So wohnt Gott

Mannheimer Jesuitenkirche: Eine „Nachschöpfung“.

Was tun fast alle Menschen als Erstes, wenn sie in eine fremde Stadt kommen? Sie suchen nach der Kirche. Reflexartig. Auch heute noch. Weil Kirchen die Herren der Landschaft und der Mittelpunkt jeder Ansiedlung sind. Und weil sie etwas zu erzählen haben. Von den Menschen in ihrer Stadt und vom Lauf der Zeit.

Werner Wolf-Holzäpfel, der Leiter des Erzbischöflichen Bauamts in Heidelberg, hat die Geschichten der Gotteshäuser gesammelt. „Kirchen Raum Kunst“ ist eine reich bebilderte Reise durch die Historie des Erzbistums Freiburg, das gerade seinen 200. Geburtstag feiert. Das Buch macht Spaß, aber es stimmt auch nachdenklich. Die letzte neue katholische Kirche wurde 1997 geweiht. Eine weitere ist nicht in Sicht.

Napoleon hatte den Katholizimus in Baden mit Stumpf und Stiel ausgerottet.

Baden-Württemberg ist ein Unikat. Zumindest, was den Glauben angeht. Im deutschen Südwesten nämlich leben fast gleich viele Katholiken wie Protestanten. Das ist einmalig. Und wohltuend. Noch im 19. Jahrhundert sah die Sache völlig anders aus. Napoleon hatte ganze Arbeit geleistet und den Katholizismus in Baden mit Stumpf und Stiel ausgerottet. Die Klöster waren aufgelöst, die Kirchen säkularisiert, die Heidelberger Jesuitenkirche ein Lazarett.

In dieses Jammertal hinein gründete Papst Pius VII. am 16. August 1821 ein neues „Landesbistum für Baden und Hohenzollern“ mit Sitz in Freiburg. Besonders viel zu sagen, hatte der neue Erzbischof jedoch nicht. Die Entscheidungen traf allein der Großherzog in Karlsruhe. Er war in Personalunion auch evangelischer Landesbischof. „Ein umfassendes System staatlicher Kirchenaufsicht garantierte der Regierung die Kontrolle über die katholische Kirche“, schreibt Werner Wolf-Holzäpfel. Dabei interessierte weniger der Ritus als vielmehr das Geld. Alles, was über „Kanzel, Stühle und einen Altar ohne Verzierungen“ hinaus ging, mussten die Katholiken selbst bezahlen. Meist behalf man sich mit Fundstücken aus ehemaligen Klöstern.

Der Historismus kombinierte nackten Stein mit biblischen Szenen in „frommer Idealisierung“.

1829 das erste Licht am katholischen Horizont: Heinrich Hübsch übernahm die Leitung der Baudirektion in Karlsruhe. Der gebürtige Weinheimer war zwar evangelisch, hatte sich aber in Italien in den katholischen „Rundbogenstil“ verliebt. Und in Luise, die Tochter des erzbischöflichen Kanzleidirektors in Freiburg. Zwanzig Jahre später würde Hübsch selbst zum katholischen Glauben übertreten.

St. Bartholomäus in Mauer
war der erste Neubau
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Doch vorher baute er noch 48 Kirchen. Fast alle steinsichtig. „Eine zuvor nicht gekannte Wertschätzung der Ästhetik des natürlichen Steins sollte für fast hundert Jahre die Kirchenbauten in Baden bestimmen“, berichtet Werner Wolf-Holzäpfel. Zum nackten Stein kombinierte man gern die farbenfrohe Malerei der „Nazarener“. Das war eine deutschen Künstlergruppe in Rom, die ihre Leinwände mit biblischen Szenen in „frommer Idealisierung“ (Wolf-Holzäpfel) füllte.

An jeder Ecke wuchsen neue Wohnviertel empor. Ein jedes verlangte nach zwei neuen Kirchen.

Der 2. Oktober 1862. Freude in Freiburg. Erstmals waren zwei eigenständige katholische Bauämter genehmigt worden. In Freiburg und in Karlsruhe. 1873 folgte Heidelberg. Gerade noch rechtzeitig, um den Bauboom zu bewältigen, den die Eisenbahn und die Industrialisierung ausgelöst hatten. An jeder Ecke wuchsen neue Wohnviertel empor. Ein jedes verlangten nach zwei neuen Kirchen, die man äußerlich kaum zu unterscheiden vermochte. Historismus hier wie dort.

