Je bunter, desto besser

Das neue Team der Katholischen Stadtkirche von Heidelberg: Kathrin Grein (l.), Pfarrer Marius Fletschinger (2.v.l.) und Pfarrer Jens Bader (rechts)

Das muss man sich erst einmal trauen: An einem eisigen Winterabend vor der Heidelberger Jesuitenkirche eine Hütte aufzubauen, die auf den ersten Blick wirkt wie eine Strandbar. Und dann den rund 400 Gottesdienstbesucher zur Einführung des neuen Leitungsteams Drinks an der frischen Luft zu servieren; garniert mit Jazz von einer kleinen Brass-Combo. Noch deutlicher kann man nicht signalisieren, dass in der katholischen Stadtkirche von Heidelberg jetzt ein frischer Wind weht.

Mit Dr. Marius Fletschinger (41) als neuem Leitenden Pfarrer und Katrin Grein als Leitender Referentin geht hier ein junges, wagemutiges Team an den Start. Jens Bader als stellvertretender Pfarrer sorgt für die nötige Erdung: Sein Schwerpunkt liegt im caritativen Bereich und auf der Kirchenmusik.

Die barocke Jesuitenkirche ist ein lichtdurchflutetes Schmuckstück.

Wohin man auch blickt in Heidelberg – überall steckt Katholische Kirche drin.

„Das katholische Heidelberg ist erstaunlich bunt, engagiert und vielfältig“, findet Marius Fletschinger, der „Neue“. Da gebe es auf der einen Seite Universitätsgottesdienste mit Predigten auf hohem intellektuellem Niveau. Auf der anderen Seite sei Heidelberg aber auch der Standort des Baden-Württembergischen Ankunftszentrums für Geflüchtete. Viele Ehrenamtliche kümmern sich um die heimatlosen Menschen, die immer länger im Ungewissen ausharren müssen. 

Wenn er nach Norden fährt, sagt Pfarrer Fletschinger, der zuvor die Seelsorgeeinheit Südwest in seiner Heimatstadt Karlsruhe geleitet hat, stoße er auf das riesige Heidelberger Universitätsklinikum, in dem pro Jahr mehr als eine Million Patienten behandelt werden. Katholische Seelsorger sind hier rund um die Uhr bemüht, Leid zu lindern.

Erzbischof Stephan Burger bei der Eröffnungsmesse für die Stadtkirche im Jahr 2015, …

Und dann seien da noch die vielen Erzieherinnen in den katholischen Kitas, die indischen Schwestern, die Wohnsitzlosen-Hilfe im Hasenleiser, die Ministranten, die Kirchenmusik mit großen Chören und phantastischen Orgeln … “Wohin man auch blickt hier am Neckar“, staunt Marius Fletschinger, „überall ploppen neue Felder auf, in denen katholische Kirche drinsteckt.“

Die Heidelberger Stadtkirche hat zehn Jahre Vorsprung. Doch am Ziel ist sie noch lange nicht.

Die Stadtkirche Heidelberg ist allen anderen neuen Pfarreien im Erzbistum um zehn Jahre voraus. Schon am 1. Januar 2015 haben sich die Katholiken in Heidelberg und Eppelheim zu einer Kirchengemeinde zusammengeschlossen. Das grandiose Geburtstagsfest im darauf folgenden Sommer mit Erzbischof Stephan Burger auf dem Universitätsplatz ist bis heute unvergessen. „Dass man hier schon so früh den großen Schritt gewagt hat, ist natürlich ein Vorteil“, findet Katrin Grein. „Aber am Ziel ist die Stadtkirche Heidelberg noch lange nicht.“ 

… als fast das ganze katholische Heidelberg auf dem Universitätsplatz Gottesdienst feierte.

Denn die Universitätsstadt hat sich im letzten Jahrzehnt enorm verändert: Nach dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte sind zwei riesige neue Stadtteile mit hochwertigem Wohnraum für fast 15000 Menschen entstanden.

Und es wird noch immer weitergebaut. Sehr viele Singles, Studierende und junge Familien leben in der neuen Südstadt und in der Bahnstadt. Kirchen jedoch gibt es hier keine. Eine Herausforderung für das Leitungsteam: Wie kann man Gott auch dort erlebbar machen, wo keine Gebäude und keine Gemeinden mehr existieren? 

