisch arbeitet

Die evangelische Kirche von Hirschlanden bei Rosenberg im Bauland.

„Die Kirche sehen Sie sofort“, hat Rüdiger Krauth, der Dekan des Kirchenbezirks Adelsheim-Boxberg, gesagt. „Es gibt nur eine.“ Hirschlanden glaubt seit 1558 evangelisch. In Natura ist das Dorf noch übersichtlicher, als man sich das vorgestellt hat. Das spätbarocke Kirchlein wacht über den Eingang, direkt gegenüber steht das großzügige Pfarrhaus. Das Alte Rathaus im Zentrum ist heute die Dorfwirtschaft. Am Ortsausgang betreibt der evangelische Kindergarten mit zwölf Kindern und drei Ziegen „Tierpädagogik“. Das ist Hirschlanden. Eigentlich.

De facto gibt es noch eine Exklave drüben im Dörfchen Hohenstadt, wo Rüdiger Krauth ebenfalls Pfarrer ist. Direkt neben der Kirche steht ein kleines Holzhaus, in dem man früher das Vieh wog. Heute ist es das penibel saubere Domizil der „Käseküche Hohenstadt“. Sie ist die einzige Käserei Deutschlands, die evangelisch, diakonisch und ökologisch arbeitet. Hier startet unsere Suche nach dem Heiligen Geist.

Am Pfingstag, erzählt die Apostelgeschichte, kam ein Brausen vom Himmel wie ein Sturm. Dann erschienen Feuerzungen und ließen sich auf den Menschen nieder.

Dekan Rüdiger Krauth sorgt für Aufsehen mit seiner diakonischen Kirchen-Käserei.

Seit siebzehn Jahren lebt Dekan Rüdiger Krauth mit Frau und vier Kindern in Hirschlanden. Ihm gefällt es in der ländlichsten Ecke der Badischen Landeskirche. Ursula Krauth hat Landwirtschaft studiert, Schafe gezüchtet und Käse hergestellt. Dann kamen die Kinder. 2009 lernte das Ehepaar die Leiterin der SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth am Main kennen. 160 Erwachsene mit geistiger Behinderung betreiben erfolgreich eine Molkerei. Ursula Krauth stand in Flammen. Eigenen Käse herstellen und zugleich diakonisch arbeiten – ein Traum! Mit 47 Jahren ging die Pfarrersfrau wieder in die Lehre. 2012 eröffnete die frischgebackene „Molkereifachfrau“ die evangelische Käseküche.

Das Land erwacht. Die Menschen fangen an, etwas zu tun.

Zwei Angestellte hat Ursula Krauth heute. Beide sind schwerbehindert. „In jedem Dorf gibt es Behinderte“, sagt Rüdiger Krauth. Die meisten erhielten nie die Chance auf eine feste Stelle. Ohne Arbeit aber auch keine Würde, findet der Pfarrer. „Jeder sollte an einem Produkt mitarbeiten können, auf das er stolz sein kann.“ Thaddäus ist solch ein Produkt. Er ist der erste evangelische Weichkäse, wahlweise auch mit Chilli oder Kümmel. Thaddäus hat nicht nur den Zukunftspreis der Landeskirche gewonnen, er hat sich gerade auch beim Kirchentag in Berlin vorgestellt.

Die Flammen des Pfingsttags, erzählt die Apostelgeschichte, erfüllten die Menschen mit dem Heiligen Geist. Sie begannen, in fremden Sprachen zu reden. Wie es der Geist ihnen eingab.

Eine Dorf macht vor, was alles geht auf dem Land

Tatsächlich stehen die Zeichen auf Veränderung, beobachtet Rüdiger Krauth. Das Land erwacht. Die Menschen fangen an, etwas zu tun. „Vielleicht ist es eine Stärke, dass wir all das nicht haben, was Sie in der Stadt haben.“ Weil es in Hirschlanden keinen Bus gibt, hat die evangelische Kirchengemeinde eine Ruftaxi installiert. Wer zum Arzt oder zum Friseur will, bestellt im Pfarramt den Wagen. Die Fahrt kostet einen Euro. Wie im Bus. Und es gibt eine „Abo-Kiste“. Wer etwas vom Metzger oder Bäcker braucht, gibt seine Liste ans Pfarramt durch. Noch vor dem Mittagessen steht die volle Kiste vor der Tür.

Und dann braut Hirschlanden auch noch sein eigenes Bier

„Mehrgenerationendorf“ nennt sich Hirschlanden. Pfarrer Krauth und Ortsvorsteher Martin Herrmann haben den Namen erfunden. Herrmann hat auch ein spektakuläres Dorffest mit Mistgabelweitwurf oder Dackelparcours ins Leben gerufen, das alle drei Jahre 5000 Besucher nach Hirschlanden lockt. Zudem braut das Dorf sein eigenes Bier. Das „Hirschbräu“. Ausgeschenkt wird es am Samstag in der Dorfwirtschaft. 70 Gäste fasst die Schankstube. Die Hälfte der Plätze ist für Einheimische reserviert, die andere Hälfte auf Monate ausgebucht. „Wenn das ganze Dorf an einem Strang zieht, kann man viel auf die Beine stellen“, sagt Rüdiger Krauth.

