Wie die Jungfrau zum Kinde kam

Es war für Gabriel nicht einfach, eine Mutter für den Sohn Gottes zu finden.

Er muss lange gewartet haben, der Engel. Sehr lange. Nur notdürftig verborgen hinter einer Wolke, bis er Maria endlich allein angetroffen hat. Immerfort waren Freundinnen und Verwandte um sie herumgeschwirrt, oder irgendwer hatte wieder einmal alle zum Essen gerufen. Keine Privatsphäre, nirgends, in diesem Nest namens Nazareth.

Dabei brannte der Engel doch so sehr darauf, endlich seine Nachricht zu überbringen. Sie war  – das hatte man ihm eingebleut – ausschließlich für Marias Ohren bestimmt. Dann endlich am Abend, als es schon dämmerte, sah er das Mädchen verträumt am Fenster sitzen. Allein. „Nur sie und er; / Schaun und Geschautes, Aug und Augenweide“, dichtet Rilke. „Dann sang der Engel seine Melodie.“ Eine Weihnachtsgeschichte über Maria. 

In biblischer Zeit haben die Frauen viel früher geheiratet als heute.

Vierzehn, höchstens fünfzehn Jahre – älter war das Mädchen nicht, als der Engel ihr begegnet ist. Überlegt Veronika Kurlberg. Sie ist evangelische Pfarrerin im „Kooperationsraum Heidelberg-Nord“ und hat ihr Büro im schönen Jugendstil-Pfarrhaus von Neuenheim. In biblischer Zeit haben Frauen sehr viel früher geheiratet als heute, weiß Kurlberg. „Denn damals existierte in Galiläa noch ein lupenreines Patriarchat: Eine Frau gehörte entweder ihrem Vater oder ihrem Ehemann.“

Veronika Kurlberg ist Pfarrerin im Heidelberger Norden.

Die Menschen lebten in großen Clans zusammen; jede Familie bildete ihr eigenes Dorf. Maria, so berichtet der Evangelist Lukas, war verlobt mit Josef, dem Zimmermann. „Damit waren die Beiden schon so gut wie verheiratet“, interpretiert Veronika Kurlberg. „Solch eine Verbindung konnte eine Frau nicht lösen, ohne in Schande zu geraten.“ Im schlimmsten Fall drohte ihr sogar die Steinigung. 

„Es ist wichtig, sich diese Situation so klar vor Augen zu halten“, findet Veronika Kurlberg, damit man sieht, welches Gefälle zwischen Marias Lebenswirklichkeit und den Worten des Engels bestand. „Du Begnadete“, hatte Gabriel sie gleich zu Beginn ihres Treffens genannt. Das ist der Titel einer Fürstin. Und das Kind, das er ihr ankündigte, sollte der Sohn des Höchsten sein. Eine ungeheure Vorstellung für eine junge Frau vom Dorf. 

Maria blieb erstaunlich gelassen. Sie stellte nur eine einzige praktische Frage.

Der Engel und Maria. Eine Szene aus dem ehemaligen Hochaltar von St. Raphael in Heidelberg.

Umso erstaunlicher findet die Pfarrerin die Gelassenheit, mit der Maria auf die Worte des Engels reagierte. Sie stellte nur eine einzige, praktische Frage: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ Die Antwort: Der Heilige Geist wird über sie kommen. „Damit“, überlegt Kurlberg, „stellt der Engel Maria in eine Reihe mit den vielen wundersamen Schwangerschaften, von denen die Bibel berichtet.“

Da war Sara, die Frau Abrahams. Sie bekam ihren Sohn Isaak noch mit 90 Jahren. Oder Hanna, die  jahrelang verzweifelt im Tempel gebetet hat, bis sie endlich in sehr fortgeschrittenem Alter Samuel empfing. Rahel, die Frau Jakobs, musste Jahrzehnte auf einen Sohn warten. Und Elisabeth, die Cousine Marias, hat ihr Bübchen Johannes noch in „hohem Alter“ zur Welt gebracht, was auch immer das zu dieser Zeit bedeutet haben mag.

All diese Beispiele kannte Maria natürlich. Vielleicht hat sie deshalb so cool reagiert. „Es ist eines der schönste biblischen Motive“, lächelt Veronika Kurlberg, „dass Gott seinen Engel stets zu Menschen sendet, für die sich zuvor niemand wirklich interessiert hat.“

Kathrin Grein ist die Leitende Referentin der Katholischen Stadtkirche Heidelberg.

Ob der Engel Gabriel vorher wohl schon bei anderen jungen Frauen angeklopft hatte?

