Wirbelsturm trifft Feueratem

Ein kleines Spiel: Weihnachten beschreiben in drei Worten. Jesuskind, Geschenke, Baum. Sehr gut. Ostern? Auferstehung, Hase, Eier. Auch gut. Und jetzt – Pfingsten. Ähm? Geht nicht.

Das dritte große Fest der Christenheit besitzt keine Bräuche. Niemand erwartet Geschenke an Pfingsten, keiner dekoriert die Wohnung um, vergebens sucht man nach speziellen Leckereien. Pfingsten kann man nicht schmecken, nicht riechen und nicht mit den Händen greifen. So wenig wie den Heiligen Geist, den dieses Fest feiert. „Der Heilige Geist legt es geradezu darauf an, nicht erkannt werden“, sagt Thomas Rutte, der katholische Universitätspfarrer von Heidelberg. Klingt mysteriös. Machen wir uns auf die Suche nach diesem großen Unbekannten.

Das erste Pfingstfest ereignete sich in Jerusalem. Geschockt und durcheinander hatten sich die Jünger im „Obergemach“ eines Hauses verschanzt, um zu beten und die Ereignisse der letzten fünf Wochen zu durchdenken. Erst die Hinrichtung Jesu, dann seine Auferstehung und schließlich, als man sich gerade daran gewöhnt hatte, dass er wieder da war, der endgültige Abschied am Himmelfahrtstag. Das musste alles erst einmal sacken. Fanden die Jünger. Gott fand das nicht. Aus heiterem Himmel fegte ein heftiger Sturm über Jerusalem hinweg. Glühende Flammenzungen fielen auf die Jünger herab. Sie stürzten hinaus auf die Straße, um den Menschen von Christus zu berichten.

„Pfingsten ist das Fest der gelungenen Kommunikation“

Eine heftige Geschichte. Zurückhaltung und Sanftmut zählen offensichtlich nicht zu den Eigenschaften des Pfingstfestes. „Der Heilige Geist hat viele Erscheinungsformen“, überlegt Monika Lehmann-Etzelmüller, die Dekanin des evangelischen Kirchenbezirks Ladenburg-Weinheim. Oft komme er als Wind, der Unruhe stiftet.

Dekanin Monika Lehmann-Etzelmüller vom Kirchenbezirk Ladenburg-Weinheim

Feuer sei immer ein „ein Symbol dafür, dass das Herz eines Menschen anfängt, für eine Sache zu brennen“. Am interessantesten jedoch findet die Dekanin die Tatsache, dass der Heilige Geist den Jüngern Mut machte, auf wildfremde Menschen zuzugehen. „Für mich ist Pfingsten das Fest der gelungenen Kommunikation. Der Heilige Geist hilft uns, dass wir einander verstehen, auch wenn wir aus verschiedenen Kulturen stammen und nicht diesselbe Sprache sprechen.“

Doch Vorsicht, warnt Thomas Rutte, der katholische Universitätspfarrer von Heidelberg. Nicht alle entflammten Gespräche und nicht alle brennenden Herzen sind automatisch Werke des Heiligen Geistes. „Die Geschichte zeigt doch, dass Menschen sich für alle möglichen Ideologien begeistert haben. Sie waren sogar bereit, dafür in den Tod zu gehen. Der Heilige Geist hatte damit aber nicht das Geringste zu tun.“ Er nämlich ist untrennbar an Jesus Christus gebunden, sagt Rutte. „Der Heilige Geist hat nur ein einziges Interesse und daran arbeitet er mit Feuereifer: Er will uns die Augen öffnen für den Auferstandenen, für den Herrn der Welt.“

Der Heilige Geist als „Nachhilfelehrer“ Gottes

Thomas Rutte ist der katholische Universitätspfarrer von Heidelberg

Der Universitätspfarrer definiert den Heiligen Geist deshalb gern als „Nachhilfelehrer“, den Gott sendet, weil die Menschen auch nach zweitausend Jahren noch schwer von Begriff sind. Ein besonders geduldiger Pädagoge ist der Geist allerdings nicht. „Er kann einen gewaltigen Furor entwickeln“, nickt Thomas Rutte. „Dann zerstört er ohne mit der Wimper zu zucken alles, was Christus nicht entspricht. Er geht einfach drüber mit seinem Feueratem.“

Diese permanente Verunsicherung durch den Heiligen Geistes tut uns Menschen ganz gut, findet Monika Lehmann-Etzelmüller. „Wir lieben es ja bequem und wünschen uns, dass alles in Ewigkeit so bleibt, wie es schon immer war.“ Ein Sturmbrausen tut da ganz gut. „An Pfingsten feiern wir auch die Überraschungen im Leben. Es ist doch wunderbar, dass nicht alles so determiniert und festgelegt ist, wie wir denken.“

Natürlich kann der Heilige Geist kann auch anders. Wenn ein Mensch sehr traurig ist, wird er sanft und liebevoll, sagt die Weinheimer Dekanin. Ein leises, zartes Säuseln. „Jesus selbst bezeichnet den Geist ja als den Tröster, der bei den Menschen bleibt, wenn er selbst zum Vater in den Himmel gegangen ist“, erinnert Lehmann-Etzelmüller. Ihr selbst gebe diese Zusage viel Kraft. „Mir hilft es immer sehr, mir den Heiligen Geist als die Kraft Gottes vorzustellen, die in allem gegenwärtig ist, was wir erleben.“

Wie soll man sich die göttliche Trinität nur vorstellen?