Die evangelische Kirchen-Käserei ist inzwischen eine Genossenschaft geworden. Sie soll expandieren. Ein alter Hof im Nachbardorf Sindolsheim wird zur Großkäserei umgebaut. „Wir wollen acht Arbeitsplätze schaffen“, erklärt Dekan Krauth. Die Hälfte für Menschen mit Schwerbehinderung. 600000 Euro kostet das Projekt. Die Hälfte des Geldes hat Hirschlanden schon beisammen. Die Dietmar-Hopp-Stiftung hat sich engagiert, das LEADER-Förderprogramm der EU und die Aktion Mensch.

„Solch eine lebendige Gemeinde findet man selten“

Hüffenhardt liegt auch im Neckar-Odenwald-Kreis, aber längst nicht so abgelegen wie Hirschlanden. Bis Bad Rappenau sind es sieben Kilometer, bis Mosbach siebzehn. 2100 Menschen leben in Hüffenhardt. Sie können mobil telefonieren, einkaufen und sogar Pizza essen. Dass das Dorf trotzdem in unserer Pfingstgeschichte auftaucht, liegt an den 588 Katholiken. Ihnen ist es gelungen, alle Instanzen davon zu überzeugen, ihr unscheinbares Kirchlein für 750000 Euro zu renovieren. Die Begründung für die Zustimmung: „Solch eine lebendige Gemeinde finde man selten.“

Sorgen für das katholische Leben im Dorf: Das Gemeindeteam von Hüffenhardt

Die Reformation kam früh nach Hüffenhardt. Schon seit den 1520er Jahren betete man hier lutherisch. Der Katholizismus kehrte erst nach dem Zweiten Weltkrieg zurück. In Person ungarischer Flüchtlinge. 1956 beschlossen sie, sich eine eigene Kirche zu bauen: Maria Königin. Ein schlichtes Gotteshaus aus Beton-Fertigteilen für weniger als 100000 Mark.

Freiheit ist uns wichtig. Das Gezwungene nicht unser Weg.

Zweimal in der Woche schaute ein Priester vorbei, um Messe zu feiern und Beichte zu hören. Mehr seelsorgerische Begleitung gab es selten. Das katholische Leben blühte trotzdem in Hüffenhardt. Man teilte den Glauben und kümmerte sich umeinander. „Wie eine Kirchenfamilie“, formuliert Nicole Lawin, die Sprecherin des Gemeindeteams. „Vielleicht ist es jetzt in  Zeiten des Priestermangels ein großer Vorteil, dass wir nie einen eigenen Pfarrer hatten. Wir sind Selbständigkeit gewohnt.“

Nach dem Pfingsttag war die Gemeinde ein Herz und eine Seele, erzählt die Apostelgeschichte. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum. Niemand litt Not.

Ein sakrales Schmuckstück: Maria Königin wurde für 750000 Euro saniert

Acht Mitglieder hat das Hüffenhardter Gemeindeteam. Sie sind zwischen 20 und 65 Jahre alt und kaum zu bändigen. Rede- oder Sitzordnung gibt es keine, so wenig wie eine Einteilung der 16 Ministranten für beiden Gottesdienste am Mittwoch- und am Samstagabend. „Wer da ist, macht mit“, lacht Nicole Lawin. „Freiheit ist uns wichtig, das Gezwungene nicht unser Weg.“ Eine Messe ohne Ministranten gab es noch nie. Und wenn sich ein Priester mal verspätet, beginnt das Gemeindeteam fröhlich mit dem Wortgottesdienst.

Eine Gemeinde wie ein Regenbochen: Bunt, fröhlich und lebendig

Das Regenbogenfenster zaubert stündlich neue Stimmungen.

Vier kranke Katholiken gibt es momentan in Hüffenhardt. Michaela Uhle bringt ihnen die Kommunion. „In dieser Gemeinde ist immer jemand für mich da“, sagt sie. „Wir können und hunderprozentig auf einander verlassen.“ An Erntedank pilgern alle mit Leiterwägelchen nach Maria Königin. In der „Ökumenischen Nacht der offenen Kirchen“ verzaubern sie ihr Kirchlein mit tausend Kerzen. Und weil man in Hüffenhardt moderne geistliche Lieder liebt, gibt es natürlich auch eine Band . Und Singabende. Und Konzerte. Und bald auch einen festen Schlagzeuger. 60 bis 80 Gläubige kommen am Samstag zur Messe. Auch von außerhalb. „Es hat sich rumgesprochen, dass es hier schön ist.“

Zehn Monate hat die Renovierung von Maria Königin gedauert. Ein Gemeinderaum mit Küche wurde ins Kirchenschiff integriert. Es ist der erste katholische Treffpunkt, den es in Hüffenhardt je gegeben hat. Die Kirche selbst ist wunderschön geworden. Hell, licht, heilig. Mit einem großen Westfenster, in dem sich bunte Glasscheiben zu einem Regenbogen auffalten, der das Kirchenschiff je nach Lichteinfall immer wieder in neue Stimmungen hüllt. „Der Regenbogen ist das Symbol unserer Gemeinde geworden“, erklärt Nicole Lawin. „Bunt, fröhlich und lebendig.“

 

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