Vom Hörsaal ins Kloster

Im Stift Neuburg werden künftig
auch Studenten wohnen

Sobald auch nur ein Hauch von Sonne die uralten Mauern touchiert, bekommen die Makler glasige Augen. Was könnte man aus Stift Neuburg nicht alles machen. Ein Hotel. Eine Schönheitsklinik. Appartements vom Allerfeinsten. Doch daraus wird nichts. Weil die Benediktiner jetzt ein Zukunftskonzept für ihr Kloster entwickelt haben.

Sie wollen es so umbauen, dass dort künftig auch Studenten leben können. Gemeinsam mit den Mönchen. Zwanzig Zimmer sind geplant, sieben davon für den Konvent. „Wir haben das Zusammenleben bereits ausprobiert“, verrät der Prior Benedikt Pahl. „Es ist eine Bereicherung.“ In den kommenden Wochen sollen die Bauarbeiten beginnen.

Das Durchschnittsalter der Mönche beträgt 74 Jahre. Doch ihr Tatendrang ist ungebrochen.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Abtei Neuburg hat keine Geldsorgen. „Unser Kloster steht auf einer stabilen finanziellen Grundlage“, sagt Pater Benedikt. Man habe einen treuen Freundeskreis und einen Verwalter, der „gut wirtschaftet“. Das ist wichtig, denn Klöster erhalten keine Kirchensteuern.

Martin Jonak (29) und
Sebastian Balciunas (25)

Selbst die Turbulenzen der jüngeren Vergangenheit haben die Neuburger Konventskasse nicht in Schieflage gebracht. „Es war aber bitter nötig, die Notbremse zu ziehen“, formuliert Benedikt Pahl. „Sonst wären wir finanziell ruiniert worden.“ Alte Geschichten. Jetzt wird Zukunft gestaltet.

74 Jahre beträgt das Durchschnittalter des Neuburger Konvents. Pater Benedikt Pahl (65) geht hier noch als junger Spund durch. Doch der Tatendrang der Mönche ist ungebrochen. Sie freuen sich sichtlich über die neue Lebendigkeit, die die Studenten ins Haus bringen. Die männliche Sprachform ist in diesem Fall korrekt. Die neuen Studentenzimmer befinden sich nämlich im Bereich der Mönchsklausur. Dort dürfen nur Männer einziehen.

Die Finanzierung des Umbaus ist zu 80 Prozent gesichert. Auch vom Erzbistum Freiburg kommt ein Zuschuss.

Die Mönche selbst werden nach dem Umbau im Erdgeschoss wohnen, um die vielen Treppen zu vermeiden. Jedes Zimmer besitzt dann eine eigene Dusche – ein Novum im Kloster Neuburg. „Wir achten darauf, dass alle Räume mit dem Rollator gut zu erreichen sind“, erläutert Pater Benedikt.

Prior Benedikt Pahl hat
Pläne mit „seinem“ Stift

Die undichten Doppelfenster, die noch aus den 1960er Jahren stammen, verschwinden. Ebenso wie die maroden, verrosteten Wasserleitungen. Die Finanzierung des Umbaus sei zu 80 Prozent gesichert, sagt der Neuburger Prior. „Ein stattlicher Zuschuss kommt auch von der Erzdiözese Freiburg.

Die Studenten, momentan noch unterm Dach untergebracht, sollen bald das Obergeschoss besiedeln. Sie essen meistens nicht im Refektorium, sondern in ihrer eigenen Küche, wo es zwei Kühlschränke, eine Waschmaschine und einem großen WG-Tisch gibt. Natürlich dürfen die neuen Mitbewohner auch die große Klosterbibliothek nutzen, sagt Pater Benedikt. Er ist in Neuburg auch der Bibliothekar.

Einst war Neuburg ein „Fräuleinstift“ für die unehelichen Töchter des Kurfürsten. Der Titel ist geblieben.

Der Wohntrakt stammt aus
den 1960er Jahren

1130, so berichtet die Chronik, trat ein „frommer und begüterter“ Anshelm ins Kloster Lorsch ein. Von seinem Geld wurde eine „Cella zu Niwenburg und eine Kirche zu Ehren des Apostels Bartholomäus“ gebaut. Genau dort, wo der Mausbach in den Neckar fließt. Leider gedieh die Einsiedelei Neuburg nicht, weshalb man sie in ein Frauenkloster umwandelte. Die Schwestern hielten durch. Bis 1562. Dann kam die Reformation nach Heidelberg.

Hundert Jahre später benötigte der calvinistische Kurfürst Karl Ludwig eine standesgemäße Bleibe für seine unehelichen Töchter. Das ehemalige Kloster wurde zun einem „Fräuleinstift“ umfunktioniert, das allerdings nur neun Jahre existierte. Der Titel „Stift“ hat trotzdem überlebt.