„Ich erkenne in der jüngeren Generation eine tiefe Sehnsucht nach Sinn.“

Erste Ideen sprießen bereits: Marius Fletschinger will beispielsweise katholische Lauftreffs ins Leben rufen. Und vielleicht sogar mit einer Stadtkirchen-Mannschaft am Heidelberger Halbmarathon teilnehmen.

Grein und Fletschinger gemeinsam planen schon bald eine Reise nach Jordanien mit jungen Erwachsenen. Das ist ein Abenteuer, aber vielleicht auch eine Spur: „Ich erkenne bei der jüngeren Generation eine tiefe Sehnsucht nach echten Erlebnissen und nach Sinn“, sagt der Stadtpfarrer. „Darauf müssen wir als Kirche antworten.“

Jens Bader, der Stellvertretende Pfarrer und passionierte Organist, wohnt im schönen Gründerzeit-Pfarrhaus von Neuenheim. Das ist der edelste Stadtteil von Heidelberg. Bader, dem man ein gutes Gespür für die Ästhetik der Liturgie nachsagt, wird künftig die Personalplanung, die Koordination der Gottesdienste und der liturgischen Dienste übernehmen.

Der zweite Schwerpunkt des Stellvertretenden Pfarrers liegt auf dem weiten Feld der Caritas. „Es zeichnet unseren Glauben ja aus, dass wir den Menschen in seiner ganzen Verfasstheit, also mit Leib und Seele, annehmen“, erklärt Bader. „Deshalb denke ich, dass besonders die Caritas unserer Kirche ein glaubwürdiges Gesicht gibt.“

Heidelberg ist eine sehr schöne Stadt, aber es hat auch seinen Preis hier zu leben.

Pfarrer Jens Bader wohnt im Pfarrhaus der schönen neuromanischen Kirche St. Raphael in Neuenheim.

Baders Engagement kommt zum richtigen Zeitpunkt, denn das Geld, das die Städte in caritative Projekte investieren, wird immer knapper. Selbst im reichen Heidelberg klafft inzwischen ein Loch in der Stadtkasse. Diese Kürzungen im sozialen Bereich träfen gerade in der Universitätsstadt am Neckar ärmere Menschen doppelt hart, sagt Marius Fletschinger. „Denn Heidelberg ist zwar eine sehr schöne Stadt, aber es hat auch seinen Preis in ihr zu leben.“ Er sei – das möchte der Stadtpfarrer an dieser Stelle unbedingt betonen – daher außerordentlich dankbar für die neuen Pfarrökonomen. „Es ist eine riesige Erleichterung, wenn die Übersicht über die Finanzen nicht mehr allein am Pfarrer hängt.“

Womit wir bei den „Thementischen“ wären. In ihnen hat die Stadtkirche Heidelberg all ihre caritativen und sozialen Aktivitäten gebündelt. Man hätte natürlich auch einfach „Arbeitsgruppen“ sagen können, aber das klingt längst nicht so modern und offen. „Familie und Kinder“, „Jugend“, „Missionarische Pastoral“, „Caritas, Senioren, Kranke, Trauerpastoral“ sowie „Öffentlichkeitsarbeit“ sind die fünf Thementische überschrieben. Interessierte Ehrenamtliche, Mitglieder des Pfarreirates und Hauptamtliche sitzen „kooperativ-kollegial“ an ihnen zusammen. Eine Obergrenze für die Teilnehmerzahl an einem „Tisch“ gibt es nicht. „Jeder, der mitwirken möchte, ist sehr herzlich willkommen“, lockt Dr. Werner Bomm. Er ist Historiker und Mitglied des Pfarreirats.  

Von oben betrachtet erkennt man noch gut das große Seminar der Jesuitenpatres, die hier einst lebten.

Im Laufe der letzten Jahre hat an den Thementischen eine Art Hitliste der Interessen herausgebildet: Die Öffentlichkeitsarbeit und die missionarische Pastoral sind weniger gefragt. Familie, Kinder und Jugend rangieren im Mittelfeld. Spitzenreiter sind alle Aufgaben, die mit der Caritas zu tun haben. Pfarrer Bader hat also den richtigen Platz gewählt. Ein erstes großes Projekt liegt auch schon auf seinem Schreibtisch: Im Pfaffengrund – das war einst der „Arbeiterstadtteil“ von Heidelberg – soll ein Modell für katholische Nachbarschaftshilfe entwickelt und erprobt werden. Es wird dringend gebraucht. 

