Wie „Il Gesu“ von Rom an den Neckar kam

Heidelberger-Jesuitenkirche

Schlank, licht, elegant: Die Heidelberger Jesuitenkirche dominiert ihr Altstadtquartier

Sie ist eine echte Schönheit: Schlank, licht, elegant und mit enormer Ausstrahlung dominiert die Heidelberger Jesuitenkirche ihr Altstadtquartier. Und doch hat die größte katholische Kirche Heidelbergs schon viel mitgemacht. Eine Generation lang vegetierte sie als Torso mit halbfertigen Pilaster-Stümpfen dahin. Sie wurde als Lazarett missbraucht und musste mehr als hundert Jahre auf ihren Turm warten.

Romantische Gemüter verpassten der Kirche eine Sternendecke; andere malten sie quietschbunt an. 2009 feiert die Jesuitenkirche, gerade komplett renoviert und strahlender denn je, ein doppeltes Jubiläum. Vor 250 Jahren wurde der Barockbau fertig gestellt und vor 200 Jahren zur katholischen Pfarrkirche der Altstadt geweiht.

Die Jesuiten sollten Heidelberg wieder zum rechten Glauben führen

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Mitten im Barock entstand eine gotisch anmutende Hallenkirche

Heidelberg war ein Trümmerfeld. Nichts hatte der Pfälzer Erbfolgekrieg übrig gelassen außer Schutt, Asche, dem Haus zum Ritter und der Heiliggeistkirche. Was den katholischen Kurfürsten Johann Wilhelm in Düsseldorf jedoch richtig ärgerte, war der rege Zulauf, den die Calvinisten in Heidelberg hatten. Jan Willem schritt zur Tat: 1698, fünf Jahre nach dem Brand, schickte er seine Jesuiten an den Neckar, auf dass sie die Kurpfälzer zum rechten Glauben zurückführten.

Die Patres, wie das die katholische Art ist, begannen sofort zu bauen. Mit Steinen vom Dicken Turm des Schlosses und kostenlosem Holz aus den kurfürstlichen Wäldern entstand 1705 das massive Jesuitenkolleg in der Kettengasse und der Merianstraße. Eine neue Kirche sollte – verbunden durch einen Torbogen – an das Kolleg angrenzen. Dass an dieser Stelle eigentlich schon die Handwerkerhäuschen der Heugasse standen, störte die Kirchenbaumeister wenig. Am Ostersonntag des Jahres 1712, dem 54. Geburtstag des Kurfürsten, senkte sich der Grundstein der Jesuitenkirche in Heidelberger Boden.

Eine Barocke Raumskulptur ohne Schnörkel

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Die Jesuitenkirche inmitten barocker Häuschen.

Es folgt der Auftritt eines mutigen Mannes. Sein Name: Johann Adam Breunig. Sein Beruf: Maurer. „Breunig wagte es, dem Kurfürsten seinen Entwurf für das Schwetzinger Schloss persönlich nach Düsseldorf zu bringen“, berichtet Emil Josef Vierneisel, Chronist der Jesuitenkirche. Als Lohn für die spontane Aktion erhielt Johann Adam Breunig den Auftrag für die neue Kirche. Später baute er noch die Alte Universität und das Palais Morass, heute Kurpfälzisches Museum.

Kurfürst Johann Wilhelm hatte mit seinem Architekten einen Glückgriff getan. Unbeeindruckt vom verschnörkelten Prunk des Barock zeichnete Breunig eine gotisch anmutende Hallenkirche mit drei Schiffen und eingezogenen geschwungenen Strebpfeilern. „Eine barocke Raumskulptur“, schwärmt Werner Wolf-Holzäpfel, Leiter des Erzbischöflichen Bauamtes. „Ein Unikum in Süddeutschland“, freut sich der Kunsthistoriker Anselm Riedl.

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Das Vorbild: Die Jesuitenkirche „Il Gesu“ in Rom

1716 – die Kirche war gerade zur Hälfte fertig – starb der Kurfürst. Sein Bruder Carl Philipp hat sich in Heidelberg nie wohl gefühlt. Zu eng, zu protestantisch. Seinen Traum von einem Barockschloss nach Versailler Vorbild verwirklichte Carl Philipp lieber in Mannheim. Das überdachte Drittel der Heidelberger Jesuitenkirche wurde mit einer Bretterwand abgedichtet und diente als Behelfs-Gotteshaus. Jahrzehntelang kletterten die Katholiken über hüfthohe Mauern zur Sonntagsmesse. Die Romantiker hätten dieses Kirchenfragment als Symbol der Vergänglichkeit glühend verehrt.