Die Abtei Neuburg ist das einzige Kloster in Deutschland, das in einer Universitätsstadt liegt

Sebastian Balciunas spielt
jetzt im Stift die Orgel

Sebastian Balciunas kommt aus Leipzig. Er ist 25 Jahre alt und steht kurz vor seinem ersten juristischen Staatsexamen. Seit drei Jahren lebt der Student in der Abtei Neuburg. Erst wohnte er im Gästehaus, dann durfte Sebastian ins Haupthaus übersiedeln. Er ist so etwas wie der Pionier der neuen Zeit. Zumal sich Sebastian wunderbar ins Klosterleben integriert hat. Der Student entstammt einer Musikerfamilie. Jetzt spielt er in der Klosterkirche die Orgel.

Die DDR hat Sebastian Balciunas nicht mehr erlebt. Wohl aber die Auferstehung der katholischen Gemeinde von Leipzig, die in dem spektakulären Neubau der Propsteikirche gipfelte. „Der Glauben spielt für mich schon seit Kindertagen eine große Rolle“, sagt der Jurastudent. Woraus er auch an der Uni kein Hehl macht. „Manchmal bitten mich die Kommilitonen sogar, ein Tischgebet zu sprechen.“

In der Klosterkirche
tanzen die bunten Lichter

Die Abtei Neuburg, überlegt Pater Benedikt, besitze ein „Alleinstellungsmerkmal“, das sie von allen anderen Klöstern in Deutschland unterscheidet: „Das Kloster liegt in einer Universitätsstadt. Das gibt es sonst nirgendwo.“ Warum aus diesem Vorteil nicht ein Erfolgsprojekt machen? Zumal Studenten im Stift Tradition haben. „In den 1960er Jahren haben viele Studierende hier gewohnt“, weiß Benedikt Pahl. Die Männer oben im Kloster, die Frauen unten im Stiftsweg. „Etliche der Ehemaligen sind über den Freundeskreis bis heute mit dem Kloster verbunden.“

Ein Frankfurter Rechtsanwalt machte Stift Neuburg zum Sehnsuchtsort der Romantik

Ernst Fries: Neckar
mit Stift um 1830

1825 erwarb der Rechtsanwalt Johann Friedrich Schlosser aus Frankfurt das ehemalige „Stift Neuburg“. Als Altersruhesitz. Der Goethe-Liebhaber verwandelte das Gelände in einen elysischen Treffpunkt für Künstler, Literaten und Musiker. Ein Sehnsuchtsort der Romantik. Nie ist Stift Neuburg schöner gemalt worden.

Als das Ehepaar Schlosser kinderlos starb, erbte Alexander von Bernus das Anwesen. Er führte die Tradition der literarischen Salons fort. Mit illusteren Gästen: Rilke, George, Ricarda Huch, Klaus Mann und viele mehr. Doch schon 1911 kippte die Leichtigkeit. Alwar Bernus, der 11-jährige Sohn, verunglückte beim Spielen tödlich. Der Vater hat diesen Verlust nie verwunden und flüchtete in die schwarze Magie. Tischerücken, Geisterbeschwörung, Seelenwanderung …

1926 war Von Bernus bankrott. Das Stift stand zum Verkauf, die Erzabtei Beuron griff zu. 1927 wurde die Klosterkirche neu geweiht. Zwei Jahre später zogen die Benediktiner ein.

Was spricht dagegen, diese künstlerische Tradition wiederaufleben zu lassen? Auf hohem Niveau.

Heinrich Wilhelm Trübner:
Die Einfahrt zum Stift 1913

„Musik und Malerei sind seit der Zeit des Ehepaars Schlosser untrennbar mit Neuburg verbunden“, überlegt Pater Benedikt Pahl. Was spricht dagegen, dass das Kloster an diese künstlerische Tradition wieder anknüpft? Auf sehr hohem Niveau. Über diese Idee führe der Konvent gerade Gespräche, verrät der Prior. Mehr sagt er nicht.

Doch egal, wie die Kooperation mit der Kunst letztendlich vereinbart wird, der Bereich des eigentlichen Klosters bleibt davon völlig unangetastet. Verspricht Prior Benedikt Pahl. Ebenso tabu für Veränderungen sind die Brauerei und das Ausflugslokal. „Unsere Besucher werden weiterhin in Neuburg ihr Bier kaufen und eine Kleinigkeit zu sich nehmen können.“

Einfach mal ausprobieren, wie es sich in einem Kloster so lebt. „Diese Chance erhält man selten.“

