Die bedeutendste Barockkirche im Südwesten

Mannheims Schmuckstück: Die Jesuitenkirche St. Ignatius und Franz Xaver

Nur einen einzigen Satz widmete Georg Dehio in seiner „Geschichte der deutschen Kunst“ der Mannheimer Jesuitenkirche. Sie sei, schrieb der Nestor der Kunsthistorie, „die bedeutendste Barockkirche im Südwesten Deutschlands.“ Ein Satz mit Folgen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Satz des Dehio das entscheidende Argument für den Wiederaufbau der zerstörten Kirche. Und als man 1986 über einen neuen Hochaltar für die Jesuitenkirche diskutierte, gab wieder dieser Satz den Ausschlag: Die Mannheimer beschlossen, den barocken Originalaltar „nachzuschöpfen“.  Damals eine restauratorische Sensation, heute ein Besucher-Magnet. 2010 feierte die Jesuitenkirche ihren 250. Geburtstag: Am 18. Mai 1760 wurde die kurfürstliche Hofkirche dem heiligen Ignatius und dem heiligen Franz Xaver geweiht.

Ein monumentales Manifest wider den Protestantismus

Der ideale Platz ist die Orgelempore. „Von hier aus sieht der Altar nicht flächig aus, sondern die Figuren leben“, schwärmt der Jesuitenpater Karl Weich. „Es ist faszinierend wie das Lichtspiel den Hochaltar verändert, wenn die Sonne um die Kirche herumwandert.“ Stadtdekan Karl Jung begeistert immer wieder neu das „majestätische Erleben“, das die Jesuitenkirche ausstrahlt: „Dieser Kirchenraum erhebt den Menschen.“

Dekan Jung: „Dieser Raum erhebt den Menschen.“

Und Werner Wolf-Holzäpfel, der Leiter des Erzbischöflichen Bauamts in Heidelberg, staunt über das politische Kalkül der Architektur. „Die Jesuitenkirche ist vollkommen auf den Tabernakel hin ausgerichtet also hundert Prozent katholisch.“ Ein monumentales Manifest wider den Protestantismus.

Wutentbrannt hatte der Kurfürst 1720 das reformierte Heidelberg verlassen

Wegen der Calvinisten hatte Kurfürst Karl Philipp am 11. Mai 1720 wutentbrannt Heidelberg verlassen. Mitsamt Hofstaat. Mannheim sollte zur neuen prächtigen Residenz der Kurpfalz werden. Schuld am kurfürstlichen Furor war die Weigerung der Heidelberger Calvinisten, dem katholischen Karl Philipp die Heiliggeistkirche zu überlassen. Die Reformierten bestanden auf der Trennmauer, die seit 1706 Heiliggeist aufteilte. Den Chor nutzten die Katholiken, im Schiff versammelten sich die Calvinisten. Ein „Simultaneum“ ganz im Sinne des Westfälischen Friedens, doch nicht in dem des Pfälzer Kurfürsten.

Aufgewachsen in einem streng katholischen Elternhaus und erzogen ausschließlich von Jesuiten war Karl Philipp zu einem sehr frommen Mann herangereift. „In Schwierigkeiten betete er bis zu sechs Stunden; oft lang auf dem Boden ausgestreckt“, berichtet Karl Weich SJ, der Chronist der Mannheimer Gesellschaft Jesu.

Ein frommer Mann: Karl Philipp betete sechs Stunden täglich

In der Nacht zum 4. September 1719 ließ Karl Philipp die Heidelberger Scheidewand einfach niederreißen und erklärte die Heiliggeistkirche für rekatholisiert. Leider hatte der Kurfürst die Rechnung ohne den deutschen Kaiser Karl VI. und die Engländer gemacht. Protestanten und Anglikaner drohten mit Krieg. Karl Philipp verließ Heidelberg zur Stunde.

Das zweitgrößte Barockschloss der Welt

Nun also Mannheim. Eine weite Ebene am Rhein wie geschaffen für ein neues Versailles. Im Juli 1720 wurde der Grundstein gelegt; 1731 konnte Karl Philipp das zweitgrößte Barockschloss der Welt beziehen.

Seine 25 Jesuitenpatres hatten sich schon zuvor häuslich eingerichtet. Ihr„Collegium“ schloss sich als imposanter Anbau an den rechten Schlossflügel an. Ein Domizil mit Traumblick. Pater Francois Desbillons: „Unter meinem Fenster fließt der Rhein, dann weite Felder und einige Bauernhöfe.

In fünf Meilen Entfernung eine Bergkette, die sich in Nebelschleiern verliert.“ Heute kündet nur noch ein Torbogen vom einst prunkvollen Kolleg. 1901 wurde es abgebrochen, damit die Bismarckstraße bis zur Rheinbrücke verlängert werden konnte.