Der Heilige Geist als Taube im Altarbild der Jesuitenkirche in Heidelberg.

Womit wir bei der schwierigsten Frage wären: Das Verhältnis zwischen dem Heiligen Geist, Gottvater und Jesus Christus. Ein Gott in drei Personen. Wie soll man sich diese göttliche Trinität nur vorstellen? „Von Jesus Christus haben wir ja ein sehr konkretes Bild, weil er Mensch geworden ist“, erklärt Unipfarrer Rutte. Auch Gottvater stehe uns eigentlich recht genau vor Augen. „Jesus hat ja sehr plastisch von ihm erzählt.“

Der Heilige Geist hingegen, den die Bibel an über dreihundert Stellen erwähnt, bleibt seltsam vage, nebulös und gesichtslos. „Genau das ist sein Markenzeichen“, sagt Thomas Rutte. „Der Heilige Geist will nicht erkannt werden, weil es ihm niemals um sich selbst geht. Es geht ihm immer nur darum, das Verhältnis vom Vater zum Sohn zu präsentieren.“ Okay. Ein Beispiel. Bitte!

Man stelle sich vor, lächelt Thomas Rutte, zwei Menschen sitzen zusammen am Tisch und unterhalten sich intensiv. „Dadurch ensteht um die beiden herum eine Atmosphäre. Ein Außenstehender, der hinzukommt, kann diese Atmosphäre spüren.“ Die Atmosphäre existiert also außerhalb der beiden Personen, obwohl sie von ihnen erzeugt wird. Gehen die Gesprächspartner auseinander, verschwindet die Atmosphäre wieder. Das sei vielleicht ein „einigermaßen passables Beispiel“ für die Trinität, findet Rutte. „Der Heilige Geist ist die Atmosphäre, die das ewige Gespräch zwischen Vater und Sohn erzeugt.“

Den Eingang zur Heidelberger Jesuitenkirche bewacht eine „Heilige Geistin“

Die Wirkung des Heiligen Geistes erkennt man nur im Rückblick

Doch es geht noch weiter. Vater und Sohn, sagt Rutte, erzeugen den Heiligen Geist nicht nur, sie bedürfen seiner auch. Um ihre ewige Kommunikation zu intensivieren. „Dieses Phänomen kennen wir ja“, erklärt der Unipfarrer. „Wenn man sich zu zweit über etwas verständigen will, tut es oft gut, wenn man einen Dritten mit ins Boot holt. Das bringt mehr Klarheit und hebt die Diskussion auf eine höhere Ebene.“ So ähnlich, dürfe man sich auch die Rolle des Heiligen Geistes in der Beziehung zwischen Gottvater und Gottsohn vorstellen. „Sie können und wollen nicht in der bloßen Zweisamkeit stehenbleiben.“

Zurück in unser kleines Alltagsleben. Wie merken wir denn nun, wo der Heilige Geist seine Finger im Spiel hat und wo nicht? In der konkreten Situation gar nicht, sagt Monika Lehmann-Etzelmüller. Das geht nur in der Retrospektive. „Rückblickend erkennen wir die Momente, in denen Gottes Geist gewirkt hat.“ Es seien immer die positiven Wendungen in unserem Leben, mit denen wir nicht gerechnet haben. „Das Bild vom Wind ist da sehr treffend“, findet die Weinheimer Dekanin. „Weil es das Schillernde im Geist Gottes zum Ausdruck bringt.“

Schreiters Pfingstfenster in der Originalversion

Mal gibt der Geist die Prise Rückenwind, die hilft, dass man ein Stück vorankommt. Mal ist er der kleine Luftzug an einem heißen Tag, der uns aufatmen lässt. Und manchmal eben auch der Sturm, der dafür sorgt, dass nichts mehr so ist, wie es vorher war. „Das finde ich alles ziemlich großartig“, strahlt Monika Lehmann-Etzelmüller. „Mir gibt der Heilige Geist ein Stück Gelassenheit. Ich kann manche Dinge einfach an ihn abgeben. Dann ist das eben sein Business.“

Der Heilige Geist lässt sich nicht verplanen. Niemals. Und von keiner Seite.

Thomas Rutte stört, dass der Heilige Geist zu oft und zu leichtsinnig für eigene Ideen reklamiert wird. „Ständig hört man im kirchlichen Kontext, dass im Namen des Heiligen Geistes dieses und jenes geplant wird“, sagt Rutte. Manchmal beriefen sich sogar gegensätzliche Positionen gleichzeitig auf den Heiligen Geist. „In Wahrheit geht es beiden Seiten wohl nur um die Aufblähung des eigenen Egos.“ Weil sich der Heilige Geist nämlich nicht verplanen lasse. Von keiner Seite.

Die richtige Formulierung müsse lauten: „Aufgrund unserer rationalen Argumente sollten wir es so machen.“ Ob eine Idee wirklich vom Heiligen Geist inspiriert war, sagt Rutte, erkenne man erst später. Und war daran, ob sie sich nachhaltig realisieren lässt oder nicht.

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