Heiliger Geist im Doppelpack

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Begeistert von Heiliggeist: Pfarrer Vincenzo Petracca

Der Apostel Paulus hatte es auch nicht leicht. Jahrelang missionierte er in der Welt herum, segelte in die Türkei und nach Zypern. Dann kam er ins griechische Ephesus. Freudig fragte er die dortigen Jünger, wie sie sich denn so fühlen, seit sie bei der Taufe den Heiligen Geist empfangen haben. Die verblüffte Antwort: „Wir haben noch nie gehört, dass es einen Heiligen Geist gibt.“

Das war 52 nach Christus. Stellte man dieselbe Frage 2016 in einer deutschen Fußgängerzone, die Antwort fiele kaum anders aus. Pfingsten, der Feiertag des Heiligen Geistes, ist das rätselhafteste der drei großen christlichen Feste. Machen wir uns also auf die Suche nach diesem Heiligen Geist. Das geht am besten bei einem Spaziergang durch Heidelbergs Altstadt.

Der helle Chor von Heiliggeist übt eine starke Sogwirkung aus

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Gotik vom Feinsten: Die Heiliggeistkirche

Unser Pfingstweg beginnt in der evangelischen Heiliggeistkirche. Wir betreten ein hohes gotisches Gotteshaus mit drei Kirchenschiffen von verwirrender Proportion. Die beiden Seitenschiffe scheinen breiter zu sein als das schmale Mittelschiff, das optisch steil gen Himmel strebt. Wer das Glück hat, ungestört zu sein, spürt den Sog, der vom hellen Chor ausgeht. Dort will man hin. Sich einhüllen lassen in Licht. Ist das Heiliger Geist?

Klar, sagt Vincenzo Petracca, der City-Pfarrer. Überall, wo etwas licht sei und leicht, liebevoll und kreativ, wirke der Heilige Geist. „Er ist das Gegenteil von Kreuz und Auferstehung. Er drückt uns nie nieder, sondern er tanzt und spielt und lockt uns aus der Dunkelheit heraus.“

In der Heiliggeistkirche lockte der Geist erst einmal andere Geister an. Theologen, Physiker, Mediziner. 1386 gründete Kurfürst Ruprecht I. in der Marktplatzkirche die erste Universität Deutschlands. Allerdings war die Kirche damals noch eine zierliche gotische Kapelle. „Die Gründung der Universität ging unspektakulär vor sich“, erzählt Pfarrer Petracca. „Drei Professoren hielten in der Kirche drei Vorlesungen: Logik, Theologie und Physik.“

Der einzige Heidelberger Kurfürst auf dem deutschen Königsthron

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König Ruprecht I. und seine Elisabeth ruhen friedlich in Heiliggeist

Damit war das erste Semester eingeläutet. Es sollte viele Jahrzehnte dauern, bis die junge Universität über eigene Räumlichkeiten verfügte. Bis dahin studierte man in den Kirchen und Klöstern, von denen es im mittelalterlichen Heidelberg eine Menge gab.

Den prachtvollen Sandsteinbau am Marktplatz, in dem wir heute staunend stehen, ließ Kurfürst Ruprecht III. errichten. Er war ein ehrgeiziger Mann, der es als einziger Heidelberger Kurfürst schaffte, zum deutschen König gewählt zu werden. Weshalb er eine standesgemäße Grablege für die Pfalzgrafen bei Rhein brauchte. Ruprecht III. und seine Elisabeth ruhen bis heute im Prunksarkophag in Heiliggeist. Die meisten anderen Gräber wurden im Pfälzer Erbfolgekrieg verheert.

Passt die Atombombe von Hiroshima in ein Gotteshaus? 

