Flammen am Firmament

Pfingsten ist das beste
Mittel gegen die Angst
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Da sitzen sie nun, die Jünger. Verängstigt und ganz dicht beieinander. Als wollten sie sichergehen, dass nicht noch jemand verschwindet. Wie Jesus. Vor zehn Tagen. „Aufgefahren in den Himmel“ sei er, sagt man. Was auch immer das heißen soll. Nun herrscht bleierne Ratlosigkeit.

Bis plötzlich dieser Sturm aufzieht. Aus heiterem Himmel. Es faucht, es blitzt, es funkt, es tobt. Die Fenster werden aus den Angeln gerissen, Flammenzungen fallen vom Firmament. Direkt auf die Köpfe der Jünger. Und alles ist anders! Vorbei die Zeit der Mutlosigkeit und der Angst. Berstend vor Kraft stürzen sie hinaus auf die Straße. Um die ganze Welt zu umarmen. So wirkt Pfingsten.

Das dritte große Fest der Christenheit ist das rätselhafteste. Es besitzt weder Zeichen noch Bräuche.

Das dritte große Fest der Christenheit ist das rätselhafteste. Pfingsten besitzt weder Zeichen noch Bräuche. Man backt nicht, man schmückt nicht, man schenkt nicht. An Pfingsten gibt es nichts, was man mit Händen greifen könnte. Das passt zum Heiligen Geist. Schließlich weiß niemand, wo er gerade weht, was er plant und bei wem er alles durcheinander rüttelt. Ja, man weiß noch nicht einmal, wie man sich den Heiligen Geist vorstellen soll. Mal ist er Taube, mal Flamme, mal ein Taum. Mal Feuersbrunst, mal Sturm und mal sanft säuselnder Wind. Heutzutage erscheint er womöglich auch öfter mal als E-Mail.

Pfarrer Josef Mohr
aus Heidelberg-Neuenheim
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„Der Heilige Geist ist immer da, und er ist überall“, sagt Josef Mohr, der katholische Pfarrer von Heidelberg-Neuenheim und Handschuhsheim. „Weil Gottes Geist für uns Menschen so lebensnotwendig ist wie die Luft, die wir atmen. Aber auch die Luft wissen wir ja erst zu schätzen, wenn sie uns fehlt.“

Vor allem tröstet der Heilige Geist. Sagt Pfarrer Mohr. Wunderbar.

Will heißen: Je mehr man die Unterstützung des Heiligen Geistes würdigt, desto mehr wird er führen und helfen. „Nur wer auf Empfang schaltet“, nickt Pfarrer Mohr, „nimmt die Signale des Geistes wahr.“ Und hat dann mit einem Schlag ein ganzes Team von motivierten Helfern an seiner Seite: den kreativen Schöpfer, den produktiven Wirbler, den sanften Tröster, den spritzigen Inspirator. „Wenn uns plötzlich etwas gelingt, woran wir überhaupt nicht mehr geglaubt haben“, lächelt Josef Mohr, „können wir sicher sein, dass Gottes Geist am Werk war.“

Auf einmal wird es sehr ernst im eleganten Salon des Neuenheimer Gründerzeit- Pfarrhauses. Vor allem anderen aber, sagt Pfarrer Josef Mohr, tröstet der Heilige Geist. Wunderbar. „Wie gut das tut, kann nur ermessen, wer weiß, wie es sich anfühlt, nicht mehr bei Trost zu sein.“

Das Fenster der evangelischen Kirche in Wiesenbach.

Wenn Kranke, Verzweifelte, Kinder untröstlich weinen. Und man nicht helfen kann. In solch qualvollen Stunden, sagt der Neuenheimer Seelsorger, merke er immer, dass von Gott ein Trost komme, der alles Menschliche übersteigt. Und wieder auf die Beine hilft. Neue Perspektiven zeigt. Weiterleben lässt. „Diese Kraft hat nur der Heilige Geist.“

Pfingsten braucht weder Dekoration noch Publikum. Dieses Fest genügt sich selbst.

Gesine von Kloeden ist promovierte evangelische Pfarrerin in Weinheim-Hohensachsen. Und leidenschaftlicher Pfingst-Fan. Weil Pfingsten „nicht so lieblich ist wie Weihnachten“. Mit dem Kind und der Krippe. Und weil es nicht „wie Ostern überlagert wird von der Austreibung des Winters“. Mit den Eiern und den Hasen.

