Die Macht der Hoffnung

Die Aufgabe für diesen Advent: Ausschau halten nach etwas Hoffnung am Wegesrand.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Kaum je hat man diesen Satz so oft gehört wie in den letzten Wochen; und noch nie in so ernstem Tonfall. Was kein Wunder ist angesichts all der Gewalt in der Welt. Da braucht es schon eine ganze Wagenladung voll Hoffnung, um den Glauben an ein friedliches Miteinander der Menschen nicht zu verlieren. Doch jetzt ist Advent und die Christenheit erwartet das göttliche Kind.

Die Kirchen stehen karg, bar jeden Blumenschmucks. Und sie tragen Violett, die geheimnisvolle Farbe der Demut, der Buße und des Königtums. Violett strahlt nicht, Violett funkelt nicht, Violett hofft. Und vielleicht ist ja genau das die Aufgabe in diesem Advent: Ausschau zu halten nach dem zarten Schimmer der Hoffnung am Wegesrand.

Hoffnung kann man nicht einfach anknipsen wie den Optimismus. Sie ist eine Haltung, die man einüben muss.

„Wer den Advent ernst nimmt, der denkt nicht zuerst an Lichter und Plätzchen, sondern an die drängende Frage, wie unsere Zukunft aussehen soll“, überlegt Heide Reinhard, die Prälatin der evangelischen Landeskirche von Baden. Eine Prälatin arbeitet eng mit der Bischöfin zusammen. Sie kümmert sich um die Sorgen und Nöte der Pfarrerinnen und Pfarrer und ist Ansprechpartnerin für die Gemeinden.

Heide Reinhard ist die evangelische Prälatin von Nordbaden.

„Advent“, findet Heide Reinhard, „ist die Vorbereitung auf Weihnachten, wenn etwas Neues in die Welt kommen will.“ Dieses Neue und Gottes Verheißung „fürchtet euch nicht“, gäben der Hoffnung Raum, dass sich Frieden und Gerechtigkeit umfassend erfüllen. In den vier Wochen des Advent stellten wir dafür die Weichen. 

Was leichter gesagt ist als getan. Denn Hoffnung kann man nicht einfach anknipsen wie den Optimismus. Weil sie eine „Haltung ist, die man einüben muss. Ein Verhältnis zur Welt, das immer auch den Geruch der Illusion in sich birgt.“ So definiert Jonas Grethlein, Professor für Altphilologie an der Universität Heidelberg. Er hat gerade ein viel beachtetes Buch über die Hoffnung verfasst. Eine Art Kulturgeschichte dieser Emotion. 

Ist Hoffnung die „edle Treiberin und Trösterin“? Oder die „Kapitulation vor dem Absurden“?

Als der griechische Philosoph Thales im 6. Jahrhundert vor Christus gefragt wurde, was die Menschen am stärksten verbindet, soll er, so berichtet Grethlein, geantwortet haben: „Die Hoffnung. Denn sie ist auch bei denen, die nichts anderes haben.“ Die Römer formulierten: Dum spiro spero. Weil ich atme hoffe ich.

Und Johann Wolfgang von Goethe befand: „Die Hoffnung ist eine edle Treiberin und Trösterin.“ Nur die Klimaaktivisten von heute, lächelt Professor Grethlein, haben offensichtlich genug von der Hoffnung. Ihr Schlachtruf lautet: „Hope dies – action begins.“

Albert Camus sah das ähnlich, ergänzt Prälatin Reinhardt. Für ihn war die Hoffnung ein schreckliches Übel, weil sie notwendige Veränderung verhindere. „Wer hofft“, so Camus, „kapituliert vor dem Absurden. Indem er sich einer Illusion hingibt, verweigert er sich dem Leben.“ Die Schlussfolgerung des Schriftstellers: „Statt auf die Zukunft zu hoffen, sollte man den Moment mit allen Sinnen genießen. Die Sonne und ihre wärmenden Strahlen, die Erde und den Duft nach Regen.“ Womöglich hätten ihm auch die Weihnachtsmärkte unserer Zeit gefallen. 

In früheren Jahrhunderten galt der Advent als strenge Fastenzeit. Heute nimmt man sich eher Projekte vor.

Der Advent ist die Zeit der Vorbereitung auf die Geburt Christi. In früheren Jahrhunderten galten die vier Wochen vor Weihnachten als strenge Fastenzeit. Umso größer war die Freude, wenn an Weihnachten endlich all die Plätzchen, Lebkuchen und Christstollen auf den Tisch kamen, nach denen das Haus schon vier Wochen lang geduftet hatte.