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Schreiters Physikfenster blieb Unikat

König Ruprecht war es auch, der das Heiliggeiststift ins Leben rief. Zwölf Priester lebten hier. Sie kümmerten sich um die Gottesdienste und um die Vorlesungen der Universität. Eine perfekte Verbindung, findet Pfarrer Petracca. „Alle Errungenschaften des menschlichen Geistes sind immer nur Ausfluss des Göttlichen Geistes. Es wird gefährlich, wenn die Einheit von Glauben und Wissenschaft verloren geht.“

Was in der Neuzeit chronisch der Fall ist. Im Langhaus nahe dem Hauptportal leuchtet blutrot das „Physikfenster“. Professor Johannes Schreiter, der Glaskünstler aus dem hessischen Langen, hat es 1984 geschaffen. Man sieht die Explosion der Atombombe in Hiroshima. Darüber die Einsteinsche Formel und warnende Worte aus dem 2. Petrusbrief: „Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen.“ Doch keine Angst: Aus dem Maßwerk strömt der Heilige Geist als machtvoller roter Pfeil ins Schreiterfenster hinein.

Dummheit kann den göttlichen Funken töten

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Wie zwei Schwestern: Die evangelische Heiliggeistkirche …

Gott habe den Menschen zur Freiheit erschaffen, überlegt Petracca. „Deshalb lässt er auch Handlungen wider den Heiligen Geist zu.“ Man könne den göttlichen Funken in sich sogar auslöschen. Durch Dummheit. Durch Lebenslügen. Petracca: „Manche kommen da nie mehr heraus.“

Johannes Schreiters Physikfenster sollte ursprünglich Teil eines Fensterzyklus zum 600-jährigen Jubiläum der Universität werden. Der Glaskünstler hatte eine kluge Idee entwickelt. Er wollte der Heiliggeistkirche eine neue „Bibliotheca Palatina“ schenken.

Die „Bibliotheca Palatina“ war einst die größte Handschriftensammlung der Welt. Sie stand auf den breiten Emporen der Heiliggeistkirche. „Die Wissensschmiede des Mittelalters“, formuliert Vincenzo Petracca.

Die wertvollsten Handschriften der Welt endeten in Fässern 

Heidelberger-Jesuitenkirche

… und die katholische Heilig-Geist-Kirche

Dann kam der Dreißigjährige Krieg. Tillys katholische Truppen überrannten das protestantische Heidelberg. Die Bibliotheca Palatina wurde in Fässer gepackt und in den Vatikan geschickt. Was den Handschriften wohl das Leben gerettet hat. Den verheerenden Brand, mit dem die französischen Truppe siebzig Jahre später Heidelberg in Schutt und Asche legten, hätte kein Buch überlebt.

Wie wäre es, überlegte Johannes Schreiter, wenn er eine moderne Bibliotheca palatina in Glas schüfe? Die Fenster würden die wissenschaftlichen Errungenschaften der Menschheit dokumentieren: Im Chor die Entwicklung der Theologie, im Schiff die der Naturwissenschaft. Das Physikfenster war der Prototyp. Er blieb Unikat. Die Entscheider stimmten gegen den Zyklus. Was heute allgemein bedauert wird.

Wie man lernt, die Geister zu unterscheiden

„Man kann sich niemals ganz sicher sein, dass das, was man glaubt als göttliche Stimme zu hören, auch tatsächlich von Heiligen Geist stammt“, warnt Vincenzo Petracca. Viel zu oft hätten sich Menschen schon auf den Heiligen Geist berufen, wollten aber in Wahrheit nur die eigenen Interessen durchsetzen.

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Pfarrer Alexander Czech in der Heidelberger Jesuitenkirche

Später beim Gespräch drüben in der katholischen Jesuitenkirche wird auch Pfarrer Alexander Czech intensiv darüber nachdenken, wie man merkt, ob eine Idee vom Heiligen Geist inspiriert ist oder nicht. „Der Heilige Geist will mich in eine bestimmte Richtung lenken, das ist sicher“, sagt Czech. Doch nicht jede Regung sei automatisch eine Regung des Heiligen Geistes. „Also muss ich lernen, die Geister zu unterscheiden.“

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Mehr als 200 Jahre zerschnitt eine Mauer Heiliggeist.

