Abenteuer im Kirchenschiff

Die Evangelische Kirche bildet jetzt
auch Kinder zu Kirchenführern aus

Dienstag Nachmittag in der Heidelberger Heiliggeistkirche. Ein Sprachgewirr wie in Babel, ein Trubel wie im Bahnhof. Nur im Chor hinter der Absperrkordel herrscht Ruhe. Zehn Kinder liegen hier flach auf dem Boden und starren an die Decke.

„Wie hoch die wohl ist?“, murmelt das Erste. „Warum ist bei den Engeln so ein komisches Loch?“, fragt das Zweite. „Auf dem Dach der Kanzel steht ja ein Mann“, entdeckt das Dritte. Kirchenraumpädagogik. Ein neues Unterrichtsfach, das derzeit an vielen Schulen als AG erprobt wird. Entstanden ist die Kirchenpädagogik im Osten, wo nach vierzig Jahren Sozialismus kaum noch jemand wusste, wozu Gotteshäuser da sind. „Diese Ahnungslosigkeit ist jetzt auch bei uns angekommen“, sagen die Religionslehrer. Ein Schulbesuch.

„Je mehr Details die Kinder kennen, desto mehr fühlen sie sich in ihrer Kirche zuhause“

Das größte Wunder, das die Architektur je hervorgebracht hat, sind nicht die Wolkenkratzer. Es sind die gotischen Kirchen. Wie von Zauberhand geführt, strebten ihre Spitzbögen schon vor sechshundert Jahren hinauf in schwindelnde Höhen. Die Schiffe der Heidelberger Heiliggeistkirche wirken so schwerelos, als könnten sie jederzeit zum Himmel hinauf schweben. Und all diese Schönheit verströmt die Aura uralter Weisheit. Das spüren auch Kinder. Hier setzt die Kirchenpädagogik an.

Wie hoch ist eigentlich die Heidelberger Heiliggeistkirche?

„Es geht nicht in erster Linie um die Vermittlung von Wissen, sondern die Schüler sollen Kirchenräume erleben“, definiert Professor Hartmut Rupp, der ehemaliger Leiter des Religionspädagogischen Instituts bei der Badischen Landeskirche. Der evangelische Theologe gilt als einer der Väter der Kirchenpädagogik. Achtsam werden, einen Kirchenraum in Ruhe auf sich wirken lassen, und sich dann in ihn verlieben. Das ist der Plan. Ein ziemlich hoher Anspruch an Schüler im dritten und vierten Schuljahr. Hartmut Rupp winkt ab. Man dürfe Kinder und Kirchen nicht unterschätzen. Der Trick liege in der Methode. Die Kirchenraumpädagogik führe die Schüler ganz langsam, Stück für Stück an die Besonderheiten einer Kirche heran. „Je mehr Details die Kinder kennen, desto mehr fühlen sie sich zuhause.“

„Kirchenentdecker“ nennt Mirko Diepen, der evangelische Altstadtpfarrer von Heidelberg, seine AG, die er in diesem Schuljahr erstmals an der Friedrich-Ebert-Grundschule anbietet. Es ist ein Experiment. Denn Erfahrungen mit Kirchenpädagogik sind an den Schulen Baden-Württembergs noch rar. Wobei das Interesse durchaus da ist. Als Pfarrer Diepen die Idee beim Elternabend vorstellte, erntete er großen Zuspruch. Zehn Kinder haben sich für die AG angemeldet. Die Heiliggeistkirche kannten die meisten von ihnen bislang nur von außen.

Die jungen Kirchenführer werden offiziell „ordiniert“. Mit Gottesdienst, Handauflegen und Segen.

Professor Hartmut Rupp ist einer der Väter der Kirchenpädagogik

Das ändert sich jetzt. 36 Nachmittage à eineinhalb Stunden hat Mirko Diepen angesetzt, um die Schüler mit dem gotischen Gotteshaus vertraut zu machen. Da geht es um die Wirkung von Licht, um die Orgel, den Altar, die Gewänder, die Fresken, ja sogar um die Dachkonstruktion. Am Ende des Schuljahres werden die jungen Kursteilnehmer offiziell als Kirchenführer „ordiniert“. Mit Gottesdienst, Handauflegen und Segen. „Die ersten Besucher, die die Kinder allein durch die Heiliggeistkirche führen, sind natürlich ihre Eltern und Großeltern“, lächelt Pfarrer Diepen. Er kann sich durchaus vorstellen, dass man künftig die Kinderkirchenführer auch für Kindergeburtstage buchen kann.

