Mit dem gesamten Weltwissen im Kopf

Melanchthon war vielleicht der gelehrteste Mensch seiner Zeit.

Das schmale Gesicht mit den hellwachen Augen und der markanten Nase, die entfernt an einen Raubvogel erinnert, kennt jeder, der schon einmal eine evangelische Kirche betreten hat. Denn dort hängt unter Garantie ein Bild von Philipp Melanchthon. Und direkt daneben eines von Martin Luther. Ihr Leben lang haben die beiden Reformatoren eng zusammen gearbeitet, obwohl sie vom Typ her sehr unterschiedlich waren.

Luther agierte wortgewaltig, heißblütig und väterlich. Der geborene Pfarrer. Melanchthon war intellektuell, zugewandt und fordernd. Der geborene Lehrer. In Bretten ist Philipp Melanchthon aufgewachsen, in Pforzheim hat er seinen griechischen Namen erhalten, in Heidelberg sein Grundstudium absolviert. Ein Porträt.

„Melanchthon wird oft als trockener Wissenschaftler beschrieben. Aber das war er mit Sicherheit nicht.“

Der Marktplatz von Bretten ist eine kleine Schönheit, umrahmt von malerischem Fachwerk. Die Häuser stammen zwar nicht mehr aus dem Mittelalter, sind aber trotzdem hübsch anzusehen. Zumal in der Mitte ein alter Brunnen plätschert, von dem aus der Pfälzer Kurfürst Friedrich II. sein Volk betrachtet. Schmal sieht er aus, der hohe Herr, und nachdenklich. Als werde ihm hier in Bretten, wo Philipp Melanchthon geboren wurde, jeden Tag aufs Neue bewusst, welch historische Chance Heidelberg verpasst hat. Damals 1512, als man Melanchthon nicht zur Magisterprüfung zugelassen hat. Nur weil er erst 15 Jahre alt war. Hochbegabung lohnt sich nicht immer. 

Christine Mundhenk und Matthias Dall’Asta von der „Melanchthon-Forschungsstelle“ .

„Melanchthon wird oft als trockener Wissenschaftler beschrieben, doch das war er mit Sicherheit nicht“, sagt Dr. Christine Mundhenk, die Leiterin der Melanchthon-Forschungsstelle an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Seit mehr als 60 Jahren sammelt, dechiffriert und interpretiert die Forschungsstelle, die Dr. Heinz Scheible gegründet hat, die zahllosen Briefe, die der Reformator hinterlassen hat.

Aus allen Ecken Europas erhalten die Forscher Kopien seiner handschriftlichen Botschaften; immer noch finden sich neue. Was beweist, wie interessiert Melanchthon an Menschen gewesen ist. „In Wittenberg notierte er einmal, dass beim Mittagsmahl an seinem Esstisch elf verschiedene Sprachen gesprochen wurden“, berichtet Christine Mundhenk. „Das hat ihm großes Vergnügen bereitet.“

Schon als kleiner Junge durfte Philipp mit seinem Privatlehrer nur Latein sprechen. Sonst setzte es Schläge.

Der Großvater Johann Reuter, Schultheiß in Bretten, war es, der als Erster die Hochbegabung seines Enkels erkannte. Schon früh engagierte er für den kleinen Philipp einen Privatlehrer, der ausschließlich Latein sprechen durfte. „Sooft ich einen Fehler machte, setzte es Schläge, aber in einem Maß, das angemessen war“, erinnerte der Reformator später. „Mein Lehrer liebte mich wie einen Sohn.“ Heute gibt es am Brettener Markt ein wunderbares Melanchthon-Museum. Gleich das erste Bild zeigt den achtjährigen Steppke am Marktbrunnen, wie er alle mit seinen Lateinkenntnissen verblüfft. 

Der junge Philipp verblüfft die Kaufleute in Bretten mit seinen Lateinkenntnissen.

„Melanchthon war ein äußerst kommunikativer Mensch“, weiß Christine Mundhenk. „Er hat sich gern mit Besuchern umgeben, denn er wollte alles wissen von der Welt.“ Um es in seinem phänomenalen Gedächtnis zu speichern, und bei passender Gelegenheit mit „spielerischer Nonchalance ins Gespräch einfließen zu lassen“, ergänzt Matthias Dall’Asta, Altphilologe und Mitarbeiter der Heidelberger Forschungsstelle.