Paulus hat das Problem in seinem Brief an die Galater erstmals benannt. Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, hat die „Unterscheidung der Geister“ populär gemacht. „Die Frucht des Geistes“, schreibt Paulus, „ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.“ Es gehe also darum zu ergründen, in welche Richtung mich ein Regung locken will, folgert Pfarrer Czech. „Wenn ich innerlich Trost, Freude und Frieden verspüre, dann ist das eine Regung des Heiligen Geistes.“

Dunkle Jahre in einer geteilten Kirche

Die evangelische Heiliggeistkirche zu Heidelberg kann eine lange Geschichte erzählen von Christen, die versucht haben, den Heiligen Geist nach ihren Vorstellungen zu verbiegen. Mehr als 200 Jahre zerschnitt eine Steinmauer Heiliggeist in zwei Teile. Vorne im Chor feierten die Katholiken ihre Messen, hinten im Langhaus die Protestanten ihre Gottesdienste. Dunkle Jahre.

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Heidelbergs doppeltes Kirchen-Lottchen: Heiliger Geist im Doppelpack

Für die Rettung von Heiliggeist hat sich der Heilige Geist etwas sehr Spezielles einfallen lassen. 1936, im Jahr der 550. Universitätsjubiläums, hauchte er einem evangelischen Pfarrer, der sich leidenschaftlich für den jüdischen Glauben interessierte, und einem nationalsozialistischen Oberbürgermeister ein gemeinsames Ziel ein: Bis zur Jubiläumsfeier muss die Mauer weg.

Pfarrer Hermann Maas und Oberbürgermeister Carl Neinhaus schafften es tatsächlich, den Katholiken den Heiliggeistchor abzukaufen. Am 24. Juni 1936 strömte die Morgensonne wieder ins Kirchenschiff.

Ist die Jesuitenkirche als Konkurrenzbau?

Auf unserem Pfingstspaziergang könnten wir jetzt einfach weiter gehen zur katholischen Heilig-Geist-Kirche, gemeinhin „Jesuitenkirche“ genannt. Aber viel spannender ist es, hinauf zu steigen zum Philosophenweg oder zum Schlossaltan. Aus der Höhe betrachtet ist die Ähnlichkeit der beiden größten Heidelberger Kirchen verblüffend.

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Die Jesuitenkirche hatte einen sehr schweren Start ins Leben.

Beide sind ungefähr gleich groß, haben ähnliche Grundrisse und überragten die umliegenden Häuser. Die Jesuitenkirche besitzt sogar Maßwerkfenster, obwohl die im Barock längst out waren. „Ich neige zur Annahme, dass man mit der Jesuitenkirche eine Art Konkurrenzbau zur Heiliggeistkirche schaffen wollte“, notiert der Heidelberger Kunsthistoriker Peter Anselm Riedl. Eine Konkurrenzkirche also. Mehr als dreihundert Jahre jünger. Mit dem gleichen Namen, nur anders geschrieben. Heiliger Geist im Doppelpack. Das schauen wir uns an.

Alexander Czech wartet vor dem Altarraum. Er hat die Arme ein wenig ausgebreitet. „Diese Kirche ist ein Lichtraum“, lächelt der katholische Pfarrer. „Immer, wenn ich hier hereinkomme, weitet sich mein Brustkorb, als würde ich tief durchatmen.“

Eine Kirche mit der Aura einer Königin

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Elegant, vornehm, anspruchsvoll: Die katholische Heilig Geist Kirche

Tatsächlich umgibt diese Heilig-Geist-Kirche die Aura einer Königin. Elegant, vornehm, anspruchsvoll. Unvorstellbar, dass man es vor genau hundert Jahren noch schick fand, das Tageslicht durch Buntglasfenster auszusperren und das Kirchenschiff knallbunt auszumalen. Der Heilige Geist muss damals anderswo beschäftigt gewesen sein. Womit wir beim Thema wären. Pfingsten.

