Warten. Auf das Licht.

Der Advent kommt aus der Mode. Weil er nicht schnell und nicht hell genug ist.

Ein nasskalter Winterabend im äußersten Norden Mannheims. Das Leuchten der Großstadt ist Lichtjahre entfernt, auf der Blumenau bescheinen nur ein paar matte Straßenlaternen die niederen Reihenhäuschen. Dahinter das Sumpfland des Sandtorfer Bruchs. Finster, karg, abweisend.

Den Weg zur evangelischen Jona Kirche weist eine Gartenleuchte. Helmut Striffler, der Mannheimer Stararchitekt, hat das Gotteshaus 1961 erbaut. Aus Sichtbeton und in Form eines Walfischs. An schönen Tagen flutet die Sonne durch kleine, exakt platzierte Lichtschlitze ins Kircheninnere. Heute herrscht hier undurchdringliche Finsternis.

Vor der Eingangtür hängt ein blickdichter Vorhang, die Fenster sind mit schwarzer Pappe verklebt. Man möchte herausfinden, was Finsternis mit Menschen macht. Werden sie nervös? Fliehen sie? Kommen sie zur Ruhe? Beten sie? „Wenn Sie es nicht mehr aushalten, geben Sie bitte sofort Bescheid“, sagt die freundliche Frau am Eingang. Dann schließt sich der Vorhang. Man steht in vollkommener Schwärze.

Was, bitte, soll am Warten wertvoll sein?

Die Jona Kirche im Mannheimer Stadtteil Blumenau sieht aus wie ein Wal.

Der Advent ist die Zeit des Wartens auf die Ankunft des göttlichen Lichts in der Welt. Das klingt schön. Und rührend altmodisch. Wer sehnt sich denn heute noch nach Licht in unseren taghell erleuchteten Städten und Stuben? Und was, bitte, soll am Warten wertvoll sein? Eine dynamische, entscheidungsstarke Persönlichkeit wartet nicht. Sie handelt. Warten ist nur etwas für Verlierer, Unentschiedene, Zauderer.

„Wir empfinden Zeit als knappes Gut, das wir möglichst effizient einsetzen müssen“, schreibt die Berliner Journalistin Friederike Gräff in ihrem Buch „Warten. Erkundungen eines ungeliebten Zustands“. Wartezeit gilt als verlorene Zeit, die man mit allen Mitteln zu verkürzen sucht. Geld hilft da sehr. Weshalb in unserer Gesellschaft das Warten zu einem Indikator für den sozialen Status eines Menschen geworden ist. „Es scheint, als ob nur noch die Hilflosen und die Machtlosen warten“, bilanziert Gräff.

Klösterlich-karg: Der Adventskranz der Abtei Neuburg in Heidelberg.

Für den Advent ist das eine vernichtende Diagnose. Vielleicht wird er deshalb immer öfter durch die „Vorweihnachtszeit“ ersetzt. Die Vorweihnachtszeit wartet nicht. Die Vorweihnachtszeit plant, agiert, kauft. Dynamisch, strukturiert, banal. Wie spannend ist dagegen die Finsternis, die uns zwingt, auszuhalten. Ohne etwas zu tun. Außer zu warten. Aufs Licht.

Schlagartig schnürt die Angst Kehle und Brustkorb zu

Das erste Gefühl, das einen anfällt im Stockdunkel der Jona Kirche, ist die Angst. Schlagartig schnürt sie Kehle und Brustkorb zu. Man glaubt, keine Luft mehr zu bekommen. Schließt man die Augen, geht es besser. Offensichtlich kann das Gehirn die Finsternis dann einordnen. Augen zu – Licht aus. Das ist bekannt. Leider verliert man mit zusammengekniffenen Augen sofort jeglichen Mut. Also Augen wieder auf und tief Luft holen. Man hört und spürt die anderen Menschen, aber man sieht sie nicht. Nicht einmal ihre Umrisse. Hilflos fuchteln die Hände. Dann greifen sie endlich die Rückenlehne einer Bank.

„Der verwundbare Mensch“:  Das Thema der Habilitation von Heike Springhart.

Heike Springhart ist Studienleiterin im Theologischen Studienhaus „Petersstift“ direkt an der Alten Brücke von Heidelberg. In ihrer Habilitation hat die evangelische Theologin über den „verwundbaren Mensch“ nachgedacht. Einmal in der Woche fährt die Privatdozentin mit dem ICE nach Zürich, wo sie einen Lehrauftrag an der Uni hat. Wer viel Zug fährt, weiß, was warten heißt. Heike Springhart lächelt. Stimmt schon. Aber: Wer viel Zug fährt, lernt auch, dass es verschiedene Arten von Wartezeit gibt. „Kürzlich kam ein Notarzt an Bord. Zwanzig Minuten Verspätung, alle Anschlüss weg. Trotzdem hat sich niemand aufgeregt. Weil dieses Warten alternativlos war.“

Was hätte man in den zwei Stunden im Wartezimmer nicht alles tun können?