Das hübsche Kirchlein St. Bartholomäus in Mauer hatte die Ehre, als erster katholischer Kirchenneubau Nordbadens in die Analen der Erzdiözese einzugehen. „Eine einfache, an klassizistischen Prinzipien ausgerichtete Grundform mit flachem Schieferdach, natursteinsichtiger Außenmauer und frei interpretierten romanischen Bauformen“, beschreibt Architekt Wolf-Holzäpfel.

St. Georg in Rittersbach kopiert
eine ottonische Basilika
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Das Historismus-Fieber loderte so heiß, dass es nicht einmal vor bereits existierenden Kirchen Halt machte. Sie wurden radikal umgestaltet. In der barocke Heidelberger Jesuitenkirche beispielsweise kratzte man sogar den Putz ab, um sie in ein Werk der Neorenaissance zu verwandeln. Mit steinsichtigen Pfeilern, komplett ausgemalter Decke und bunten Fenstern.

Sichtbeton eröffnete den Architekten unendliche Möglichkeiten.

Die Lichtgestalt des historistischen Kirchenbaus in Nordbaden war Ludwig Maier, seit 1888 Leiter des Erzbischöflichen Bauamts in Heidelberg. Fast hundert Kirchen hat Maier entworfen. In jedem nur denkbaren Neo-Stil. St. Laurentius in Weinheim sieht aus wie eine romanische Basilika. St. Bonifatius in Mannheim kombiniert Neobarock mit Jugendstil. St. Georg in Elztal-Rittersbach kopiert die ottonische Basilika auf der Insel Reichenau im Bodensee. Die Wallfahrtskirche in Leutershausen ist Neugotik. St. Georg in Hockenheim reinster Jugendstil. Alles Maier.

St. Cäcilia in Mosbach. Ursprünglich.

Der erste Weltkrieg setzte den Baukastenspielen ein abruptes Ende. Auf einmal war das Leben bitter ernst. Und eisenhart. So wie der neue Werkstoff, für den Bunkerbau perfektioniert wurde. Sichtbeton. Kombiniert mit einem Stahlskelett eröffnete er den Architekten unendliche Möglichkeiten. Kirchen, die aussahen wie großformatige Plastiken. Mit elliptische oder sternförmigen Grundrissen, Parabeln, Dreiecke, dynamischen Schwüngen. Alles war möglich, …

… aber nichts war erwünscht. Katholischerseits. Werner Wolf-Holzäpfel zitiert aus einem Erlass des Freiburger Erzbischofs Conrad Gröber von 1932. Er forderte vom Kirchenbau Konzentration auf „die überkommenen Formen“ und das „gesunde religiöse Empfinden der katholischen Volksseele“. Das war das Aus für die ambitionierte neue St. Cäcilia-Kirche in Mosbach. Sie hätte eigentlich wie ein avantgardistisches Raumschiff auf einem Hügel über der Stadt schweben sollen. „Einer der kühnsten Entwürfe jeder Zeit“, findet Wolf-Holzäpfel. Bei der schließlich realisierten Version ist von diesem Himmelssturm kaum etwas übrig geblieben.

In Mannheim standen nach dem 2. Weltkrieg von ehemals 17 Kirchen noch zwei.

Das Ende des Zweite Weltkriegs. Deutschland – ein Trümmerfeld. In Mannheim standen von ehemals 17 Kirchen noch zwei. Auch die barocke Jesuitenkirche hatten die Bomben zu 80 Prozent zerstört. Eigentlich ein Todesurteil. Doch damit wollten sich Mannheims Katholiken partout nicht abfinden. Tag und Nacht kämpften, beteten und sammelten sie für die Rettung ihres einst so prachtvollen Gotteshauses. Dann das Wunder: Das Erzbistum genehmigte eine originalgetreue „Nachschöpfung“ der Jesuitenkirche mit modernen Baumaterialien. Als Vorlage sollten zwei vergilbte Schwarz-Weiß-Fotografien dienen. Eine Sensation! Erst 1997 war die neue „barocke“ Mannheimer Jesuitenkirche fertig.