Niemand weiß, wie lange die Begegnung Marias mit dem Engel Gabriel wirklich gedauert hat, überlegt Kathrin Grein. Die junge Theologin ist die neue Leitende Referentin der Katholischen Stadtkirche von Heidelberg. Sie hat ihr Büro im „Haus der Begegnung“ direkt gegenüber der Jesuitenkirche. „Ich frage mich immer“, überlegt Grein, „ob Gabriel wohl vorher schon bei anderen jungen Frauen angeklopft hat. Und abgeblitzt ist angesichts dieser ungeheueren Zumutung.“ Soll heißen: Maria hatte durchaus die Wahl, das Angebot abzulehnen. „Ich glaube, sie gab ihr Go in dem vollem Bewusstsein, dass etwas sehr Außerordentliches auf sie zukommt“, sagt Kathrin Grein. Und womöglich fand sie das sogar richtig spannend.

Schließlich passiert es nicht so häufig, dass einem einfachen Mädchen vom Land etwas so Großes zugetraut wird. Neugierde, Abenteuerlust und wenig Stolz können in diesem „Ja“ durchaus auch mitgeschwungen sein. Trotzdem brauchte es auch eine gehörige Portion Optimismus und Vertrauen, um in die ausgestreckte Hand des Engels tatsächlich  einzuschlagen. „Für mich als Frau in der Katholischen Kirche“, lächelt Kathrin Grein, „ist Maria die stärkste Ermutigung, die es gibt. Denn ihre Geschichte zeigt, wie dringend Gott die Frauen braucht, um seine Pläne zu verwirklichen.“ 

Die Begegnung mit dem Engel wie El Greco sie um 1600 gemalt hat.

„Nicht daß ein Engel eintrat (das erkenn),/ erschreckte sie “, dichtet Rilke. „Aber dass er dicht,/ eines Jünglings Angesicht / so zu ihr neigte; dass sein Blick und der,/ mit dem sie aufsah, so zusammenschlugen.“

Maria hat vermutlich sehr genau gewusst, dass sie sich mit der Zustimmung zu Gottes Plan einem großen Risiko aussetzt, überlegt Kathrin Grein, die katholische Pastoralreferentin weiter. „Aber sie hat sich in ihrer Beziehung zu Josef offensichtlich so aufgehoben gefühlt, dass sie sicher war, dass er den Gottesplan mittragen würde.“ Dennoch wäre es natürlich geschickter gewesen, wenn Gabriel nach seinem Besuch bei Maria noch kurz bei Josef vorbeigeschaut hätte.

Zum Josef kam der Engel stets im Traum. Keine einzige wörtliche Rede ist vom Ziehvater Jesu überliefert.

Doch den Engel hatte das „Ja“ Mariens offensichtlich so euphorisch gestimmt, dass er so schnell wie möglich im Himmel Bericht erstatten wollte. Was ein Fehler war. Denn Josef dachte gar nicht daran, die verrückte Engelsgeschichte seiner Verlobten zu schlucken. Er beschloss sich „aller Stille“ (Matthäus) von Maria zu trennen. Wie sich Josef solch eine diskrete Trennung im engen Dorfverband konkret vorgestellt hat, bleibt für immer sein Geheimnis. 

Prado Verkündigung, fra Angelico
Die Begegnung Marias mit dem Engel. Gemalt von Fra Angelico um die Mitte des 15. Jahrhunderts.

Der Engel Gabriel jedenfalls muss ziemlich in Panik geraten sein, als er merkte, dass sein schönes Arrangement am Zimmermann zu scheitern drohte. In aller Eile unternahm er einen Spontanbesuch in Josefs Traum, um ihm die Zusammenhänge zu erklären. Es sollte nicht der einzige Engelstraum bleiben, der Josef den richtigen Weg wies. Wörtliche Reden hingegen sind von Marias Ehemann nicht überliefert, weshalb er auf Bildern immer als großer Schweiger im Hintergrund dargestellt wird.

Was ziemlich unfair ist, findet Veronika Kurlberg in Neuenheim. „Ich glaube, dass nach dem Traum die Beziehung zwischen Maria und Josef immer enger geworden ist.“ Zumal die Beiden – inzwischen verheiratet – den lange, beschwerlichen Weg zur Volkszählung in Bethlehem zu Fuß gegangen sind. Und wer je eine längere Wanderung zu zweit gemacht hat, der weiß, wie viel auf solch einem Marsch gesprochen wird. Banales und Tiefes. Vergangenes und Künftiges. Zärtliches und Spöttisches. Das schweißt zusammen. Spätestens bei der Ankunft in Bethlehem passte zwischen Maria und Josef kein Blatt mehr. 

Erst ein paar Wochen zuvor hatte Maria, schon hochschwanger, ihre Cousine Elisabeth in den Bergen besucht. Zu Fuß.

Und die körperliche Anstrengung des langen Marsches hat offensichtlich weder der Mutter noch dem Baby geschadet. „Wir wissen ja von Maria, dass sie es gewohnt war, lange Strecken zu Fuß zurückzulegen“, überlegt Kathrin Grein. „Erst ein paar Wochen zuvor hatte sie – schon schwanger – ihre Cousine Elisabeth, die Mutter von Johannes, im Bergland besucht. Ebenfalls zu Fuß.“

Maria und Elisabeth im Fenster der Wallfahrtskirche Leutershausen.

