Luthers schwerster Weg

Es ist eines der berühmtesten Zitate der Welt. Obwohl es wahrscheinlich nie so gesagt worden ist. „Hier stehe ich! Ich kann nicht anders“, soll Martin Luther ausgerufen haben, als die päpstliche Inquisition verlangte, er möge seine Theologie wiederrufen.

Luthers wirkliche Antwort war, laut Verhör-Protokoll, viel elaborierter. Doch sie meinte dasselbe: Niemals. Womit die Spaltung der abendländischen Kirche besiegelt war. Auf dem Reichstag zu Worms. Am 18. April 1521. Vor genau 500 Jahren.

Mehr als 7000 auswärtige Besucher drängelten sich durch die engen Gassen der alten Stadt Worms

Gnadenlos überfüllt und ohrenbetäubend laut muss es gewesen sein. Damals im April des Jahres 1521 zu Worms am Rhein. Und gestunken hat es wahrscheinlich auch. Mehr als 7000 auswärtige Besucher drängelten sich während der vier Reichstags-Wochen in den engen Gassen der alten Stadt. Die Einwohnerzahl von Worms hatte sich damit exakt verdoppelt.

Das Essen war knapp und unerschwinglich teuer. Feuerholz ebenso schwer zu finden wie ein Bett zum Schlafen. Martin Luther ernährte sich nur von geröstetem Brot und musste sein Zimmerchen im Johanniterhof mit zwei anderen Männern teilen. Doch das war sein kleinstes Problem.

Drei Jahre zuvor hatte der Papst offiziell den Prozess wegen Ketzerei gegen Luther eröffnet und dessen Schriften verbrennen lassen. Seitdem war der Augustinermönch gebannt.

Luther drohte der Scheiterhaufen. Wie hundert Jahre zuvor dem Reformator Jan Hus

Jetzt drohten ihm sogar der Scheiterhaufen. Wie hundert Jahre zuvor dem Reformator Jan Hus. Doch Luther war glücklicherweise nicht allein. Er stand unter dem Schutz mächtiger Fürsten, die mit der Reformation liebäugelten.

Allen voran Friedrich der Weise von Sachsen, der direkt nebenan im „Schwanen“ in der Hardtgasse logierte. Doch einen Spruch Kaisers konnte auch Friedrich nicht annullieren. Zumal er den neuen Amtsinhaber noch kaum kannte.

Kaiser Karl V. nämlich saß erst seit wenigen Wochen auf dem Thron. Er war Spanier, 20 Jahre alt und streng katholisch. Trotzdem hatte er Luther freies Geleit zum Reichstag zugesichert. Aber das hatte man auch Jan Hus erzählt.

Kein Wunder, dass alle Welt versuchte, Martin Luther von der gefährlichen Reise abzuhalten. Doch der Reformator wollte partout fahren. „Selbst wenn in Worms so viele Teufel sind wie Ziegel auf den Dächern.“

Die Schar der Neugierigen war riesig. Man feierte den Reformator wie einen Heiligen

Am Dienstag, 16. April, gegen 10 Uhr langte Luther an der Wormser Martinspforte an. Die Schar der Neugierigen war riesig. Man feierte den Reformator wie einen Heiligen. Was den Spähern des Klerus natürlich überhaupt nicht schmecktel. „Nur durch die Einflüsterung des Satans steckt er allen Deutschen im Kopf“, brummte Aleander, der Päpstliche Nuntius.

Tatsächlich stellte Luthers Lehre eine Bedrohung für die Macht der römischen Kirche dar. Wurde der Reformator doch nicht müde zu betonen, dass jeder Mensch ohne Vermittlung durch einen Priester direkt mit Gott in Beziehung treten kann. Sola fide. Allein durch den Glauben.

Doch fast noch schlimmer wog, dass Luthers Lehre auch die wirtschaftliche Grundlage der katholischen Kirche ins Wanken brachte. Den Ablasshandel. „Nicht der ist gerecht, der viele Werke tut“, predigte der Reformator. „Sondern der, der ohne Werke viel an Christus glaubt.“

Als Luther den Raum betrat, soll ein Soldat geraunt haben: „Mönchlein, Du gehst einen schweren Gang“

Dank des gerade erfundenen Buchdrucks verbreiteten sich Luthers Schriften rasch bis in den letzten Winkel des Reiches. „Als wären die Engel selbst die Botenläufer und trügen’s vor aller Menschen Augen“, staunte der Maler Albrecht Dürer.

Martin Luthers Anhörung im Wormser Bischofshof begann am Mittwoch, 17. April um 16 Uhr. Der Angeklagte, 37 Jahre alt, trug seine Augustinerkutte. Ihm gegenüber saßen 80 Fürsten, 30 Bischöfe, 200 Ständevertreter – und natürlich Kaiser Karl. Als Luther den Raum betrat, soll ihm ein Soldat zugeraunt haben: „Mönchlein, du gehst einen schweren Gang.“

Martin Luther musste an einen Tisch treten, auf dem all seine Bücher ausgebreitet lagen. Dann die Stimme des Inquisitors. Herrisch. Gnadenlos. „Wir fordern Euch auf, all diese Schriftstücke zu wiederrufen.“ Luther wurde sehr blass. Stockend und mit belegter Stimme bat er um einen Tag Bedenkzeit.

