Wenn Gott Luft holt

Pfingsten ist das Fest des „Atem Gottes“. In München schmücken Aufnahmen von Lungen den Kirchenchor.

Der Mensch kann, wenn er muss, auf fast alles verzichten: Die Heimat, die Freunde, den Besitz und sogar auf Nahrung, allerdings nur etwa drei Wochen lang. Ohne Wasser hält man lediglich drei Tage durch. Und wer keine Luft mehr bekommt, ist schon nach drei Minuten tot.

Zwölf Mal in der Minute atmet jeder Mensch ein und aus. Ohne es zu merken. Das sind rund 23000 Atemzüge pro Tag. „Pneuma“ heißt der Atem im Griechischen, „Ruach“ sagt man auf Hebräisch. Das sind dieselben Wörter, die die Bibel auch für den Heiligen Geist benutzt. Mehr als 400 Mal. „Unser Lebensatem ist also untrennbar mit Gott verbunden“, interpretiert Dr. Christof Ellsiepen, seit 2019 der evangelische Dekan von Heidelberg. Eine Geschichte über die Kraft des Heiligen Geistes und über unseren Atem. Passend zum Pfingstfest. 

Pfingsten besitzt keinerlei Brauchtum: Niemand stellt sich einen Baum ins Zimmer oder bemalt Eier.

Pfingsten ist das rätselhafteste der drei großen christlichen Feste, denn es besitzt keinerlei Brauchtum. Niemand stellt sich an Pfingsten einen Baum ins Zimmer. Keiner käme auf die Idee, Pfingsteier zu verstecken. Selbst die Kirchen beschränken sich schmuckmäßig darauf, die roten Paramente aus der Schublade zu holen. Weil der Evangelist Lukas in seiner Apostelgeschichte berichtet, dass der Heilige Geist an Pfingsten „wie Zungen von Feuer“ auf die Häupter vieler tausend Menschen herabgefallen sei. 

Man feierte damals in Jerusalem gerade das große Schawout-Fest. „Dazu strömten traditionell Besucher aus aller Herren Länder in die Stadt, die viele verschieden Sprachen gesprochen haben“, berichtet Christof Ellsiepen. Kaum hatten die himmlischen Flammen die Köpfe der Menschen berührt, verstand wie durch ein Wunder jeder jeden. „Wo der Atem Gottes wirkt“, sagt der evangelische Dekan, „gibt es keine trennenden Wände mehr, sondern nur noch Verbundenheit.“ 

Wo der Atem Gottes wirkt, ist Verschiedenheit keine Mauer mehr sondern ein Anreiz, sich kennenzulernen.“

Und Vergebung. Denn genau genommen war der Flammenregen eine ausgestreckte Hand Gottes, um die Strafaktion zu beenden, die er nach dem Turmbau von Babel über das Menschengeschlecht verhängt hatte. „Bis in den Himmel hinein“ wollten die Bewohner von Babylon ihren Turm damals bauen, um fortan mit Gott auf Augenhöhe verkehren zu können. Dieser Größenwahn ist, wie wir wissen, gründlich schief gegangen: Gott verwirrte kurzerhand die Sprachen, so dass kein Mensch mehr den anderen verstand. Isoliert und einsam verstreuten sich die Turmbauer in alle Himmelsrichtungen.

Beim ersten Pfingstfest in Jerusalem, sagt Christof Ellsiepen, geschah genau das Gegenteil: Alle Menschen begriffen plötzlich, was der andere meint. Ja, sie konnten sich sogar in ihn hineinversetzen. „Wo der Atem Gottes wirkt“, lächelt der Dekan, „wird Verschiedenheit nicht zu einer Mauer der Abwehr, sondern zum Anreiz, sich kennenzulernen.“ Angst, Unterdrückung und Unfreiheit hingegen lassen die Stimme des Geistes sofort verstummen. Ellsiepen: „Der Heilige Geist erreicht mich nur, wenn ich offen, verletzlich und berührbar bin.“  

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Unser Atem reagiert wie ein Spiegel auf jeden Gedanken und jedes Gefühl.

Etwa 23000 Mal pro Tag atmet der Mensch ein und aus. Beim Einatmen wird der Körper mit Sauerstoff versorgt. Beim Ausatmen stoßen wir Kohlendioxid aus. Sind wir „gestresst“, wird unser Atem „flacher“ und wir müssen öfter Luft holen. Dadurch spannt sich der Körper an, wie in uralten Zeiten, als man noch jederzeit bereit sein musste, sein Leben im Kampf zu verteidigen oder schnell zu fliehen.