Als Bauplatz für die Basilika blieb nur ein schmaler Streifen

Mannheim besaß das zweitgrößte Barockschloss der Welt.

Alessandro Galli da Bibiena, der Architekt des Pfälzer Kurfürsten, erschrak, als er im 1727 den Bauplatz für die Hofkirche inspizierte. Wie sollte auf dem schmalen Streifen zwischen Jesuitenkolleg und Gymnasium eine Basilika mit Türmen und Kuppeln Platz finden? Eilig versuchte Bibiena noch ein paar anliegende Grundstücke zu erwerben, doch vergebens. Keiner der Anwohner wollte sein Häuschen für den Prachtbau opfern. „Bibiena blieb nicht anderes übrig, als das Querschiff zusammenzustauchen“, kommentiert Karl Weich. Der Pater stört sich auch nach zwanzig Mannheimer Jahren noch daran, dass die Jesuitenkirche so „schmalschultrig“ daherkommt.

Die Geldnot war chronisch am Mannheimer Hof. Das Schloss verschlang solche Unsummen, dass der Kirchenbau erst fünf Jahre nach Grundsteinlegung beginnen konnte. Immer wieder mussten die Handwerker monatelang pausieren, weil die kurfürstliche Schatulle leer war.

Bibienas ungewöhnliche Idee: Der Hochaltar stand völlig frei im Raum.

Als Architekt Bibiena 1748 starb, war gerade der Rohbau der Hofkirche fertig. Nicolas de Pigage vollendete den Kuppelbau im Stil der römischen Basilika Il Gesu. „Die Mannheimer Jesuitenkirche verblüfft durch ihren zurückhaltenden Barock; der Klassizismus kündigt sich schon an “, urteilt Pater Weich.

Vierhundert Quadratmeter traumschönes Deckenfresco

Dem neuen Kurfürsten Karl Theodor gefiel so viel Nüchternheit nicht. Er beorderte flugs den Münchner Freskenmaler Egid Qurin Asam nach Mannheim. Für das fürstliche Honorar von 10 500 Gulden bemalte der Bayer die Kuppel mit Szenen aus dem Leben des heiligen Ignatius von Loyola, der den Jesuitenorden gegründet hat.

An der Decke des Langhauses berichtete ein 400 Quadratmeter großes Fresko von den Missionsreisen des Heiligen Franz Xaver. Nichts von all der Pracht hat überlebt. Alle Asam-Fresken fielen den Brandbomben des Zweiten Weltkriegs zum Opfer.

Die Kuppel war vor der Zerstörung kunstvoll und üppig bemalt.

Fehlte noch der Altar. Architekt Bibiena hatte im Chor der Jesuitenkirche zwei Reihen mit je fünf hohen Fenstern einbauen lassen. Eine ungewöhnliche Idee. Durch das helle Tageslicht würde die Gemeinde den Altar stets im Gegenlicht sehen. Da nie eine Altarskizze von Bibiena gefunden wurde, weiß niemand, was sich der leidenschaftliche Bühnenbildner bei dieser Idee gedacht hat.

Paul Egell, Bibienas Nachfolger am Mannheimer Hof, löste das Problem mit einem frei im Raum stehenden Hochaltar. Im Zentrum des Altars postierte Egell eine Figurengruppe, die er mit massiven Marmorsäulen einrahmte. Kaum war das Holzmodell des neuen Altars fertig, starb Egell.

Der Tabernakel blieb unfertig bar jeder Vergoldung

Für ihn kam 1752 Peter Anton Verschaffelt. Der Bildhauer hatte in Rom studiert, war in London zu einigem Ruhm gelangt und ging in Mannheim voll Elan ans Werk. Einen hochmodernen Altar wollte er bauen und das mittlere Fenster des Chors mit einer überlebensgroßen Ignatius-Skulptur verdecken.

Paul Egell posierte in der Mitte des Altars eine Figurengruppe zwischen Säulen.

Begeistert präsentierte Verschaffelt dem Kurfürst seine Skizzen – und erlebte eine furchtbare Enttäuschung: Man habe bereits 450000 Gulden in die Kirche investiert, bedeutete ihm Karl Theodor. Mehr gehe nicht. Egells Marmorsäulen seien schon bezahlt und geliefert. Künftig gebe es statt teurem Marmor nur noch günstigen Stuck. Verschaffelt resignierte. Als die Mannheimer Jesuitenkirche am 18. Mai 1760 geweiht wurde, verdeckte ein Vorhang die unteren Chorfenster. Der Tabernakel blieb unfertig bar jeder Vergoldung. Auf dem Hochaltar standen die Gipsmodelle von Egells Figuren.

 

 

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