St. Cäcilia in Mosbach.
Heute.

In den Sechzigern dann der katholische Aufbruch in die Moderne: Das Zweite Vatikanische Konzil. Es beschloss, dass die Gemeinden nicht länger passiv an den Gottesdiensten zu folgen hatten. Vielmehr sollten, „alle Gläubigen zu der vollen, bewussten und tätigen Teilnahme an der liturgischen Feier geführt werden“. Aufgabe der Kirchenräume würde künfig es sein, die „Einheit der Gemeinde als Volk Gottes zum Ausdruck bringen“, schreibt Werner Wolf-Holzäpfel. „Das verlangte nach einer völlig neuen Kirchenarchitektur.“ Der Altar rückte in die Mitte Raumes, auf Augenhöhe der Gemeinde. Der Priester zelebrierte den Gläubigen zugewandt. Es gab Lektoren und Kommunionshelfer. Man brauchte Gemeindehäuser. Ein neuer Kirchenbauboom.

„Streng kubische Formen, geschickte Lichtführung und ein starkes plastisches Empfinden schufen intime Raumerlebnisse.“

St. Michael in Heidelberg.
Die Kirche als Großskulptur.

Sein bevorzugter Werkstoff: Sichtbeton. „Den Sakralbau verstand man nun als autonomes Kunstwerk“, schreibt Wolf-Holzäpfel. „Streng kubische Formen, geschickte Lichtführung und starkes plastisches Empfinden schufen fast intime Raumerlebnisse.“ Die Kirche als Großskulptur. Wie St. Michael in der Heidelberger Südstadt. Schon 1960 von Manfred Schmidt-Fiebig, dem damaligen Leiter des Erzbischöflichen Bauamts, entworfen.Mit phantastischen Lamellenwänden vor den Fenstern, die das Licht bündeln und direkt zur fünfeckigen Altarinsel hinführen. Heute ist St. Michael ein geschütztes Denkmal.

Doch wo Licht, da auch Schatten. „Die Lösungen aus der Anfangszeit sind von großer Unsicherheit geprägt“, diagnostiziert Werner Wolf-Holzäpfel. Will sagen: Im Rausch der Moderne waren alte Kirchen plötzlich überhaupt nichts mehr wert. Sie wurden sinnlos abgerissen oder barbarisch leergeräumt. Es gab sogar regelrechte Scheiterhaufen, auf denen das alte Mobiliar verbrannt wurde. Erst das Denkmalschutzgesetz 1975 schob dem Purifizierungswahn einen Riegel vor.

Kommen jetzt die ökumenischen Kirchen? Mit Marienkapelle, Tabernakel-Nische und Lutherbibel auf dem Altar.

St. Teresa in Heidelberg-Ziegelhausen. Das Zelt Gottes.

Man begann neu nachzudenken, filigranere Lösungen zu suchen, Neu und Alt zu modernen Raumbildern zu kombinieren. Da wurde die Achse um 90 Grad gedreht, damit man im Westen einen neuen Chor anbauen konnte. Wie in St. Oswald in Buchen. Da wurden ein moderner Kirchenraum an den historischen angebaut. Wie in Heddesheim oder Neckargerach. Momentan integriert man zunehmend sogar die Gemeindesäle ins Kirchenschiff. Wie in Mosbach oder Meckesheim.

In Heidelberg-Ziegelhausen schließlich endet unsere Reise. St. Teresa, entworfen von Werner Wolf-Holzäpfel, stammt aus dem Jahr 1997. Eine Zelt, in dessen First für alle sichtbar die Glocke schwingt. Sie klingt hell und fröhlich. Als ob sie zum Aufbruch rufe. Denn wer weiß …

In Mannheim-Neuostheim beispielsweise entsteht gerade die erste komplett ökumenische Kirche. Mit Marienkapelle, Tabernakel-Nische und Lutherbibel auf dem Altar.

Info: Das Buch „Kirchen Raum Kunst“ von Dr. Werner Wolf-Holzäpfel ist im Verlag „Schnell & Steiner“ erschienen. Es kostet 40 Euro (ISBN: 978-3-7954-3661-2)

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