Stehend wurde er befragt. In Lateinisch und Deutsch. Doch jetzt wankte Luther nicht mehr

Warum? War ihm auf einmal der Ernst seiner Lage bewusst geworden? Fühlte er sich schwach? Arm? Einsam? Verlassen? Niemand weiß es. Luther selbst hat sich später nie dazu geäußert.

Der 18. April. 16 Uhr. Zwei Stunden ließ der Kaiser Martin Luther auf einem Stuhl vor der Tür warten. Dann wurde er befragt. Stehend. In Lateinisch und Deutsch. Von Johannes von Eck, dem Vorsitzenden des katholischen Kirchengerichts. Doch jetzt wankte Luther nicht mehr.

„Solange mein Gewissen durch die Worte Gottes gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen“, erklärte er mit fester Stimme. „Weil es die Seligkeit bedroht, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.“ Es war vollbracht. Als Luther den Saal verließ, soll er die Arme hoch geworfen und gerufen haben: „Ich bin hindurch!“

Vogelfrei! Ab sofort war es bei hohen Strafen verboten, Luther die Tür zu öffnen oder ihm etwas zu essen zu geben

Das war er natürlich nicht. Am 26. April 1521 verhängte Kaiser Karl V. die Reichsacht über Martin Luther. Es war ab sofort bei hohen Strafen verboten, Luther die Tür zu öffnen, ihn im Haus aufzunehmen oder ihm etwas zu essen zu geben.

„Sobald er irgendwo ankommt, soll man ihn gefangen nehmen und uns zusenden“, hatte der Kaiser diktiert. Wer sich als Luthers Anhäger zu erkennen gab, war ebenfalls vogelfrei. Jederman durften ihn mit „päpstlicher Absolution“ enteignen, ermorden und „seine Leiche den Vögeln und Wölfen zum Fraß überlassen“. Solch eine Reichsacht überlebt niemand lange.

Es sei denn, er hat mächtige Freunde. Den Kurfürst von Sachsen beispielweise. Friedrich der Weise hatte die Strafe kommen sehen und beschlossen, Martin Luther für lange Zeit aus dem Verkehr zu ziehen. Die Wartburg über Eisenach schien ihm ein ideales Versteck.

Kurz vor seinem Tod notierte Karl V.: „Ich irrte, dass ich damals den Luther nicht umbrachte“

Die Mönchskutte wurde endgültig verbrannt. Der Reformator mutierte zum „Junker Jörg“ und trug fortan Wams, Schwert und Bart. Man gab ihm einen Erker mit Aussicht und eine lateinische Bibel. Dann folgten lange Monate in völliger Stille. In ihnen übersetzte er das Neue Testament in die deutsche Sprache. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Menschen draußen auf den Straßen ahnten nichts vom fleißigen Junker Jörg, der Satz für Satz übersetzte. Entsprechend entsetzt waren sie über das Verschwinden des Reformators. Natürlich hielten sie ihn für tot.

Ermordet von den Schergen des Papstes. Zum Fraß vorgeworfen den Tieren des Waldes. Eine Vorstellung, die die romfeindliche Stimmung noch einmal enorm anheizte. Und der Reformation gewaltig Auftrieb gab. Kurz vor seinem Tod notierte Kaiser Karl V.: „Ich irrte, dass ich damals den Luther nicht umbrachte.“

Das größte Reformationsdenkml der Welt steht heute in Worms

Und Worms? Der 18. April 1521 hat die alte Stadt am Rhein zur „Lutherstadt“ gemacht. Obwohl kein Gebäude, in dem sich Luther damals aufgehalten hat, mehr steht. Der große Stadtbrand von 1689 hat die Altstadt zerstört.

Als Ersatz gibt seit 1868 das monumentale Lutherdenkmal. Es ist das größte Reformationsdenkmal der Welt. Neben dem von Genf. Der Dresdner Künstler Ernst Rietschel hat es geschaffen. Und es gibt die „Lutherbibliothek“ mit einer wertvollen Sammlung von 666 Druckschriften aus der Reformationszeit.

Alle zwei Jahre verleiht der Bund der Lutherstädte den Preis „Das unerschrockene Wort“. In diesem Jahr an drei weißrussische Bürgerrechtlerinnen.

Vom 16. Juli bis 1. August 2021 soll Luther vor dem Nordportal des Kaiserdoms wieder lebendig werden

Eigentlich wollte Worms dieses Jubiläum groß feiern. Mit Bundespräsident, EKD-Vorsitzendem, Ausstellung, Luther-Festspielen. Vorerst geht alles nur digital. Aber das Jahr ist ja noch lang.

Am 3. Juli 2021 eröffnet im Museum der Stadt Worms die Landesausstellung „Hier stehe ich. Gewissen und Protest – 1521 bis 2021“. Und vom 16. Juli bis 1. August soll Martin Luther vor dem Nordportal des Kaiserdoms wieder lebendig werden. Der Schweizer Lukas Bärfuss hat aus dem Leben des Reformators ein Theaterstück gemacht. Es ersetzt in diesem Jahr die Nibelungen-Festspiele. Vorläufiger Arbeitstitel: „Hier. Stehe. Ich.“

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