Doch so weit ist es noch nicht. Erst einmal müssen die zehn Grundschüler die riesige Kirche in den Griff bekommen. Kirchenraumpädagogik, sagt Professor Rupp, fordere ein Höchstmaß an pädagogischem Geschick. Weil man im heiligen Raum agiert. Schreien, rennen, schubsen, kichern – all das hat in der Kirche nichts zu suchen. Dauerndes Schimpfen auch nicht. Rupp rät zur Langsamkeit. „Ich gehe mit einer neuen Gruppe niemals sofort in die Kirche hinein, sondern immer erst um sie herum.“ Damit die Schüler das neue Objekt beschnuppern können. Das funktioniert sehr gut mit eine Schnitzeljagd per Handy. Eine Gruppe fotografiert „geheime“ Details an der Kirche, die andere muss sie suchen. Die uralte Madonna an Heiliggeist beispielsweise kennt in Heidelberg kaum jemand.

„Der Moment, in dem die Schüler zum ersten Mal ihre Kirche betreten, muss inszeniert werden.“

Wozu eine Kirche wohl einen Geheimgang braucht?

„Der Moment, in dem die Schüler zum ersten Mal ihre Kirche betreten, muss inszeniert werden“, sagt Professor Rupp. Er findet es schön, wenn jedes Kind beim Eintritt gesegnet wird. Das tut nicht nur der Seele gut. Es macht auch den Schülern eindringlich klar, dass in der Kirche andere Regeln herrschen. Die Schüler respektieren das, weiß Beate Großklaus, die evangelische Schuldekanin von Heidelberg. „Ich bin immer aufgeregt, wenn ich mit Kindern den Altarraum betrete“, gesteht die Pfarrerin. „Das ist ja mein Herzstück.“ Seit sie das den Schülern mit genau diesen Worten sagt, renne niemand mehr, freut sich Großklaus. „In der Pubertät verschwindet dieser intuitive Respekt leider.“

Barbara Grom ist katholische Religionslehrerin an der Kraichgau-Realschule in Sinsheim. Sie bietet seit vielen Jahren Kirchenraumführungen für Kinder an. Meist in der Heidelberger Jesuitenkirche. Sich mit jungen Menschen in einem katholischen Kirchenraum ungezwungen zu bewegen, erfordert deutlich mehr Fingerspitzengefühl als im evangelischen. Wegen des unterschiedlichen Verständnisses von Kirche. Martin Luther sah in der Kirche in erster Linie ein Versammlungsraum für die Gemeinde. „Für mich als Katholikin jedoch ist Christus im Tabernakel leibhaftig anwesend“, bekennt Barbara Grom. Der Altarraum, das Allerheiligste, ist also für Kinder tabu?

Nicht unbedingt, sagt Grom. Der Chor sei der perfekte Ort, um ein Gespür für Atmosphäre zu entwickeln. Stille wirke nach einer gewissen Zeit auf den Menschen wie eine Nebelwand. „Die Außenwelt weicht mehr und mehr zurück, schließlich verschwindet sie ganz.“ Diese Erfahrung können auch schon Kinder machen. Und sie können auch jener seltsamen Aura nachspüren, die Kirchen umgibt. Barbara Grom: „Wir können sie fühlen, wir können sie schnuppern, aber in Worten fassen können wir sie nicht.“

Da werden Makkaroni zu Säulen, Gummibärchen zu Heiligenfiguren und Lakritz zu Korinthischen Kapitellen

Barbara Grom bietet Kirchenraumpädagogik in katholischen Kirchen an

Natürlich geht es auch in der katholischen Kirchenraumpädagogik nicht nur leise zu. Hinten im Langhaus der Jesuitenkirche oder in der Sakristei darf es lebhafter werden. Wenn die Kinder eine Kathedrale bauen beispielsweise. Je drei Schüler stehen einander gegenüber und strecken die Arme aus. Das siebte Kind legt sich der Länge nach darauf. Voilà: Eine romanische Kirche. Treten noch weitere Kinder hinzu, um von außen dabei zu helfen, das Kind zu halten, dann haben wir eine gotische Basilika mit Strebepfeiler. So funktioniert Kirchenraumpädagogik.