Kaum irgendwo wird Ökumene so groß geschrieben wie hier am Neckar.

Jeder Mensch, der nach Heidelberg kommt, steigt sofort hinauf zum Schloss. Denn von hier oben hat man einen herrlichen Blick auf die barocke Altstadt, die auf kleinteiligem mittelalterlichem Grundriss erbaut wurde. Barockhäuschen en Miniature also. Das ist weltweit einmalig und macht einen Großteil der Heidelberger Romantik aus.

Die beiden Hauptkirchen der Altstadt sehen sich sehr ähnlich. Und sie tragen denselben Namen.

Und mittendrin in diesem Bilderbuch-Szenario stehen fast direkt nebeneinander die beiden Hauptkirchen, die einander nicht nur verblüffend ähnlich sehen, sondern auch denselben Namen tragen: Heiliggeist. Um Verwirrungen zu vermeiden, nennt man die katholische Hauptkirche – sie ist das jüngere Gotteshaus – meist nach ihren Erbauern: Jesuitenkirche. 

Der doppelte Geist macht natürlich etwas mit der Stadt. Kaum irgendwo wird die Ökumene so groß geschrieben wie hier am Neckar. Sogar die Osternacht feiern die beiden Konfessionen zusammen. Vor der Gabenbereitung wechseln alle Gottesdiensteilnehmer von der evangelischen Heiliggeistkirche in die katholische Pfarrkirche Heilig Geist. „Mein erster offizieller Weg als Stadtpfarrer hat mich daher auch zum evangelischen Dekan hinüber geführt“, verrät Marius Fletschinger. Erst danach habe er sich beim Oberbürgermeister vorgestellt.

Direkt gegenüber der Jesuitenkirche steht das nagelneue, multifunktionale „Haus der Begegnung“.

Die meisten Baumaßnahmen hat die Stadtkirche Heidelberg in den vergangenen zehn Jahren bereits abgeschlossen. Direkt gegenüber der Jesuitenkirche steht das nagelneue, multifunktionale und mit viel High-Tech ausgerüstete „Haus der Begegnung“. Es gehört der Pfälzer Katholischen Kirchenschaffnei und verfügt über einen sensationellen Saal. In den Obergeschossen befinden sich die Büros der Leitenden Referentin und des Bezirkskantors sowie die Räume der katholischen „Ehe-, Familien- und Lebensberatung“. 

Das blutrote Fensterband von Emil Wachter erschwert den Umbau von St. Johannes.

Das einzige große Kirchenbau-Vorhaben, das noch ansteht, betrifft St. Johannes im Stadtteil Rohrbach. Das ist eine riesige moderne Nachkriegskirche, 1965 erbaut, die aber inzwischen sehr in die Jahre gekommen ist. Und sie ist auch zu groß geworden für den Heidelberger Süden.

In die St. Johannes-Kirche zu Rohrbach sollen ein Gemeinderaum und ein Pfarrbüro eingebaut werden.

Deshalb will man das Pfarrbüro und einen Veranstaltungsraum in das achteckige Kirchenschiff aus rotem Backstein integrieren. Was knifflig ist, da sich rund um den Kirchenraum ein grandioses blutrotes Fensterband von Emil Wachter rankt. Strenger Denkmalschutz. Sobald die „neue“ St. Johanneskirche fertiggestellt ist, sollen alle anderen katholischen Gebäude in Rohrbach veräußert werden. „Wenn alles gut geht, haben wir im Heidelberger Süden bald nicht nur eine wunderbare neue Kirche, sondern auch noch einen modernen Saal, der sich auch an externe Veranstalter vermieten lässt“, freut sich Marius Fletschinger. 

Der geplante Verkauf von St. Joseph in Eppelheim schlägt hohe Wellen.

Aufgewühlte Gefühle hingegen dominieren momentan in Eppelheim: Das hübsche kleine St. Joseph-Kirchlein im Stadtzentrum wird zwar unendlich geliebt, aber nicht mehr gebraucht. Denn nur ein paar Straßen weiter steht die stattliche Christkönigskirche, die für die Eppelheimer mehr als ausreicht. Die rumänisch-orthodoxe Gemeinde interessiert sich für St. Joseph und würde die Kirche gern kaufen. Doch das bricht vielen katholischen Eppelheimern das Herz. Eine Liste mit Protest-Unterschriften kursiert bereits …

Bildhübsch, gepflegt, aber nicht mehr gebraucht: St. Joseph in Eppelheim.