Jesuitenaltar

Das Pfingst-Gemälde schuf Ferdinand Keller 1871

„Mit dem Heiligen Geist hat Gott uns die Möglichkeit gegeben, seine Kraft auf Erden erfahren zu können,“ sagt Alexander Czech. Ein Gott in drei Personen. Hohe Theologie. Gottvater hat erst den Sohn geschickt, erklärt Czech, damit wir Menschen Erfahrungen mit Gott sammeln können. Dann ist der Sohn zum Vater zurückgekehrt, und „die Jünger standen hilflos da wie Babys, die man allein gelassen hat.“ Weshalb an Pfingsten der Heilige Geist vom Himmel fiel, um die Verbindung zwischen den Menschen und Gott herzustellen. „Hier in der Jesuitenkirche ist dieser Geist deutlich spürbar“, findet Alexander Czech. „Ich werde von ihm angeweht, dann breitet sich Freude in mir aus.“

Fast 50 Jahre war die Jesuitenkirche eine Bauruine

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Welch ein Unterschied: Der Heilige Geist als Täubchen in der Jesuitenkirche ..

47 Jahre hat es gedauert, bis die Jesuitenkirche vollendet war. 1712 am Geburtstag des katholischen Kurfürsten Johann Wilhelm haben die Jesuiten den Grundstein gelegt, doch dann ging es mit Heidelberg steil bergab. Der Kurfürst starb, sein Bruder verkrachte sich mit Heidelbergs Protestanten und verlegte die Residenz nach Mannheim. Heidelberg blieb in Ruinen zurück. Erst Kurfürst Carl Theodor ließ die Neckarstadt im barocken Stil wieder aufbauen. Inklusive „Salvatorkirche“, wie die Jesuitenkirche ursprünglich hieß.

Gefreut haben sich die rund 4000 Katholiken allerdings nicht über das neue Gotteshaus. Sie fühlten sich wohl in ihrer heimeligen, mit Altären vollgestopften Chorkirche in Heiliggeist. Außerdem gab es ja noch die Klosterkirchen. Als der Papst 1773 den Jesuitenorden aufheben ließ, verkam die Salvatorkirche zum Lazarett und Munitionsmagazin.

Ein Gott in drei  Personen. Zu wem betet man denn da?

1804 warf die Universität ein Auge auf die hohe Halle, die sich prima als Universitätsbibliothek eignen würde. Da wachten die Katholiken endlich auf. Die Klosterkirchen waren bei Napoleons Säkularisierung verschwunden, im Heiliggeistchor wurde es langsam eng. Die Verhandlungen mit der Badischen Regierung
in Karlsruhe und dem Wormser Bischof waren zäh, doch 1809 gelang der Kompromiss.

Taube Heiliggeist

… und in der Heiliggeistkirche

Die Katholiken schafften all ihre Altäre in die Jesuitenkirche, der Heiliggeistchor blieb allerdings in ihrem Besitz. Ebenso wie der Name, den sie schon hundert Jahre zuvor ihrer Gemeinde gegeben hatten: Heilig-Geist. Nach Rücksprache mit dem Bischof übertrugen sie dieses Patrozinium nun auch auf die Jesuitenkirche. Die Salvatorkirche ward.

Es gebe oft eine große Unsicherheit, wen man beim Beten anspricht, überlegt Pfarrer Alexander Czech. Den Vater? Den Sohn? Den Heiligen Geist? Czechs Antwort: „Wir kommen durch Jesus Christus im heiligen Geist zum Vater. Das ist die Bewegung.“ Die Trinität, ergänzt Vincenzo Petracca, „ist nämlich nichts anderes als ein genaues Draufschauen auf das Wesen Gottes.“

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