Wer hat den Christus gefälscht?

Original und Fälschung:
Das Fenster der Providenzkirche

Sobald es Mittag schlägt, kommt die Stunde der Heidelberger Providenzkirche. Durch das Südfenster flutet die Sonne herein, und der Heiland scheint herabzuschweben. Im rotem Gewand, mit segnenden Händen und offenen Augen. Doch sie sind leider eine Fälschung. Wie fast alles im zentralen Providenzfenster.

Wahrscheinlich 1976, so haben Restauratoren bei der jüngsten Renovierung festgestellt, ist das Christusfenster übermalt worden. Die Augen, die Farben der Gewänder, die Bleiruten, die Bordüren – nichts entspricht mehr dem Original. Warum diese Veränderungen veranlasst wurden, weiß niemand, bedauert Pfarrer Mirko Diepen. „Wir suchen dringend nach Menschen, die helfen können, dieses Rätsel zu lösen.“

Providenz war das erste Gotteshaus Heidelbergs, das als protestantische Kirche erbaut wurde

Zur Mittagsstunde flutet
die Sonne durchs Südfenster

Providenz ist die introvertierteste der vier großen Altstadtkirchen. Bescheiden reiht sich das Gotteshaus in die Häuserzeile der Hauptstraße ein. Als wolle es übersehen werden. Aber das hätte die Providenzkirche nicht verdient. Schließlich war sie das erste Gotteshaus in Heidelberg, das als protestantische Kirche erbaut wurde. 1661. Von Kurfürst Karl-Ludwig. Für Luise, die Liebe seines Lebens. Luise glaubte lutherisch, der Kurfürst reformiert, weshalb Providenz auch ein Symbol ist für religiöse Toleranz. „Dominus providebit“ – „Der Herr wird sorgen“.

1693 sorgte der Pfälzische Erfolgekrieg erst einmal dafür, dass von Providenz nichts übrig blieb. 25 Jahre später der Neubau. Im barocken Stil mit Turm. Eine luftige Zwiebel krönt ihn. Der historistische Innenraum trägt heute die Handschrift des Badische Oberbaurats Hermann Behaghel. Er gab auch das Original des Christusfensters in Auftrag.

„Besonders die Figur des Christus zeugt von hohem glasmalerischem Können.“

Joseph Scherer hat
den Christus geschaffen

Joseph Scherer, ein bekannter Glasmaler aus der Marktgemeinde Dinkelscherben bei Augsburg, hat den schwebenden Christus geschaffen. Um 1845. Im Stil der Nazarener. „Eine sehr fein ausgearbeitete Arbeit mit vielfältigen Schattierungen, Kreuzschraffuren und diffizilem Malschichtaufbau“, loben die Restauratorinnen Gerlinde Möhrle und Sandra Williger. „Besonders die Figur des Christus zeugt von hohem glasmalerischem Können.“

Die gezeichneten Vorlagen für das originale Christusfenster existieren noch. Sie zeigen einen zarten, pastellfarbenen Heiland. Träumerisch und transparent. Seine halb geschlossenen Augen blicken versonnen zu Boden. Welch ein Unterschied zum dem starkfarbigen, zupackenden Providenz-Christus, den wir kennen.

Auch die Wolken am Himmel wurden erst später hinzugefügt

Doch wer hat
ihn verändert?

Die „Neugestaltung“ geschah um das Jahr 1976 herum. Ohne, dass man die Scheibe ausgebaut hat. „Laufnasen über der Verbleiung beweisen, dass das Fenster in senkrechtem Zustand übermalt wurde“, steht in Gutachten der Restauratorinnen. Sie empfehlen dringend, den Originalzustand wieder herzustellen. Das ist möglich, aber sehr aufwändig.

Es gibt ein Lösungsmittel. Aufgetragen wird es mit Wattestäbchen. Millimeter für Millimeter …

Einfach abkratzen kann man die Farbe nicht. Dadurch würde das Originalfenster zu sehr in Mitleidenschaft gezogen. Tests in einem Speziallabor haben aber ein Lösungsmittel gefunden, mit dem die nachträglich aufgetragene Farbe abgenommen werden kann. Es ist ein Kunstharz namens N-Methylpyrrolidon. Aufgetragen wird es mit Wattestäbchen. Millimeter für Millimeter. In Schutzkleidung. Das dauert. Und kostet. „Um dieses Herzensprojekt realisieren zu können“, sagt Pfarrer Mirko Diepen, „sind wir auf Spenden dringend angewiesen.“

Nähere Informationen gibt es auf der Homepage der evangelischen Altstadtgemeinde Heiliggeist-Providenz: www.altstadtgemeinde.de. Oder im Evangelische Pfarramt Heiliggeist-Providenz, Heiliggeiststraße 17, 69117 Heidelberg, Telefon: 06221 – 21117

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