Seit 825 Jahren ein Raum zum Aufatmen

Die Peterskirche ist das älteste
Gotteshaus der Heidelberger Altstadt

Irgendwo in der Peterskirche, niemand weiß wo, liegt Marsilius von Inghen begraben. Er war Theologe und der erste Rektor der Universität Heidelberg. 1386. Fünfhundert Jahre später hatte Marsilius – droben im Himmel – womöglich wieder seine Hände im Spiel.

Denn 1889 hat die Universität die Peterskirche vor dem Verfall gerettet. Indem sie das älteste Gotteshaus der Heidelberger Altstadt zu einer geistlichen Heimat für ihre Studierenden machte. Und natürlich auch zu einer Heimat für die Theologische Fakultät, die zu den renommiertesten Europas zählt. Mit einem Festgottesdienst und einer Predigt des Landesbischofs feierte die Uni jetzt den 825. Geburtstag „ihrer“ Peterskirche.

Die Peterskirche ist älter als die Stadt Heidelberg. 1196 wurde sie geweiht.

St. Peter ist älter als die Stadt Heidelberg. „1196 am Hochfest Peter und Paul wurde die Kirche geweiht“, berichtete Universitätsprediger Professor Helmut Schwier beim Festgottesdienst. Von diesem ersten romanischen Kirchlein ist allerdings nichts mehr erhalten. Die ältesten Teile der heutigen Peterskirche sind gotisch und stammen aus dem 15. Jahrhundert. Da hatte das Gotteshaus seine besten Jahre eigentlich schon hinter sich.

Von oben wirkt die Universitätskirche
etwas „versunken“

Die Stadtmauer nämlich verwies St. Peter in die Vorstadt. Und als am Marktplatz die drei federleichten Schiffe der Heiliggeistkirche zum Himmel emporschwebten, degradierte man das Peterskirchlein endgültig zur Friedhofkapelle. „Man merkt dieser Kirche an, dass sie verschiedene Leben gelebt hat“, sagte Professor Helmut Schwier in seiner Ansprache beim Festgottesdienst. „Jedes Jahrhundert hat sie verwandelt und in ihr sichtbare Spuren hinterlassen.“

Da sind beispielsweise die phantastischen Epitaphien aus der Renaissance, die heute den Chor schmücken. Sie erzählen von einer Zeit, als Heidelberg die schönste, intellektuellste und reichste Stadt der Welt war. Nur Dank der versteckten Lage der Peterskirche „extra muros“ haben die Epitaphien die Stadtzerstörung überlebt.

1896 begann die älteste Universität Deutschlands erstmals ein Semester in ihrer eigenen Kirche.

„Seit 825 Jahre finden Menschen hier auf dieser Anhöhe oberhalb des Neckars einen Raum zum Aufatmen“, sagte Landesbischof Professor Jochen Cornelius-Bundschuh in seiner Festpredigt. „Die Peterskirche ist eine Kirche, in der Luft nach oben und nach vorne ist. Eine Kirche, in der Freude und Angst, Trauer, Schuld und Dank einen Raum finden.“

Professor Helmut Schwier,
der Universitätsprediger

1863 kam die Eisenbahn nach Heidelberg. Im Rausch der Mobilität verlegte man Gleis um Gleis. Die Neckarstrecke von Mannheim nach Heilbronn sollte mitten durch den Friedhof der Peterskirche führen. Da kurz zuvor der neue Bergfriedhof eröffnet worden war, brauchte ihn niemand mehr. Weshalb Heidelbergs Protestanten das Angebot der Bahn gern annahmen. Doch was sollten sie nun mit der Peterskirche anfangen, die verfallen und efeuüberwuchert direkt unter der neuen Trasse stand?

Die Antwort kam – zur völligen Verblüffung aller – von der Universität. Man wünsche sich schon lange ein eigenes Gotteshaus, ließ die Ruperto Carola wissen. Als Ort des Gebetes und der Wissenschaft, der Kunst und der Musik. Und schließlich liege ja auch Marsilius von Inghen, der Gründungsrektor, irgendwo in der Peterskirche begraben. Die Evangelische Stiftung Pflege Schönau, in deren Besitz sich die Peterskirche befindet, stimmte begeistert zu. 1896, im 510. Jahr ihres Bestehens, begann die älteste Universität Deutschlands erstmals das Semester mit einem Gottesdienst in ihrer eigenen Kirche.

