Der Heilige Geist ganz in Gold

Gottes Geist strömt als Pfeil zur Erde

Helle Begeisterung an der Heidelberger Peterskirche. „Das Heilig-Geist-Fenster ist da, und es sieht wunderschön aus“, schwärmt Professor Helmut Schwier, der Universitätsprediger. Seit Jahren wirbt er dafür, den Fensterzyklus des Glaskünstlers Johannes Schreiter zu komplettieren. Er würde aus der evangelischen Universitätskirche ein Gesamtkunstwerk machen.

Begonnen wurde der Schreiter-Zyklus 2006 bei der Renovierung der Peterskirche. 2011, wenn die Ruperto Carola ihr 625. Jubiläum feiert, soll er vollendet sein.

„Frieden“, „Begegnung“, „Vertreibung“ und „Auferstehung“ kann man in der Peterskirche schon bewundern. Der „Heilige Geist“ ist das fünfte Fenster. Das sechste ist ebenfalls bereits finanziert. Manfred Lautenschläger, dem MLP-Gründer, gefiel der Entwurf vom „Himmlischen Jerusalem“ so sehr, dass er zur Brieftasche griff. Zum Beginn des Sommersemesters 2010, hofft Helmut Schwier, darf man Schreiters Vision vom Paradies willkommen heißen.

Der „Heidelberger Fensterstreit“

Das Physik-Fenster thematisiert Hiroshima

Schreiter und Heidelberg – das ist eine einmalige Geschichte. Sie beginnt 1984. Ein avantgardistischer Glaskünstler erhielt damals den Auftrag, zwölf Fenster für die Heiliggeistkirche zu entwerfen. Johannes Schreiter verfiel auf die Idee, in dem Zyklus die Fragwürdigkeit menschlicher Errungenschaften zu thematisieren. Im „Physikfenster“ beispielsweise konfrontierte er Einsteins Energieerhaltungssatz mit dem Datum des Atombombenabwurfs auf Hiroshima.

Kaum war dieses Probe-Fenster eingebaut, spaltete es auch schon die Stadt. Ein erbitterter  „Heidelberger Fensterstreit“ hob an, der sich zwei Jahre lang nicht mehr legen wollte. Dann lehnten die Ältesten von Heiliggeist die Schreiter-Entwürfe ab. Die überregionale Presse verlieh Heidelberg dafür das Etikett „tiefste Provinz“.

Zwanzig Jahre später die überraschende Wiedergutmachung: Die Ruperto-Carola verlieh dem inzwischen international anerkannten Schreiter zu seinem 75. Geburtstag die Ehrendoktorwürde. „Die Theologische Fakultät ehrt Johannes Schreiter dafür, dass er das Gespräch zwischen Kunst und Kirche in solcher Intensität und Aufrichtigkeit führt“, sagte Theo Sundermeier, der Ordinarius für Religionswissenschaft, in seiner Laudatio. Nur wenige Monate später schmückten die ersten vier Schreiter-Fenster die Peterskirche.

Gold dominiert im Schreiterschen Spätwerk.

Die „Begegnung“: 19 verschiedene Paare

Es sind andere Fenster als die, die Schreiter zwei Jahrzehnte zuvor für die Heiliggeistkirche entworfen hat. Wärmere, friedlichere. Gold dominiert im Schreiterschen Spätwerk. Der mittlerweile 79-Jährige war durch dem Krebstod seiner Frau Edith in tiefe Dunkelheit geraten. In dieser Krise fand er zurück zum Glauben. Jetzt bekennt er Gott in seinen Werken leidenschaftlich, wenn auch in sehr moderner Formensprache. Noch nicht einmal das Kreuz übernimmt Johannes Schreiter aus der Tradition; stattdessen arbeitet er mit Rechtecken, Pfeilen und Straßenschildern.

Mit dem neugotischen Kirchenschiff harmonieren die futuristischen Fenster erstaunlich gut. „Die Lichtwirkung der Goldtöne schafft eine einzigartige Atmosphäre im Kirchenraum“, sagt Helmut Schwier. Immer wieder können am Abend Studierende beobachtet werden, wie sie auf den Stufen der Universitätsbibliothek stehen bleiben und zum erleuchteten neuen Fenster hinüber sehen.

Der Heilige Geist als kraftvoller Pfeil

Professor Theo Sundermeier, der langjährige Freund Schreiters, zeigt sich begeistert von der perfekten Harmonie zwischen modernen Glaskunst und dem Maßwerk aus Sandstein. „Johannes Schreiter hat der Versuchung widerstanden, jede kleine Scheibe mit einem eigenen Thema zu füllen“, sagte Sundermeier. Stattdessen verstärke er durch einen kraftvollen Pfeil noch die strenge Struktur des Fensters. „Das zeigt den wahren Künstler.“

„Auferstehung“: Die Explosion göttlichen Lichts

Der Geist Gottes strömt in Schreiters Fenster nicht als Flammenzunge zur Erde, sondern als kraftvoller roter Pfeil umstrahlt von einer Aura goldenen Lichts. „Der Pfeil steht für die Kraft und Dynamik des Heiligen Geistes“, interpretiert Helmut Schwier. „Schreiters Pfingstfenster deutet den Geist als direkte Beziehung zwischen Mensch und Gott.“ Allerdings gehen die Menschen nicht gut um mit dem mächtigen Geist-Strom, den Gott zur Erde schickt. Im unteren Teil des Fensters – hier auf der Erde also – lodern nur noch winzige rote Flämmchen inmitten der sperrigen Blöcke aus Alltagsgrau. Doch selbst diese unscheinbaren Funken Heiligen Geistes, sagte Schwier, genügen, um dem Menschen neuen Mut zum Handeln zu geben.

Dann verschwindet das Grau wie im linken Bereich des Fensters, und das Weiß Gottes breitet sich aus.“ Nur ein vorwitziges rote Fünkchen lugt noch seitlich aus dem dem Weiß hervor. Eigentlich gehört es dort gar nicht hin. „Der Geist Gottes“, lächelt Professor Schwier, „überrascht uns eben immer wieder.“

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