Eine römische Kirche im Herzen von Heidelberg

Doch soweit kam es nicht. 1749 galoppierte ein neuer, blutjunger Kurfürst von Mannheim herüber. Carl Theodor entdeckte die Baustelle und befahl seinem Hofarchitekten die Fertigstellung. Franz Wilhelm Rabaliatti war Italiener. Er hörte „Jesuitenkirche“ und dachte „Rom“. Ecco qua: Als die Kirche 1759 fertig war, erhob sich im Herzen der Altstadt eine imposante Sandsteinfassade, exakt nachempfunden der berühmten römischen Kirche „Il Gesu“. Eine Rarität in Deutschland.

Dekan Dauer: „Die Jesuitenkirche ist ein Haus aus Licht“

1777 wurde der Jesuiten-Orden aufgelöst. 1793 funktionierte man die prächtige Kirche in ein Lazarett um. 1804 gab es Überlegungen, aus der Hallenkirche die Aula der Universität zu machen. Am 1. November 1809 wurde die Jesuitenkirche schließlich zur einzigen katholischen Pfarrkirche Heidelbergs geweiht. Erst 1872 erhielt sie ihren 78 Meter hohen Glockenturm.

Putten, Ornamente – all dieses barocke Schischi sucht man in der Jesuitenkirche vergebens. Diese Kirche braucht keinen Schmuck. „Der Innenraum wirkt allein durch die Architektur“, sagt Werner Wolf-Holzäpfel. „Das Tageslicht verstärkt die plastische Wirkung des Raumes noch.“ Da die Jesuitenkirche nach Süden ausgerichtet ist, wechselt der Lichteinfall von Stunde zu Stunde, von Monat zu Monat. „Sogar die Wintersonne schickt ihre Strahlen um die Mittagszeit durch die kleinen Chorerker“, beobachtet Eberhard Grießhaber, langjähriger Pfarrgemeinderat und profunder Kirchenführer. Und Dekan Joachim Dauer formuliert: „Diese Kirche ist ein Haus aus Licht, das Besucher wie ein Magnet anzieht.“

Als Geburtstagsgeschenk gibt es eine Orgel mit Metallschleier

Heutzutage. Im 19. Jahrhundert fand man so viel Licht und weiße Weite schrecklich. Die Spätromantik liebte es kuschelig, starkfarbig und voll. Bestes Beispiel ist das monumentale Hochaltarfresko, entstanden um 1870. Das Gemälde erstreckte sich ursprünglich über den gesamten Chorraum. Passend dazu hatte man die Sandsteinsäulen braun lasiert und das Gewölbe des Langhauses dunkelblau gefärbt. Als Untergrund für einen Sternenhimmel. Bunte Fensterscheiben verbreiteten ein diffuses Licht im Kirchenschiff. „Eine dunkle Höhle“, gruselt sich Grießhaber. Er ist froh, dass die Kirche seit 1954 wieder in hellen Farben erstrahlt.

1, 4 Millionen Euro hat die neue Kuhn-Orgel mit Metallschleier gekostet.

Die jüngste Renovierung der Jesuitenkirche, die 4,5 Millionen Euro verschlang, wagt eine Gradwanderung zwischen barockem Urzustand und aktuellem Design. Säulen, Decke und Wände wurden wie im 18. Jahrhundert mit weißem Kalk verputzt. Sehr modern – für viele gewönungsbedürftig – ist das Gestühl aus anthrazit-gebeizter Eiche und die Altarinsel aus weißem Marmor, entworfen von Rolf Bodenseh.

Und was schenkt man einer Kirche zum 250. Geburtstag? Die Jesuitenkirche bekommt eine neue Kuhn-Orgel. Ein spektakuläres Instrument mit einem Schleier aus Metallgewebe, das momentan gerade eingebaut wird. Kostenpunkt: 1,4 Millionen Euro. Acht Meter hoch, zehn Meter breit, 3829 Pfeifen, 57 Register, drei Manuale. „Diese Orgel“, definiert Bauamts-Leiter Werner Wolf-Holzäpfel, „ist nicht nur ein Instrument, sie ist Architektur.“

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