„Unser Atem ist wie ein zweiter Herzschlag“, sagt Dekan Ellsiepen. „Er gibt den Grundrhythmus unseres Lebens vor.“ Und: Er reagiert wie ein Spiegel auf jeden Gedanken, jedes Gefühl und jede Berührung. Deshalb kann man ihn auch beeinflussen. Durch Meditation zum Beispiel. Ellsiepen: „Wenn ich mich bewusst darauf konzentriere, den Atem Gottes in mir zu spüren, werde ich ruhig, Befürchtungen und Ängste schwinden, und ich sehe die Dinge viel klarer als zuvor.“ 

Alles, was lebt, atmet. Selbst die Pflanzen besitzen auf ihrer Blattunterseite kleine „Stomata“ – das sind so etwas wie Münder – mit denen sie schädliches Kohlenstoffdioxid einatmen und wunderbar frischen Sauerstoff produzieren. Ohne diese Fotosynthese gäbe es keine Erdatmosphäre und damit auch nichts zum Atmen. Die einfachste, und gleichzeitig schwierigste meditative Praxis besteht darin, über längere Zeit hinweg seinen Atem zu beobachten. Ohne dabei an etwas anderes zu denken. Wie fühlt sich der Atem an, wie strömt er durch die Nase, wie fließt er in die Lungen? Ist er kurz und oberflächlich? Hebt sich nur der Brustkorb ein wenig oder atme ich tief in den Bauch hinein? 

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Echte Wunderwerke sind unsere Lungen, in denen der Atem zuhause ist. Jede ist ein Unikat. Keine Lunge der mehr als acht Milliarden Erdbewohner gleicht der anderen! Jeder Mensch besitzt damit eine ureigene Atemfrequenz, durch die man ihn ebenso eindeutig identifizieren kann wie durch seinen Fingerabdruck. Das weiß man allerdings erst seit ein paar Jahren, als die medizinischen Geräte immer mehr verbessert wurden.

Den Münchner Medien-Künstler Christoph Brech hat die Entdeckung der Einmaligkeit unserer Lungen so fasziniert, dass er die Gemeindemitglieder der katholischen Heilig-Kreuz-Kirche in Giesing gebeten hat, Röntgenbilder von ihren Lungen anfertigen zu lassen. 1238 Aufnahmen hat der Künstler erhalten. Aus ihnen schuf er federleichte Glas-Collagen vor himmelblauem Hintergrund, die heute die sieben Chorfenster der neugotischen Kirche zieren. Wenn man die Vorgeschichte nicht kennt, könnte man die Gebilde auch für Engelsflügel halten.

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In Jerusalem damals beim ersten Pfingsten hatte sich die „Be-Geisterung“ im Lauf des Tages zu einem echten Volksfest gesteigert. Die Menschen tanzten, lachten und ließen sich in Scharen taufen. 6000 neue Mitglieder, so erzählt Lukas in seiner Apostelgeschichte, kamen an diesem Tag zur Gemeinde hinzu. Vermutlich sehr zur Zufriedenheit des Heiligen Geistes. „Er strebt unermüdlich danach, dass wir Menschen zueinander finden“, sagt der Heidelberger Dekan Ellsiepen. Egoismus ist ihm ein Graus.

Trotzdem lassen wir die meisten Gelegenheiten, neue Menschen kennenzulernen, ungenutzt verstreichen, weil wir vollauf mit uns selbst beschäftigt sind. „Da kann ich mich als bestes Beispiel zur Verfügung stellen“, lacht Ellsiepen. „Als Dekan lebt man so getaktet, dass man leider viel zu oft den zarten Anruf von Gottes Geist überhört.“ Denn gepachtet hat den Geist niemand. Man muss immer wieder aufs Neue die Verbindung und die Kommunikation mit ihm suchen, sonst verschwindet er einfach.

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Was schade ist, denn der Heilige Geist ist „ein ganz wunderbarer Ratgeber“, findet Christof Ellsiepen. Wenn man ihm genügend Zeit lässt, seine Vorstellungen zu entfalten. Auch dabei kann der Atem helfen: Bei jedem Ausatmen „entlässt“ man alte, verbrauchte Gedanken und Gefühle. Bei jedem Einatmen lässt man sich vom Atem Gottes neu füllen. „Unser Körper und der Heilige Geist hängen viel enger zusammen, als wir glauben“, sagt der Dekan.

Er hat es sich neuerdings zur Gewohnheit gemacht, abends noch eine große Runde mit dem Fahrrad zu drehen; egal wie spät es ist. „Am Anfang rase ich immer in einem Riesentempo durch die Gegend, weil so vieles in mir nachwirkt. Doch dann werde ich, ohne es zu merken, immer langsamer und ruhiger.“ Der Geist in den Pedalen.

In der Pfingsterzählung der Apostelgeschichte findet sich von Ruhe keine Spur. Dazu war einfach viel zu viel los in Jerusalem an diesem Tag: Der Sturm, die Flammenzungen, die Begeisterung, das Freudenfest und schließlich die Massentaufe. Mehr Wirbel geht nicht. Das sei ziemlich typisch für den Heiligen Geist, lacht Ellsiepen. Denn der Geist sei so voll von Leben, dass er alle Verkrustungen, alle toten und festgefahrenen Formen einfach wegsprengt. Wirklich schade, dass der Geist nie auf Abruf zur Verfügung steht. Er weht einfach. Wo er will. Wann er will. Und für wen er will. 

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