Im Oktober 1508 war Philipp Melanchthon von solch hoher Kunst der Kommunikation noch weit entfernt. Er lebte jetzt in Pforzheim, wo er zusammen mit seinem Bruder die berühmte Lateinschule besuchte und in Kontakt zu Johannes Reuchlin, dem bekannten Humanisten, trat. Der erfahrene Philologe erkannte sofort die Hochbegabung seines Schützlings und förderte ihn. Schon ein Jahr später sprach der Junge auch fließend Griechisch. Reuchlin belohnte ihn dafür mit einem neuen Nachnamen: Melanchthon ist die Übersetzung von Schwartzerdt ins Griechische. „Solch einen Gelehrtennamen“, staunt Forscher Dall’Asta, „erhielt man sonst erst, wenn man die Universität abgeschlossen hatte.“

Nach nur zwei Jahren, das war der frühstmögliche Zeitpunkt, schloss er die Uni in Heidelberg ab.

Am Marktplatz von Bretten steht heute das Melanchthon-Museum.

Nun also Heidelberg. Drei Jahren studierte unser junges Genie im Schatten des Schlosses, und es gefiel im ausnehmend gut am hier am Neckar. Melanchthon wohnte im Haus des Theologieprofessors Pallas Spangel, seines neuen Mentors. Spangel war Priester und gehörte dem Heiliggeiststift an. Mit seinem jungen Zögling verstanden er sich blendend. Melanchthon begriff rasch, und er schlug sich auch gut in den beliebten „Disputationen“, den akademischen Rededuellen. Nach nur zwei Jahren, das war der frühstmögliche Zeitpunkt, absolvierte er die Prüfungen zum „Baccalaureus artium“ in den Fächern Grammatik, Dialektik, Rhetorik und Logik. 

Wenn Melanchthon selbst auf seine Heidelberger Zeit zurückblickte, erinnerte er sich gern an seine Ausflüge auf den Heiligenberg, wo damals noch antike Relikte eifach so herumlagen. Gern hätte Melanchthon auch seinen Magister in Heidelberg gemacht, doch die Uni fand, dass er dafür mit nur 15 Jahren zu jung sei. Enttäuscht wechselte der Student nach Tübingen, wo man ihn mit Kusshand nahm. „Melanchthon besaß die faszinierende Fähigkeit, alles, was er einmal gelesen hatte, weitergeben zu können“, sagt Matthias Dall’Asta. „Der Übergang vom Schüler zum Lehrer erfolgte bei ihm fließend.“

Selbst der kritische Luther äußerte sich sehr anerkennend über den „Graeculus“, den kleinen Griechen.

Das Jahr 1518. Mitten hinein in die Wirren der beginnenden Reformation stiftete Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen an der Universität Wittenberg einen neuen Lehrstuhl für Griechisch. Der Wunschkandidat des Kurfürsten für diese Professur war unser Johannes Reuchlin aus Pforzheim; doch der lehnte den Ruf aus Altersgründen ab. Stattdessen empfahl er seinen Musterschüler Melanchthon.

Das Melanchthon-Porträt von Albrecht Dürer entstand 1526.

Die Wittenberger blickten zunächst recht skeptisch auf die grazile Gestalt des neuen Professors, denn dieser mass nur 1,50 Meter. Umso verblüffter war das Auditorium in der Schlosskirche, als Melanchthon in seiner Antrittsvorlesung statt eines Fachvortrags ein fix und fertiges Programm zur Modernisierung der Uni Wittenberg vortrug. Danach gab es keinen Zweifel mehr: Man hatte den Richtigen gefunden. Selbst der kritische Luther äußerte sich sehr anerkennend über den „Graeculus“, den kleinen Griechen.

„Einige Zeit später war Melanchthon schon der Professor mit den meisten Studenten in Wittenberg“, berichtet Christine Mundhenk in der Forschungsstelle. Und das ist er bis an sein Lebensende geblieben. Die jungen Leute kamen wegen der spannenden Inhalte; sie kamen aber auch weil Melachthon sich intensiv um ihre Sorgen und Nöte kümmerte. „Er war so etwas wie das Studentenwerk von Wittenberg“, sagt Mundhenk lächelnd. Melanchthon suchte Zimmer für seine Zöglinge, er schrieb Empfehlungsschreiben, kämpfte um die Erhöhung ihrer Stipendien und hieß viele zum Mittagstisch in seinem großen Haus willkommen. Dabei wachte er streng über ihre Fortschritte: „Jeden Tag“, weiß Christine Mundhenk, „musste ein anderer Student bei Tisch einen Vortrag halten.

Das Wohnhaus der Familie Melanchthon in Wittenberg.

Als Luther wegen der Reichsacht Sachsen nicht mehr verlassen konnte, avancierte Melanchthon zu seinem Botschafter.