Ein „Säulenwald“ trägt die riesige Chorempore, die die Peterskirche zu einem gefragten Konzertraum macht.

Die prächtige Epitaphien
aus der Renaissance

Sie war rundum renoviert worden. Im neugotischen Stil. Bis heute betritt man die Peterskirche durch einen roten „Säulenwald“. Das ist ein wenig gewöhnungsbedürftig. Doch die Säulen tragen eine riesige Chorempore, die die Peterskirche zu einem sehr gefragten Konzertraum machen. Beim Festgottesdienst zum Jubiläum präsentierte Professor Carsten Klomp zwar nur einen „Kammerchor“. Doch dieser hüllte das weite Kirchenschiff mühelos ein in himmlisches Klanggemälde. Meisterlich.

„Weil die Universität 1896 auch noch 3400 Reichmark in eine Heizung investiert hat, haben hier auch alle theologischen Seminare stattgefunden“, berichtete Professor Manfred Oeming, Ordinarius für Alttestamentliche Theologie, in Vertretung des Rektors. Die Ruperto-Carola, sagte Oeming, habe ihr Engagement für die Peterskirche nie bereut. „Eine theologische Fakultät braucht eine eigene Kirche.“ Zumal wenn sie den Landesbischof zu ihren Professoren zählt.

Die Gemeinde betete das Glaubensbekenntnis in sieben verschiedenen Sprachen.

„Die Menschen benötigen Räume, die sich nicht auf ihre Funktionen reduzieren lassen“, betonte Jochen Cornelius-Bundschuh in seiner Ansprache. „Auch wenn das quer zu unserer ökonomisierten und rationalisierten Logik liegt und ziemlich teuer erscheint. Die Peterskirche erfüllt seit 825 Jahren ihren Zweck gerade darin, dass sie von uns selbst weg und auf ein Mehr hinweist.“

Landesbischof Cornelius-Bundschuh
segnet die Gemeinde

Die Glückwünsche der Stadt überbrachte Sozialbürgermeister Wolfgang Erichson. „Für Heidelberg ist der intellektuelle Austausch, zwischen Älteren und Jüngeren in der Peterskirche sehr bereichernd“, sagte Erichson. „Das ist wirklich eine außergewöhnliche Gemeinde.“ Die es beim Festgottesdienst sogar fertig brachte, das Glaubenbekenntnis in sieben verschiedenen Sprachen von Lateinisch bis Koreanisch zu beten.

Und jeden Mittwochmorgen in aller Herrgottsfrühe einen Universitätsgottesdienst feiert. „Wir freuen uns sehr darüber, dass bei uns im Stadtkirchenrat auch ein junger Studierendenvertreter sitzt“, sagte Schuldekanin Beate Großklaus im Auftrag des evangelischen Dekanats.

Seit 2012 taucht ein Fensterzyklus von Johannes Schreiter die Kirche in goldenes Licht

Die Schreiter-Fenster in
der Universitäts-Kapelle

Bleibt noch die Geschichte einer großen Versöhnung, die wohl in die Analen der Stadt eingehen wird. Jahrzehntelang lagen die evangelische Kirche von Heidelberg und der Glaskünstler Johannes Schreiter unversöhnlich im Streit. Die Peterskirche hat ihn beigelegt. Seit 2012 taucht ein wunderbarer moderner Fensterzyklus von Johannes Schreiter den alten Kirchenraum in goldenes Licht. Heidelberg, eine Stadt des Südens.

Und manchmal zur Mittagszeit, wenn dieses Licht die uralte Kirche flutet, scheint die Atmosphäre geradezu aufgeladen von Magie. Tritt man zögernd näher, dann registriert man Pfeile inmitten des goldenen Strahlens. Sie zielen auf ein Quadrat in reinem Weiß. Die Symbolfarbe Gottes.

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