Pfingsten, freut sich Gesine von Kloeden, braucht weder Dekoration noch Publikum. Dieses Fest genügt sich selbst. Weshalb es auch keine Rücksicht nimmt auf etwaige schwache Nerven. Von Kloeden: „In den Pfingsttexten stürmt, donnert und raucht es. Am Himmel lodern Feuer und Blut. Alle rennen und reden durcheinander. Es herrscht das reine Chaos.“ Kein Wunder, dass sich viele Menschen mit Pfingsten schwer tun.

„Eigentlich hat Gott die Welt an Pfingsten noch einmal neu erschaffen.“ Findet Pfarrerin von Kloeden.

Die Hohensachsener Pfarrerin hingegen findet, dass die Texte geradezu genial komponiert sind. „Das Chaos des Pfingsttages entspricht exakt der altestamentarischen Vorstellung von der Apokalypse, dem Ende der Welt.“ Doch statt des drohenden Weltgerichts schickt Gott an Pfingsten seinen Tröster zu den Menschen. Auf dass er Verständigung und Gemeinschaft schaffe. „Eigentlich“, überlegt Gesine von Kloeden, „hat Gott die Welt durch die Sendung seines Geistes noch einmal neu erschaffen.“

Pfarrerin Gesine von Kloeden
aus Weinheim-Hohensachsen
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Doch Vorsicht, warnt der katholische Pfarrer Josef Mohr. Es ist nicht einfach, die Signale des Heiligen Geistes richtig zu deuten. „Wir Menschen erliegen leicht der Versuchung, unsere eigenen Ideen für Inspirationen des göttlichen Geistes zu halten.“

Weshalb man jeden Impuls einer Prüfung unterziehen sollte. Der Apostel Paulus nennt das: „Die Unterscheidung der Geister“. Sie ist so etwas wie die Reifeprüfung des Glaubens. Relativ einfach funktioniert Unterscheidung der Geister im Bereich der „negativen Theologie“ (Mohr). Also bei all jenen Gedanken, bei denen man definitiv ausschließen kann, dass Gott sie eingegeben hat. „Krieg, Streit, Missbrauch, Gewalt, Unterdrückung und ähnliche Ungeister stammen niemals vom Heiligen Geist“, betont Pfarrer Mohr.

Wo Versöhnung geschieht, Verständnis herrscht, Freundlichkeit, Güte, Treue, Langmut – da ist Gottes Geist am Werk.


Auch überall dort, wo Menschen spalterisch oder ideologisch agieren, wo niemand mehr dem anderen zuhört, wo man anderen ein Stempel aufdrückt, wirke sicher nicht der Heilige Geist, sagt der Josef Mohr. „Die katholische Kirche hat damit ja so ihre Erfahrungen gemacht.“

Pfingsten 1952, evangelische
Kirche Hohensachsen
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Wo hingegen Frieden gestiftet wird, wo Versöhnung geschieht, Verständnis herrscht, Freundlichkeit, Güte, Treue, Langmut – da ist Gottes Geist am Werk, meint Mohr. „Wir brauchen diesen göttlichen Geist heute dringender denn je.“

Gesine von Kloeden geht bei der „Unterscheidung der Geister“ noch einen Schritt weiter. Sie versucht, bei ihren eigenen Entscheidungen auch die Gaben zu nutzen, die der Heilige Geist ihren Mitmenschen gegeben hat. „Gott hat seinen Geist ja sehr bewusst auf alle Menschen verteilt“, überlegt die evangelische Pfarrerin. Vielleicht wollte er damit egoistische Alleingänge vermeiden und die Menschen zur Zusammenarbeit ermuntern. „Ich finde es sehr wichtig, immer auch die Perspektive der Anderen im Blick zu haben.“

„Ich brauche die Gaben meiner Gemeindeglieder dringend als Korrektiv“, sagt Gesine von Kloeden.


Die Anderen. Gesine von Kloeden meint damit nicht nur die Familie und vertrauten Freunde. Sie sucht im Gegenteil aktiv nach Menschen, die „eine andere Sicht auf die Dinge haben als ich selbst.“ Das sei zwar anstregend, kläre aber die Gedanken, schärfe die Konturen und eröffne neue Horizonte.

Jede Kirchengemeinde, hat die Hohensachsener Pfarrerin herausgefunden, bietet ein breites Spektrum der verschiedensten „Geister“. Sie können Ratgeber sein in allen Lebenslagen. „Ich brauche die Gaben meiner Gemeindeglieder dringend als Korrektiv“, sagt von Kloeden. „Und hoffe, dass auch sie auch meine Gaben nutzen.“

Pfingsten 2010,
Peterskirche Heidelberg
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Der Heilige Geist schafft tiefes Verständnis. Zwischen allen Völkern.