Auch für Martin Luther war der „kleine Grieche“ rasch unentbehrlich geworden. Erst begleitete ihn Melanchthon zu wichtigen Disputationen, wo der Professor unentwegt neue Argumente auf kleine Zettelchen notierte, die er Luther zusteckte. Später, als der Reformator wegen der Reichsacht Sachsen nicht mehr verlassen konnte, avancierte Melanchthon zum Botschafter Luthers. Man traf den kleinen Gelehrten auf jedem Reichstag und bei jedem Religionsgespräch. „Außerdem korrespondierte er fast mit der ganzen damaligen Welt“, berichtet Christine Mundhenk. „Ich staune immer, wie viele Originalbriefe noch erhalten sind.

Zuhause in Wittenberg hielt inzwischen Katharina Melanchthon die Stellung. Seit 1520 war sie mit Philipp verheiratet. Man munkelt, Martin Luther habe diese Ehe „angebahnt“, um Melanchthon an Wittenberg zu binden. Katharina war die Tochter des dortigen Bürgermeisters. „Die Ehe begann etwas holprig“, weiß Christine Mundhenk. Da gab es schon mal Krach, weil Katharina das Arbeitszimmer ihres Mannes aufgeräumt hatte, und er nichts mehr fand. „Aber später haben sie sich sehr geliebt.“ Melanchthon war untröstlich, als Katharina 1557 unerwartet verstarb.

Philipp Melanchthon ist meist schon um zwei Uhr Nachts aufgestanden. Da konnte er in Ruhe arbeiten.

Melanchthon eröffnet die „Obere Schule“ in Nürnberg (heute: Melanchthon-Gymnasium).

Vier Kinder hatte das Ehepaar: Zwei Mädchen und zwei Jungen. „Über den Tod des kleinen Georg mit nur zwei Jahren ist Melanchthon nie hinweggekommen ist“, berichtet Matthias Dall’Asta. Seine Tochter Anna hat der Reformator später mit einem seiner begabtesten Schüler vermählt: Georg Sabinus, Professor in Königsberg. Doch die Ehe war so unglücklich, dass Melanchthon sogar zur Scheidung riet. Als Anna mit nur 24 Jahren bei der Geburt ihres sechsten Kindes starb, nahmen die Großeltern ihre Kinder bei sich auf.

„Philipp Melanchthon hat sehr schlecht geschlafen und ist meist schon um zwei Uhr in der Nacht aufgestanden“, berichtet Matthias Dall’Asta. „Dann konnte er in Ruhe arbeiten.“ Wenn um sechs die Vorlesungen begannen, hatte Melanchthon oft schon zehn Briefe geschrieben, deren Adressaten in ganz Europa lebten. Denn der Professor war inzwischen eine echte Berühmtheit. „Einem Absolventen, der von ihm Empfehlungsschreiben erhielt, standen in Europa alle Türen offen“, weiß Christine Mundhenk. Und wenn auf dem Titelblatt eines Buches stand „Mit einer Vorrede von Melanchthon“, wurde es garantiert ein Bestseller.


Melanchthon übergibt Kaiser Karl V. die „Confessio Augustana“ am 25. Juni 1530.

Doch Vorsicht: So sehr Melanchthon seine Studenten auch liebte – wenn er allzu große Wissenslücken bei ihnen entdeckte, konnte er, so Dall’Asta „richtig poltrig“ werden. Ganz gleich, welches Fachgebiet es betraf.  Denn auch in den Naturwissenschaften befand sich der Reformator immer auf dem neuesten Stand der Forschung. Melanchthon habe mit einer  Leichtigkeit gelernt, die absolut faszinierend sei, findet Matthias Dall’Asta. Und er habe sein Wissen weitergegeben ohne aufdringlich oder schulmeisterlich zu wirken. „Vielleicht war Melanchthon der letzte Mensch, der noch das komplette Wissen seiner Zeit parat hatte.“

Ein Gedanke zu „Mit dem gesamten Weltwissen im Kopf

  1. Dieses Stück über Melanchthon ist wirklich faszinierend! Er war ja nicht nur ein Gelehrter, sondern auch ein echtes Netzwerker-Ingenieur. Melanchthon hat es geschafft, mit 1,50 Meter Größe und seiner sprachlichen beeindruckenden Fähigkeit, die Herzen – und die Studenten – von Wittenberg zu erobern. Er war quasi der Studentenberater schlechthin, der sogar Zimmer suchte und Empfehlungsschreiben schrieb. Und die Ehe mit Katharina? Wahrscheinlich der Plan von Luther, um ihn an Ort und Stelle zu halten. Melanchthon war ja der Typ, der alles kannte und weitergeben konnte – ein wahrer Wissens-Promi der Renaissance!

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