Völlig naturbelassen: Der Adventskranz in der Benediktinerabtei Neuburg in Heidelberg.

Der Adventskalender hingegen wurde erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts erfunden. In noch recht schlichter Form: Man malte einfach 24 Kreidestriche an die Hausmauer, und die Kinder durften jeden Tag einen wegwischen.

Ungefähr zur selben Zeit montierte in Hamburg der evangelischen Pfarrer Johann Hinrich Wichern 24 Kerzen – zwanzig kleine rote und vier große weiße – auf ein altes Wagenrad. Der Adventskranz war geboren. Jeden Tag wurde ein kleines rotes Licht mehr angezündet; die großen weißen Kerzen markierten die Sonntage.

Wer weiß, vielleicht rollt Sisyphos seinen Stein ja noch immer den Berg hinauf?

Kein Mensch ist in der Lage, die Zukunft mit Sicherheit vorauszusagen, überlegt Prälatin Heide Reinhard. „Auch die KI kann das nicht. Weil der Mensch in seinem Handeln und seiner Fehlerhaftigkeit stets unberechenbar bleibt. Was gut ist.“ Und ja auch irgendwie wieder Hoffnung macht. Ein Mensch, der alle Hoffnung verloren hat, so sagt man, stirbt. Zumindest innerlich. Wobei fraglich bleibt, ob es dem Menschen überhaupt möglich ist, alle Hoffnung zu verlieren. Selbst Sisyphos rollte seinen Stein immer und immer wieder den Berg hinauf. Und tut das womöglich heute noch.  

Die Statue „Hiob“ von Gerhard Marcks vor St. Klara in Nürnberg.

Das christliche Beispiel für einen Menschen, der die Hoffnung auch unter schlimmste Umständen nie aufgegeben hat, ist Hiob aus dem Lande Uz. „Dieser Mann war untadelig und rechtschaffen; er fürchtete Gott und mied das Böse“, teilt uns das Alte Testament mit. Gerade diese absolute Treue und Rechtschaffenheit jedoch sollten Hiob zum Verhängnis werden. Weil er herhalten musste als Versuchsobjekt für einen Machtkampf zwischen Satan und Gott.

Satan behauptete, dass Hiob sich sofort vom Glauben an Gott abwenden würde, wenn man ihm nur übel genug mitspielte. Doch Gott vertraute auf Hiobs unerschütterliche Frömmigkeit und gab Satan grünes Licht für seinen Versuch: Hiob verlor auf grausame Weise seine Kinder, seine Frau, all seinen Besitz und sogar seine Gesundheit. Am Ende saß er von eitrigen Geschwüren übersäht in einem Haufen Asche am Wegrand.

Und er sprach: „Nackt kam ich hervor aus dem Schoß meiner Mutter; nackt kehre ich dahin zurück. Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn.“ Vielleicht, überlegt die Prälatin Reinhard, verdichte sich die hohe Kunst des Hoffens tatsächlich in dem  kleinen Wörtchen „trotzdem“, an dem Hiob so beharrlich festgehalten hat. „Die Hoffnung“, schreibt Paulus, „lässt uns nicht zuschanden werden.“ 

Ausgerechnet ein Neomarxist aus Ludwigshafen hat die Hoffnung salonfähig gemacht.

Das „Prinzip Hoffnung“: Der Philosoph Ernst Bloch. Ungefähr 1970.

Salonfähig gemacht hat die Hoffnung ausgerechnet ein Neomarxist aus Ludwigshafen mit jüdischen Wurzeln: Ernst Bloch, gestorben 1977 in Tübingen. Der Titel seines Hauptwerks aus dem Jahr 1954 „Das Prinzip Hoffnung“ ist längst zur Redewendung geworden. Dabei hat kaum jemand den 400-Seiten-Wälzer ganz gelesen.

Bloch diagnostiziert tief im Inneren jedes Menschen eine Grundangst vor dem Leben, die nur durch gezieltes Hoffen transformiert werden kann. Denn die Hoffnung ist der große Gegenspieler der Angst. Wenn sie im Spiel ist, verwandelt sich jede Angst in Kreativität, die in reale künstlerische, philosophische oder technische Projekte münden kann. Hoffnung, schreibt Bloch, ist lebensnotwendig für die Menschheit. Denn sie ist die Triebkraft für allen Fortschritts und eines besseren Lebens. 

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Der evangelische Theologe Jürgen Moltmann übersetzte Bloch ins Christliche.