Was die Zahl der Priester angeht, ist die katholische Kirche von Heidelberg derzeit recht gut aufgestellt. „Wir beiden Leitenden Pfarrer zelebrieren am Sonntagmorgen in der Regel abwechselnd in Jesuitenkirche“, erläutert Jens Bader. Den Abendgottesdienst übernimmt meist der Hochschulpfarrer vom Katholischen Universitätszentrum. Die beiden Leitenden Pfarrer der Stadtkirche werden unterstützt von drei weiteren Priestern und einem Team von hauptamtlichen Mitarbeitenden mit vielfältigen Charismen. Was zu einer breiten Vielfalt von Angeboten führt.

Den Gläubigen in den Stadtteilen will das neue Leitungsteam unbedingt die Möglichkeit geben, ihre Kirchen und geliebten Gewohnheiten zu bewahren. Je bunter Heidelberg sich aufstellt, desto besser, findet Pfarrer Fletschinger: „Wenn Handschuhsheim und Neuenheim schon seit Jahren gemeinsam Fastnacht feiern, dann sollen sie das auch unbedingt weiter tun.“ Das gelte auch für Ziegelhausen, wo seit fünfzig Jahren die Tradition der Kolpingsfamilie hochgehalten wird. „Stadtkirche bedeutet für uns auf keinen Fall Vereinheitlichung“, betont Kathrin Grein. „Sondern wir wünschen uns im Gegenteil möglichst viele verschiedene Angebote.“ 

St. Joseph, 1878 erbaut, war der erste katholische Kirchenbau nach der Reformation in Eppelheim.

Eine Ausnahme von dieser Regel gibt es allerdings: Die Aktivitäten für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sollen künftig stadtkirchenweit gebündelt werden. Damit die nachwachsenden Generationen sich miteinander vernetzen. „Es ist wichtig für Heranwachsende zu spüren, dass sie einer großen Gemeinschaft angehören“, finden Kathrin Grein und Marius Fletschinger. Und außerdem gebe es in Heidelberg sehr viele spannende Locations und Aktionen sowohl im spirituellen wie auch im kulturellen, musikalischen und gesellschaftlichen Bereich. „Das soll unsere Jugend unbedingt alles kennenlernen“, sagt Kathrin Grein. „Wir haben von Freiburg gerade um eine weitere halbe Stelle speziell für die Jugendarbeit erbeten. Drücken Sie uns die Daumen, dass das klappt.

Drei Fragen an Dr. Marius Fletschinger:

Herr Fletschinger, Ihre Dissertation trägt den Titel: „Konvergenz und Stil“. Hat die Heidelberger Stadtkirche denn Stil?

Fletschinger (lacht): Ich finde, sie hat sogar sehr viel Stil. Wobei ich vor allem an das neue Leitungsmodell im Team denke, das mir persönlich außerordentlich gefällt. Mein Ziel für die kommenden Jahre ist es, diesen geschwisterlichen Geist solange weiterzuentwickeln, bis Hauptamtliche und Ehrenamtlich wirklich gemeinsam die Verantwortung für ihre Stadtkirche tragen.

Wo sehen sie denn noch Handlungsbedarf? 

Fletschinger: Auch nach mehr als zehn Jahren sind die ehemaligen Gemeinden der Stadtkirche noch nicht so zusammen gewachsen, dass man von einer Einheit sprechen könnte. Und auch die Ressentiments den anderen Stadtteilen oder der „Zentrale“ gegenüber sind noch nicht völlig verschwunden. Das muss man weiter geduldig um Vertrauen werben.


Und was ist ihnen positiv aufgefallen. 

Fletschinger: Spontan würde ich sagen: Die Faschingsparty im Gemeindehaus von St. Raphael in Neuenheim. Daran haben sich in diesem Jahr auch die Katholiken aus Handschuhsheim und aus der Weststadt beteiligt. Das war wirklich eine absolut tolle Veranstaltung. Eine völlig neue Qualität. Das hatte wirklich Stil!

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