Es hat eine Zeit gegeben, da haben sich mehr als 5000 Menschen an langen Tischen rund um den Mannheimer Marktplatz versammelt, um Spezialitäten aus den Heimatländern all der Geflüchteten zu verkosten, die in der Quadratestadt ein neues Zuhause gefunden haben. Und nirgendwo sah man eine Absperrung oder auch nur ein Polizeiauto. So angstfrei konnte man 2013 noch feiern.
Zu den Organisatoren der „Meile der Religionen“ gehörten auch die beiden Dekane Ralph Hartmann von der Evangelischen und Karl Jung von der Katholischen Kirche. 14 Jahre lang standen sie Seite an Seite. Nun geht diese Ära zu Ende. Jung hat sich bereits in den Ruhestand verabschiedet. Und Ralph Hartmann wechselt jetzt nach Stuttgart, wo er Beauftragter der Evangelischen Kirchen von Baden und Württemberg beim Landtag wird. Ein Fazit.
Hartmann bleibt auch künftig in Mannheim wohnen und pendelt mit der Bahn nach Stuttgart.
Um es gleich vorweg zu sagen, ruft Ralph Hartmann noch in der Tür, er gehe nicht, weil ihm seine Aufgabe als Dekan von Mannheim nicht mehr gefalle. „Sondern weil ich jetzt 61 Jahre alt bin. Und die Stelle beim Landtag wahrscheinlich meine letzte Chance ist, beruflich noch etwas Neues zu erleben.“ Er bleibe aber in Mannheim-Neuostheim wohnen und pendle mit der Bahn nach Stuttgart.
In Mannheim-Neckarau, also gerade auf der anderen Seite der Autobahn, ist Ralph Hartmann aufgewachsen. Als Sohn einer Kaufmannsfamilie. Am dortigen Moll-Gymnasium begegnete er Gott. „Ich habe einen unglaublich tollen Religionsunterricht erhalten“, erinnert sich der scheidende Dekan. Es war die Zeit der Friedensbewegung, der Eine-Welt-Initiativen und des Kampfes um soziale Gerechtigkeit. „Ich bin Pfarrer geworden, weil ich diese politisch-gesellschaftlich-soziale Dimension des christlichen Glaubens in unsere Gesellschaft hineintragen wollte.“ Folgerichtig hat Hartmann nach dem Abitur denn auch Zivildienst geleistet.
Dieser biographische Hintergrund ist wichtig, um zu verstehen, wie schmerzhaft der scheidende Dekan die „Veränderung im Umgangston“ in unserer heutigen Gesellschaft empfindet. Die Menschen gingen mehr und mehr auf Distanz zueinander, beobachtet Hartmann, statt sich wie früher neugierig dem Gegenüber zu öffnen. „Unerträglich sind für mich die Hassbotschaften, die mittlerweile aus fast allen politischen Ecken kommen“, sagt der Evangelische Dekan. Mit dem Christentum seien sie keiner Weise vereinbar. „Gott kennt und will keinen Hass! Er steht für Frieden und Versöhnung.“
Politisch war der Dekan schon immer. 2018 organisierte er sogar eine Großdemo für Demokratie und Menschenwürde.
Um diese christliche Grundhaltung in der Welt neu einzufordern, hat Ralph Hartmann im Oktober 2018 sogar zu einer Demonstration aufgerufen. Für „Demokratie, Menschenwürde und Rechtsstaat“. 10000 Menschen sind seiner Aufforderung gefolgt. „Es war eine sehr ernste und wohltuend leise Demonstration“, erinnert sich Hartmann. Ohne Getrommel, ohne Geschrei und ohne Parolen. Vielleicht deshalb hat sie sich tief ins Gedächtnis Mannheims eingegraben.
Natürlich fahndet der evangelische Theologe auch nach den Gründen für die veränderte Stimmung in unserem Land. Wahrscheinlich sei die zunehmende Komplexität der Welt, die kaum noch jemand überblickt, für die Unruhe und Unzufriedenheit verantwortlich, vermutet Hartmann. Viele Menschen zögen sich deshalb in die trügerische Vertrautheit der neuen Medien zurück. Und vereinsamten dabei völlig.

Genau an dieser Punkt erkennt Ralph Hartmann künftig eine entscheide Aufgabe der Kirchen: Sie müssten noch viel mehr als bisher Gelegenheiten schaffen, Gemeinschaft zu erleben. „Wer immer nur um das schönste Selfie kreist, hat keinerlei Widerstandskraft mehr gegen Krisen.“
In der Vesperkirche bedient der Oberbürgermeister den Obdachlosen.
Viele gute Schritte in die richtige Richtung sei die evangelische Kirchen in Mannheim schon gegangen, findet Ralph Hartmann. Da sei beispielsweise die Vesperkirche, wo das Christentum ganz zu seinen Wurzeln zurückkehrt. „In der Vesperkirche kommt es schon mal vor, dass der Oberbürgermeister den Obdachlosen fragt: Darf ich Ihnen noch etwas zu trinken bringen?“, freut sich Ralph Hartmann. Da seien aber auch die Gottesdienste im Luisenpark, das Studio Herrlichkeit, die Yoga-Chapel – und viele neue, innovative Formate von Gemeindearbeit mehr.
Die Beziehungen zur jüdischen Gemeinde und zur Moscheegemeinde sind ebenfalls eng, entspannt und freundschaftlich. „Es war für mich ein außergewöhnliches Erlebnis, in der großen Moschee mit Socken und Talar ein öffentliches Gebet zu sprechen“, erinnert sich der Dekan.
Die aufgeregte Diskussion um die Kirchengebäude in Mannheim betrachtet Ralph Hartmann hingegen gelassen. „Jeder Umbau zeigt doch, dass die Evangelische Kirche lebendig ist und im Zeitgeist liegt.“ Es werde doch heutzutage überall umgebaut: In der Energiewirtschaft, in der Presselandschaft, bei der Bundeswehr, in der Autoindustrie, beim Nationaltheater … „Leben verändert sich einfach.Das muss man akzeptieren und beherzt angehen.“





