Das Raumwunder von Wieblingen

St. Bartholomäus präsentiert sich
ultramodern und intim zugleich

Von außen merkt keiner was. Da sieht man nur die langgestreckte, filigrane Kirche aus den Fünfzigern, die zugegebenermaßen schon etwas in die Jahre gekommen ist. Wie auch ihr frei stehender Campanile. Doch sobald man die schwere Tür von St. Bartholomäus in Wieblingen öffnet, erlebt man ein Wunder.

Die Kirche wurde komplett entkernt und der einst riesige Gottesdienstraum um die Hälfte verkleinert. Er präsentiert sich jetzt strahlend hell, ultramodern und intim zugleich. In der anderen Hälfte der Kirche steht heute das neue Gemeindehaus mit drei Sälen, Sakristei, Sanitäranlagen und Aufzug. Beten, tagen und feiern – alles unter einem Kirchendach. Vielleicht ist das eine Vision für die Gotteshäuser von morgen.

Die Fenster von Emil Wachter sorgen dafür, dass sich die Wände auflösen in farbiges Licht. Ein magischer Raum.

Die rote Treppe führt
ins neue Gemeindehaus

Deutschland im Jahr 1956. Ein Land auf der Suche nach Zukunft. Licht sollte sie sein, aufregend und schillernd. Das galt auch für den Kirchenbau. Manfred Schmitt-Fiebig, der damalige Leiter des Erzbischöflichen Bauamts in der Weststadt, entwarf St. Bartholomäus als federleichte Halle mit einem Skelett aus Stahl.

Die Fenster von Emil Wachter sorgten dafür, dass sich die Wände auflösten in farbiges Licht. Ein magischer Raum. Und ein prophetischer. Der ausladende schwarze Altar stand schon vor dem Konzil frei auf einer Stufenanlage. Später musste man nur den Tabernakel auf einer seitlichen Stele platzieren, schon konnte der Priester zur Gemeinde hin zelebrieren.

Jahrzehnte vergingen. Die Bänke wurden leerer und die Wieblinger störten sich mehr und mehr an dem überhöhten Altar, der so weit weg stand von der Gemeinde. Dann kam auch noch das Todeurteil für ihr Gemeindehaus. Katastrophale Energiebilanz, Sicherheitsmängel, keine Barrierefreiheit. Am Schluss fand man sogar Asbest. Was nun? Fast zehn Jahre lang haben die 2600 Wieblinger Katholiken, die inzwischen zur Stadtkirche Heidelberg gehörten, überlegt, geplant, verworfen. Dann präsentierten sie eine Lösung, die alle überraschte.

Der frühere Kirchenraum –
zu groß und zu anonym

„Wir haben versucht, so viele Ausstattungsstücke wie möglich aus der alten Kirche zu übernehmen“

Wo früher Eucharistie gefeiert wurde, wächst heute ein graziles Gemeindehaus aus Sichtbeton empor. Es hat die Größe eines Einfamilienhäuschens und steht frei im Raum ohne Kontakt zum Kupferdach der Kirche. Im Erdgeschoss befinden sich die Sakristei und der Jugendraum. „Er wird auch für Kindergottesdienste genutzt“, erklärt Architekt Michael Protschky vom Erzbischöflichen Bauamt.

Ein Aufzug fährt hinauf ins Obergeschoss, in dem zwei geräumige Säle und eine Küche mit Durchreiche Platz für Gruppenstunden und Feste bieten. Die neuen Fenster auf der Rückseite der Kirche blicken auf den Spielplatz des katholischen Kindergartens. Er konnte deutlich vergrößert werden, seit das alte Gemeindehaus verschwunden ist.

Die Außenansicht von 1956
blieb weitgehend unverändert

Der neue Kirchenraum schmiegt sich mit dem Rücken an das Gemeindehaus. 220 Sitzplätze gruppieren sich als Hufeisen um das Altarpodest, das von einem lichten „Heiligenschein“ erleuchtet wird. Der Priester zelebriert noch immer an dem schwarzen Marmoraltar, der allerdings inzwischen um zwei Drittel geschrumpft ist. „Wir haben versucht, so viele Ausstattungsstücke wie möglich aus der alten Kirche zu übernehmen“, sagt Pfarrer Johannes Brandt, der Leiter der Heidelberger Stadtkirche. „Nicht aus Kostengründen, sondern weil die Herzen der Menschen daran hängen.“ Das Kreuz ist noch da, das ewige Licht, der Tabernakel, das Taufbecken …

„Man kann eine Kirche nicht auf 800 Menschen auslegen, wenn am Sonntag nur 150 Gläubige kommen“

Höchstens 400 Gläubige finden in der „neuen“ Wieblinger Kirche Platz. Für Weihnachten und Ostern reicht das wahrscheinlich nicht. „Aber man kann eine Kirche nicht auf 800 Menschen auslegen, wenn am Sonntag nur 120 bis 150 Gläubige kommen“, meint Pfarrer Brandt.

Die Orgelempore ist jetzt
mit hochfestem Stahl gesichert

Die Orgel ist ebenfalls die alte geblieben. Sie musste jedoch neu intoniert werden, um ihren Klang der jetzigen Größe des Kirchenraums anzupassen. Das war nicht einfach, denn die Wand des neuen Gemeindehauses warf den Schall als Echo zurück. Eine eigens für St. Bartholomäus konzipierter Spezialputz rettete die Reinheit des Klanges.

Und dann tauchte in letzter Sekunde noch ein Problem auf, mit dem kein Mensch gerechnet hatte. Die alte Orgelempore sollte ein Stück verkürzt werden. Eigentlich eine Lapalie. Für die es aber leider neue Sicherheitvorschriften gibt. „Wir mussten garantieren, dass das Geländer auch dann nicht nachgibt, wenn eine Menschenmasse in Panik dagegen drückt“, berichtet Stiftungsrat Bernd Knobel seufzend. „Das ging nur mit hochfesten Stahl.“ Ein extrem teuerer Werkstoff. Die Gesamtkosten für den Umbau beliefen sich schließlich auf 3,5 Millionen Euro.

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