Das Sprachrohr der Hoffnung, meint Ernst Bloch, ist der Tagtraum, in dem sich der Mensch seine Zukunft ausmalt. Doch Vorsicht: Allzu phantastisch sollten diese Träume nicht werden, denn sonst bleibt die Hoffnung leere Attitüde. „Nur wenn Vernunft zu sprechen beginnt, fängt die Hoffnung an zu blühen.“

Blochs „Prinzip Hoffnung“ wirkte auf die deutsche Gesellschaft in den 70er Jahren wie ein Schmetterling, der einen Tsunami ausgelöst hat. Auch auf die Kirche. Der evangelische Theologe Jürgen Moltmann griff Blochs Gedanken auf, übersetzte sie ins Christliche und legte damit den Grund für Rundumerneuerung der Kirchen in Deutschland. „Müsste die Kirche die Hoffnung nicht viel mehr in den Mittelpunkt rücken?“, fragte Moltmann. „Wir brauchen unbedingt Hoffnungsgeschichten, denn nur sie machen unser Leben lebendig und aktivierten Kräfte, die wir uns nicht zugetraut hätten.“ Eine Einsicht, heute so wichtig wie damals. 

Pfarrer Heinrich Wichern erschuf 1839 diesen Prototypen des Adventskranzes.

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Der vierwöchentliche Advent, den wir heute kennen, ist nur noch ein Teilstück der ursprünglichen Vorbereitungszeit auf Weihnachten. In der Urkirche begann der Advent bereits mit dem Fest des heiligen Martin am 11. November. Gefastet wurde zunächst nur an drei Tagen der Woche, später waren nur mehr der Samstag und der Sonntag keine Fastentage. 

Papst Gregor der Große reduzierte im 7. Jahrhundert die Zahl der Adventssonntag in der Westkirche auf vier. In den orthodoxen Kirchen dauert der Advent noch heute sechs Wochen.

Hin und wieder darf man aber Gott trotzdem nach dem „Warum?“ fragen.

„Es macht das Christsein aus, Hoffnung zu haben“, überlegt Prälatin Heide Reinhardt im Roten Haus zu Karlsruhe. Deshalb dürfe man schon hin und wieder eine Anfrage an Gott richten, die mit dem Wort „warum“ beginnt. Wenn man nach Neckarzimmern kommt beispielsweise. Dort steht oben auf dem Berg in 310 Metern Höhe ein Mahnmal für die vom Nationalsozialismus deportierten und ermordeten Juden aus der Region. In diesem Jahr feiert die Gedenkstätte ihren zwanzigsten Geburtstag. 

Das Mahnmal in Neckarzimmern: 138 Skulpturen erinnern an die verschleppten Juden aus der Region.

Das Mahnmal ist ein mystischer Ort, an dem sich Vergangenheit und Gegenwart in seltsamer Weise verbinden. 138 Skulpturen aus Stein formen einen begehbaren Davidstern. Die Skulpturen stehen für die 138 Dörfer und Städte in der Region, aus denen die Menschen in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich verschleppt wurden. Jede Skulptur ist ein Unikat, das Schüler entworfen haben. 

Doch das Mahnmal von Neckarzimmern prangert nicht nur Gewalt, Brutalität und Unmenschlichkeit an. Es macht auch Hoffnung, gerade jetzt im Advent. „Was mich bei den Dokumentationen zu Gurs am meisten bewegt hat, sind die Berichte von der Rettung der Kinder aus dem Todeslager“, sagt Prälatin Heide Reinhard. Unter höchster Lebensgefahr haben die französischen Bauern Nacht für Nacht Kinder zu sich genommen, die von verzweifelte Eltern durch Löcher im Zaun gezwängt wurden.

Schüler aus den Heimatdörfern der Deportierten haben die Steine entworfen.

Der Mut der französischen Bauern rettet 417 jüdischen Kindern aus Baden das Leben.

Dann haben die Bauern die Kinder entweder bei sich versteckt, worauf die Todesstrafe stand. Oder sie haben die Kleinen auf halsbrecherischen Gebirgswegen in die Schweiz gebracht. 417 von 563 verschleppten Kindern haben auf diese Weise überlebt. Auch so geht Hoffnung. 

„Die Hoffnung verspricht nicht, dass am Ende alles gut wird“, resümiert Prälatin Heide Reinhard. „Aber sie ermuntert uns dazu, es trotzdem zu versuchen.“  Diese Trotzdem verändert den Blick auf unser Leben. So geht Advent.

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