Martin Jonak ist 29 und stammt aus Bratislava in der Slowakei. Er hat in Heidelberg Physik studiert und arbeitet jetzt als Assistent im Neuenheimer Feld. Im Sommer möchte Martin seine Doktorarbeit abgeben. Seit 1. Mai 2021 lebt der junge Physiker im Kloster Neuburg. „Ich habe vorher viele Jahre in einer WG unten in der Stadt gewohnt und mich dort sehr wohl gefühlt“, erzählt Martin. Doch als die WG aufgelöst wurde, habe er die Chance ergriffen, das Klosterleben auszuprobieren. Unverbindlich und ohne Erwartungen von Seiten des Konvents. „Solch ein Angebot erhält man selten.“

Martin Jonak ist Physiker und
stammt aus der Slowakei

Martin stammt, wie er sagt, aus einer sehr traditionellen katholischen Familie. „In der Slowakei ist das noch normal. Wir leben in einem anderen Glaubenskosmos.“ Weshalb er auch treu bei den Morgenmessen in der Klosterkirche ministriert. „Ich genieße die klösterliche Atmosphäre sehr. Die Stille, die Bibliothek, die Gebete.“

Fünf Mal am Tag versammelt sich der Benediktinerkonvent in der Kirche zum Gebet. Ein Mönch, so lehrt der heilige Benedikt von Nursia, betet niemals für sich. Er betet immer für die Anderen. „Eigentlich bin ich hier dauerhaft in Exerzitien“, lächelt Martin Jonak. Er sieht sehr zufrieden aus bei diesem Gedanken.

In den 1960er-Jahren quoll Neuburg über vor Novizen. Der Krieg hatte die Männer fromm gemacht.

„Wie viele Berührungspunkte man als Student mit dem Konvent hat, kann jeder selbst steuern“, hat Sebatian Balciunas, der junge Jurist, herausgefunden. Die Mönche erwarteten von niemandem etwas, hätten aber immer ein offenes Ohr. „Am Sonntag mache ich gern mit einem der Brüder einen Spaziergang.“ Schließlich liegt Stift Neuburg nicht nur nah bei der Stadt. Es liegt auch mittendrin im Grünen.

Früher lebten die Mönche
von der Landwirtschaft

Die 1960er-Jahre waren die Blütezeit der Abtei Neuburg. Der Krieg hatte die Männer fromm gemacht, das Kloster quoll über von Novizen. Die Mönche lebten abgeschieden und autark. 300 Liter Milch pro Tag lieferten die Klosterkühe, man züchteten Schweine, Forellen, Hühner und Schafe. Es gab eine Gärtnerei, eine Schneiderei, eine Schreinerei, eine Schlosserei und eine Buchbinderei. Die Neuburger Efeuzucht war weltberühmt.

1988 dann die Öffnung. Abt Franziskus Heereman entschied, dass künftig auch Laien am monastischen Stundengebet teilnehmen dürfen. Die hohen Mauern wurden jeden Tag ein Stück durchlässiger.

Langsam entsteht im Kloster so etwas wie eine studentische Kultur. Sie ist sehr international.

Seit vergangenen Herbst, erzählt Martin Jonak, steigt die Zahl der Studenten, die im Kloster wohnen, beständig an. Es enstehe fast schon so etwas wie eine studentische Kultur. Sie ist sehr international. „Wir hatten einen Studenten aus Litauen, einen aus Chile und zwei aus Südkorea“, berichtet Pater Benedikt. Später kamen noch ein junger Priester aus Italien und ein ebenso jugendlicher Benediktinermönch aus Amerika hinzu. Pater Matthew lernt in Heidelberg, wie man uralte vorchristliche Keilschriften aus Syrien entziffert. Und neuerdings wohnt sogar ein evangelischer Theologiestudent im Kloster.

1988 hat die Abtei Neuburg
ihre Pforten geöffnet

„Für mich ist es sehr wichtig, dass wir mit unserem Dasein den Rhythmus der Mönche nicht stören“, betont Martin Jonak aus Bratislava an der Donau. „Die Mönche sind ja die Gebenden. Und wir sind die Empfangenden.“ Im Sommer wird der junge Physiker ins Berufsleben starten. Was er mitnimmt aus seiner Zeit im Kloster? Eine klare Struktur des Tages, antwortet Martin ohne zu zögern. „Es gibt eine Zeit, sich der Arbeit zu widmen. Und es gibt eine Zeit, sich Gott zu widmen. Wenn man diese Struktur erst einmal internalisiert hat, bleibt sie fürs ganze Leben.“

Und die Mönche? Was lernen sie von den Studenten? Pater Benedikt Pahl strahlt plötzlich. Durch die Gespräche mit den jungen Männern, sagt der Prior, erkenne er von Tag zu Tag mehr, dass die Naturwissenschaft ganz ähnliche Fragen stellt wie die Theologie: Wo ist der Ursprung? Wo ist der Sinn? Was ist das Ziel? Vielleicht gelange man ja irgendwann zu einer gemeinsamen Antwort.

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