Das größte Missverständnis der Pfingsterzählung, überlegt Josef Mohr, sei die Idee, dass die Jünger durch den Heiligen Geist plötzlich verschiedene Sprachen sprechen konnten. „Davon ist nirgendwo die Rede.“ Lukas erzähle in seiner Apostelgeschichte lediglich, dass an Pfingsten viele Pilger aus verschiedenen Ländern in Jerusalem weilten. Und dass der Heilige Geist ein tiefes Verstehen geschaffen hat zwischen den Jüngern und all diesen Menschen. Über alle Sprach- und Völkergrenzen hinweg. „Das muss eine ungeheuere Erfahrung gewesen sein“, staunt Mohr. „Ein einziger solcher Moment in unserer heutigen Gesellschaft – das wäre zu schön, um wahr zu sein.“

Wo doch das Unverständnis eher zunehme. Und wir einander nicht einmal mehr verstehen, wenn wir diesselbe Sprache sprechen. „Dabei hat das Christentum doch damit begonnen, dass die Apostel verstanden haben und verstanden wurden. Selbst von Leuten, die gar nichts von Jesus und seinem Evangelium wussten.“

Bei spirituellen Alleingängen bleibt der Heilige Geist auf der Strecke. Immer.

Es sei heute in Mode gekommen, die Begegnung mit Gott im Wald zu suchen, in der Natur, bei der Betrachtung einer Blume, überlegt Pfarrerin Gesine von Kloeden. „Das ist nicht falsch. Das kann funktionieren. Das kann ich auch nachvollziehen.“ Nur der Heilige Geist bleibe bei solchen spirituellen Alleingängen auf der Strecke, findet von Kloeden. Weil es dem Geist stets darum geht, Gemeinschaft zu stiften. „Paulus sagt immer wieder: Der Geist Gottes bewegt uns, damit wir in unserer Unterschiedlichkeit zusammenwachsen.“

Die „Heilige Geistin“,
Jesuitenkirche Heidelberg
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Was – um Himmels Willen – nicht bedeute, dass alle Menschen normiert werden sollten, erklärt von Kloeden. „Aber es heißt, dass die Hierrchien und Strukturen aufgebrochen werden müssen.“ Hierarchien und Strukturen seien übrigens immer gute Indikator, um zu erkennen, wo der Heilige Geist anwesend ist. Und wo nicht. „Eine Kirchengemeinde, die immer nur unter sich bleibt, hat den Geist Gottes nicht.“

Weshalb Pfingsten auch der ideale Termin für ein Gemeindefest ist, findet von Kloeden. Am besten mit ganz vielen Menschen. In allen Farben. Jungen und alten. Die verschiedene Sprachen sprechen. Und sich trotzdem verstehen. Wie damals in Jerusalem.

Vielleicht muss die Kirche lernen, sich vertrauensvoll der Thermik des Heiligen Geistes zu überlassen. Wie ein Segelflieger.

Dann lächelt Gesine von Kloeden plötzlich. Vor ein paar Jahren habe sie in Dossenheim mal einen Pfingstgottesdienst gefeiert, zu dem der Taubenzüchterverein eingeladen war. Nach dem Segen ließen die Züchter ihre Brieftauben fliegen. Mehr Pfingsten geht nicht.

Ein Segelflieger ist ein gute Bild
für die Wirkung des Heiligen Geistes
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Die spannendste Frage sei immer, wohin der Geist Christi die Kirche führen will, überlegt Josef Mohr, der katholische Pfarrer von Neuenheim und Handschuhsheim. „Sie befindet sich derzeit ja in einem gefährlichen Sinkflug.“

Kürzlich sei er auf einem Segelflugplatz gewesen und habe die Flieger beobachtet, erzählt Mohr. Da sei ihm ein wunderbares Bild für den Heiligen Geist eingefallen. „Ein Segelflieger fliegt nie aus eigener Kraft“, sagt Mohr. Er müsse sich ganz der Thermik überlassen. Wenn sie ihn abwärts drückt, vertraut er darauf, dass sie ihn auch wieder nach oben führt. Geschmeidigt. Klug. Verlässlich. „Vielleicht muss die Kirche genau das lernen: Sich wie ein Segelflieger vertrauensvoll der Thermik des Heiligen Geistes zu überlassen.“

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