Es gibt also notwendige Wartezeiten, die durch nichts abgekürzt werden können. Eine Schwangerschaft beispielsweise, das Wachstum von Pflanzen, die Genesung von einer Krankheit. Da bleibt, so schwer es fällt, nur Geduld. „Man darf das Warten aber auch nicht verklären“, findet Heike Springhart. „Warten wirkt nicht immer positiv auf uns. Wir kennen auch das quälende Warten, dessen Ausgang ungewiss ist.“ Wenn jemand auf das Ergebnis einer medizinischen Untersuchung oder einer Prüfung wartet. Wenn ein versprochener Anruf längst überfällig ist oder ein Gerichtsurteil gefällt wird. „Dieses qualvolle Warten ist unglaublich schwer auszuhalten.“

Gemeindereferentin Barbara Hartmann wirkt in Sinsheim-Angelbachtal

Was wiegt dagegen eine Stunde im Stau oder auf dem Bahnhof? Trotzdem können wir uns unendlich lange und heftig über solch sinnlose Wartzeiten aufregen. Weil wir sie als persönliche Kränkungen empfinden. „Zwei Stunden im Wartezimmer eines Zahnarztes fühlen sich an, als habe man uns Lebenszeit weggenommen“, überlegt Barbara Hartmann, katholische Gemeindereferentin in der Seelsorgeeinheit Sinsheim-Angelbachtal. Was hätte man in diesen gestohlenen zwei Stunden nicht alles tun können? Ein gutes Buch lesen, spazieren gehen, sich endlich mal wieder mit auf eine Parkbank setzen und mit jemandem reden.

„Das sind natürlich alles nur theoretische Überlegungen“, wirft Barbara Hartmann ein. „Nichts davon hätte man wirklich getan.“ Am allerwenigsten hätte man sich mit jemanden auf eine Parkbank gesetzt. Parkbanksitzen macht man nicht. Weil es anstrengend ist. Und gefährlich. „Da muss man ja etwas findet, worüber man miteinander reden kann“, gibt Barbara Hartmann zu bedenken. „Womöglich entstehen Leere und Stille, die man aushalten muss. Und wenn nicht, dann kommt der andere eventuell meinem Inneren zu nahe. Trifft Stellen, wo es weh tut.“

Menschen sprechen nicht in völliger Schwärze. Selbst die Gedanken schweigen.

Die Jona Kirche von Helmut Striffler: Im Bauch des Wals.

In der Dunkelheit der Jonakirche ist die klaustrophobische Beklemmung verschwunden. Doch gewöhnen wird man sich an die Finsternis nie. Wie still es hier ist. Menschen sprechen nicht in völliger Schwärze. Selbst die Gedanken schweigen. Man lauscht in die Stille hinein. Hochkonzentriert und sehr wach. Später wird eine Frau berichten, dass sie sich gefühlt habe wie „ein weiter Raum, der von Gott gefüllt werden will.“

Achthundert Jahre musste der Prophet Jesaja warten, bis der verheißene Messias endlich zur Welt kam. Hundert Jahre wartet Abraham auf den versprochenen Sohn. 14 Jahre freite Jakob um Rahel. Die Bibel ist voll von Geschichten über das Warten. Über das sehnsüchtige Warten, das auf ein konkretes Ziel ausgerichtet ist. „Sehnsucht ist das Gefühl, das unter dem Warten liegt“, sagt die evangelische Theologin Heike Springhart. „Sehnsucht geht tiefer. Sie umfasst das ganze Sein des Menschen.“ Wahre Sehnsucht, überlegt die Pfarrerin weiter, kann man nur nach den großen Fragen des Lebens haben: Liebe, Frieden, Gott.

Plätzchen, die gebacken aber nicht gegessen werden. Und kein Hintergrundgeschwätz.

Sehnen und staunen. Ein kleiner Putto in der Marienkapelle von Waibstadt

Als Kind habe sie sich nach Weihnachten gesehnt, erinnert sich Barbara Hartmann, die Gemeindereferentin aus Hilsbach. Sie habe es kaum aushalten können, bis es endlich soweit war. Glücklicherweise gab es Dinge, die ihre beim Warten geholfen haben. Der Kranz mit den vier Kerzen. Die sehnsüchtigen Lieder des Advent. Die Plätzchen, die gebacken aber nicht gegessen wurden. Karten schreiben.

„Es ist schön, wenn man in den Wochen vor Weihnachten etwas anderes tut als das ganze Jahr über“, findet Barbara Hartmann. Den Kalender entrümpeln, den Fernseher einmal auslassen, kein Radio hören, kein Hintergrundgeschwätz. Vielleicht sich auch einfach nur still hinsetzen, nichts tun und in sich hineinhorchen.  Es muss ja nicht lang sein. „Eine Minute Stille genügt schon.“

Nie hat ein Licht so gut getan.

In der Schwärze der Jona Kirche sitzt man nun schon eine gefühlte Ewigkeit allein mit sich. Es fühlt sich nicht schlecht an. Irgendwie friedlich. Kein Zappeln wie an der Bushaltestelle, aber auch keine innere Erleuchtung. Plötzlich hört man, wie vorne jemand aufsteht. Ein Streichholz wird angerissen, eine Kerze entzündet. Das zittrige Flämmchen durchbricht die Dunkelheit. Nie hat ein Licht so gut getan.

 

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