Noch unsere Urgroßmütter, ergänzt Veronika Kurlberg, haben bis kurz vor der Entbindung auf dem Feld gearbeitet. Trotzdem war es natürlich eine Herausforderung, sich hochschwanger auf den langen Weg nach Bethlehem machen zu müssen. Nur wegen dieser Volkszählung.

„Ich vermute“, überlegt Kathrin Grein, die Pastoralreferentin an der Jesuitenkirche, „dass Josef schon auf dem Weg nach Bethlehem das Kind innerlich adoptiert hat. Und von Tag zu Tag mehr in die Vaterrolle hineingewachsen ist.“ Was die Verantwortung, die er zu tragen hatte, nicht leichter machte. „Die Tatsache, dass er keine andere Unterkunft finden konnte als einen zugigen Stall, muss für ihn viel schlimmer gewesen sein als für Maria.“ Pfarrerin Kurlberg stimmt mit ihrer katholischen Kollegin in diesem Punkt vollkommen überein. „Ich spüre bei Josef eine große Fürsorge für Maria.“ Vielleicht kann man es auch Liebe nennen.“

Eine biblische Patchwork-Family, die gut in unsere heutige Zeit gepasst hätte.

Die Geburt im Stall – wie die KI sie sich ausdenkt.

Es gibt da ein modernes Bild im Internet, erinnert sich Kathrin Grein, das wahrscheinlich von der KI generiert worden ist. „Man sieht, wie Josef als Geburtshelfer Jesus auf die Welt holt. Mit seiner schweren Hand hält er vorsichtig und sanft das winzige Köpfchen.“ Diese Darstellung habe sie „sehr angerührt“, gesteht Grein. Weil sie von einem großen Vertrauen zwischen dem Paar künde. „Die heilige Familie wird häufig sehr überhöht dargestellt; dabei herrschte in dieser Beziehung so viel Durcheinander, dass sie eher in die heutige Zeit gepasst als in die damalige.“ Eine biblisches Patchwork-Family.

„Sieh, der Gott, der über Völkern grollte, / macht sich mild und kommt in dir zur Welt“, dichtete Rainer-Maria Rilke. „Hast du dir ihn größer vorgestellt?“

Alltag in der Heiligen Familie: Eingefangen in einem Kerzenleuchter in St. Juliana zu Mosbach.

Im Grunde, überlegt Veronika Kurlberg im schönen evangelischen Pfarrhaus von Neuenheim, war Josef nach der dramatischen Stallgeburt viel mehr als nur der Adoptivvater von Jesus. „Da ist ein echtes Band der Liebe entstanden zwischen Vater und Sohn.“

Das Markusevangelium berichtet, dass Maria und Josef später noch weitere gemeinsame Kinder bekommen haben. „Äußerlich waren sie jetzt eine ganz normalen Familie mit Josef als Oberhaupt, der ob seines freundlichen Naturells wohl sehr beliebt war“, beschreibt die Pfarrerin. Der Evangelist Matthäus nennt Josef einen „Gerechten“.

Doch ebenso wortlos wie Josef gelebt hat, verschwindet er auch wieder aus den Evangelien. Vielleicht ist er ja gestorben, überlegt Veronika Kurlberg. „Die Lebenserwartung im zu dieser Zeit betrug etwa vierzig Jahre.“

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Maria ist nach Josefs Tod nach Jerusalem übersiedelt, um in der Nähe ihres Erstgeborenen zu leben. „Es war sicher nicht einfach, die Mama von Jesus zu sein“, überlegt Kathrin Grein. Denn besonders zartfühlend sei er mit seiner Mutter nicht immer umgegangen. „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?“, blafft er im Matthäus-Evangelium einen Boten an, der ihm mitteilt, dass draußen seine Verwandtschaft wartet. Jeder der den Willen seines Vaters im Himmel tue, sei sein Bruder, seine Schwester und seine Mutter. „Sie glaube“, lacht Katrin Grein im Heidelberger Haus der Begegnung, „solche Sprüche habe jede Jugend zu jeder Zeit drauf.“ Und eine Mama, lächelt Grein, wirft so etwas nicht gleich aus der Bahn.

Der einzige Moment, in dem Maria ihr „Ja“ zum Engel – vielleicht – bedauert hat, überlegt die Heidelberger Pastoralreferentin, war der Augenblick, an dem „sie unter dem Kreuz stand, an dem ihr Sohn hing … 

Doch so weit sind wir noch nicht. Jetzt ist erst einmal Weihnachten. Und wer weiß? Vielleicht klopft ja ganz leise am Heiligen Abend ein Engel an die Tür. der Und alles ist anders. 

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