Da werden Makkaroni zu Säulen, Gummibärchen zu Heiligenfiguren und Lakritz zu Korinthischen Kapitellen. Die Kinder schleichen an Kirchenwänden entlang, sehr ernsthaft auf der Suche nach ihrem Lieblingsstein. Haben sie ihn gefunden, kleben sie ein Post-It mit ihrem Namen darauf. Oder sie stellen die Szenen der Kreuzwegstationen nach, um herauszufinden, wie die Menschen sich wohl gefühlt haben. Es sei auch schon vorgekommen, erzählt Barbara Grom, dass ein Siebtklässler beim Anblick des Kreuzrippengewölbes einer gotischen Kirche ausgerufen habe: „Das sind meinen Eltern und Schlusstein in der Mitte bin ich.“

Wie fühlt man sich, wenn man auf der Kanzel steht? Die Kirchenpädagogik probiert alles aus.

Pfarrer Mirko Diepen inspiziert mit den Schülern den Chor von Heiliggeist

Sobald die Schüler ihre Scheu vor dem Raum verloren haben, werden sie ungeheuer neugierig, weiß Veronika Reuter. Sie ist evangelische Gemeindediakonin in Mannheim. „Überall wollen sie hineinschauen, alles wollen sie herausfinden.“ Kann es sein, dass die Kirche in jeder Ecke anders klingt? Probiert es aus. Was fällt euch zu den Farben und Formen in den abstrakten Fenstern ein? Versucht sie nachzumalen. Wie fühlt man sich, wenn man auf der Kanzel steht? Steigt doch hinauf und lest uns einen Text vor. Wie fühlt sich ein Pfarrer, wenn er feierlich in die Kirche einzieht? Macht es nach. Was ist Euer Lieblingsort in dieser Kirche? Warum? „Jeder Kirchenraum ist ein Abenteuer“, sagt Veronika Reuter. „Kirchenpädagogik heißt: Alles ausprobieren“, ergänzt Professor Hartmut Rupp.

Die angehenden Kinderkirchenführer in der Heidelberger Heiliggeistkirche werden in die Orgel hineinkriechen, mit einem Steinmetz einen Stein behauen, Glas bemalen und einem Schmied über die Schulter sehen. „Man muss sich mit den uralten Gerwerken und Materialien auseinandersetzen, wenn man eine mittelalterliche Kirche verstehen will“, sagt der Heidelberger Stadtpfarrer Mirko Diepen. Hat er die Hoffnung, dass durch die Kinderkirchenführer wieder mehr junge Familien in der Gemeinde aktiv werden? Diepen wiegt vorsichtig den Kopf. Er will sichtlich nicht zu viel erwarten. Aber schön wäre es natürlich, sagt Diepen schließlich. „Wenn die Kinder Fußball spielen, begleiten die Eltern sie ja auch auf den Platz.“

Das Loch im Dach ist eine „Segensdusche“. Wer sich darunter stellt, kann in Gottes Segen baden.

Veronika Reuter misst die Höhe der Kirche mit einem Ballon

Dienstag Nachmittag in der Heidelberger Heiliggeistkirche. Im Chor hinter der Absperrkordel liegen zehn Kinder flach auf dem Boden und starren an die Decke. „Wie hoch die wohl ist?“, murmelt das Erste. Veronika Reuter, die Mannheimer Gemeindediakonin, hat eine Möglichkeit gefunden, diese Frage zu beantworten. Man fülle einen Ballon mit Helium und lasse ihn zum Dach hinaufsteigen. Dann muss man nur noch die Länge der Schnur messen. Kinderleicht.

„Warum ist bei den Engeln so ein komisches Loch?“, fragt das Zweite. Schon kniffliger. Dazu braucht man einen Experten. Reinhard Störzner war lange Jahre Ältester an Heiliggeist und ist ein profunder Kirchenkenner. Er weiß, dass es sich um ein „Himmelfahrtsloch“ handelt. Im Mittelalter hing hier an Christi Himmelfahrt eine Jesusfigur. Während des Gottesdienste wurde sie hinaufgezogen und verschwand durch das Loch gen Himmel.

Das ist die offizielle Erklärung. Die inoffizielle, aber viel spannendere ist Kinderkirchenführern aus dem Kraichgau eingefallen: Das Loch ist eine „Segensdusche“. Wer sich darunter stellt, kann in Gottes Segen baden.

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